Jacke zu scharren, zu angeln und zu schnappen. Es währte geraume Zeit, bis er abließ. Von allen Seiten versuchten sie ihr Heil, schweißtriefend scharrten sie sich um das wackelnde Rohr und unternahmen Angriffe. Nunmehr hieß der Anführer der Kommission den Barbier, das Rohr zu kippen; zwei Mann luden es sich auf die Schulter und postierten sich damit vor ihren Befehlshaber. Der ließ Platz machen und schaute in die Höhlung hinein. Er setzte sich auf einen Stuhl. Als das Fenster geöffnet war, richtete er sich auf, schüttelte den Kopf: „Der Boden ist durchsichtig, völlig durchsichtig! Man sieht den leibhaftigen Himmel.“ Die Übrigen nahten sich hintereinander, das Kopfschütteln und betretene Herumblicken nahm kein Ende: „Man kann den Himmel erblicken durch den Boden.“ Der Barbier hatte die Nacht über geweint nach seinem Geld; nunmehr drückten ihm die Bauern einer nach dem andern die Hand, sahen ihn ernst und gefaßt an und verschwanden. Draußen standen sie noch in einer Reihe unter dem Scheunendach, guckten und zeigten nach dem Haus herüber. Bald hinter ihnen her spazierte der Nachbar mit Frau und Schwagersleuten herein zum Barbier, sie hatten die Kommission draußen parlamentieren hören und wollten einmal sehen, was die Röhre blicken lasse. Abwechselnd hielten sie das Blech auf ihren Buckeln; der Nachbar äußerte befriedigt: „Ja es ist ein schöner Durchblick.“ Und alle sahen

hindurch und freuten sich des schönen Himmels; und erzählten zu Hause, welch schönen Himmel man dies Jahr durch die Wunderröhre des Barbiers sehen könne, so daß am selben Nachmittag schon welche gelaufen kamen mit Würsten, Pulswärmern, Messingknöpfen, Schnupftabak und zu der Stube hereindrangen. Der wollte wissen, ob man auch fragen könne, wie es der Schatz mit einem meine, der, wie das Bier wird, der, ob das Rohr auch wisse, wo Geld vergraben liege; er wüßte nämlich ein sonderbares Loch in der Nähe. Der angestaunte Besitzer ging erregt durch das Zimmer: „Man muß halt alles versuchen: fragt’s mich nicht. Die Haare können einem zu Berge stehen ob dero Geschichten.“ Er erinnerte sich in all dem Gedränge, daß sein Großvater, der erste Besitzer des Rohrs, ein frommer, seliger, freilich auch verdächtiger Mann gewesen sei, sofern er nämlich unter merkwürdigen Umständen starb mitten beim Essen, nachdem er dreimal auffällig mit dem Mund geschnappt hatte. Das war ein Zeichen, er hatte etwas sagen wollen wegen des Rohrs. Ein altes Weib tat wehmütig einen flüchtigen Blick durch das Rohr, dann machte sie den Mund ganz schief, schluchzte und bellte: „Man kann den Himmel sehen samt den Englein. Mein Philipp ist da, ja mein Philipp ist da.“ Ein dickes junges Wesen mit vielem Putz tröstete die Witwe, meinte: „Ich schau nicht durch. Das Wasser läuft

einem im Mund zusammen. Der Magen könnt’ sich einem umkehren.“

Der Barbier machte hinter den Leuten die Tür zu; er stellte das Rohr in seinen finstern Winkel, legte das Ohr an das Blech; er hörte es deutlich flattern und pfeifen von vielen himmlischen Vögeln; dann gab es eine beängstigende Stille. Er warf einen Heller hinein, wartete etwas; dann kniff er die Augen zu, faßte sich ein Herz, angelte und schüttelte das Blech. Die Buben standen vor dem Fenster, schrieen: „Gold macht er, Gold macht er.“ Er drohte hinaus, zog die Vorhänge zu, schmunzelte bösartig: „Nun, wenn ich schon Gold mache; ihr kriegt nichts ab, verschmutztes Gesindel.“

Mariandel hieß seine Tochter, sie war nicht sonderlich schön; sie erlebte in diesen Tagen eine feine Zeit. Die Burschen liefen ihr zu Dutzenden nach. Sie ließ ihre böse Zunge, wegen der sie auch gehaßt war, gehen, fischte sich die am meisten umschwärmten Burschen heraus und führte ein großes Getue mit ihnen beim Kirchgang und auf dem Marktplatz. Die Burschen, ob der drohenden fabelhaften Mitgift, ließen die Weinflaschen anspringen, schmeichelten der dürren eitlen Person um Schulter und Brust. Die Mädchen weinten zu Dutzenden. Ein furchtbares Regiment führte sie, ja der ganze Tanzhoden zitterte vor ihr, und manche Wirte klagten über das hochmütige Volk, weil die Barbierstochter den großen

Schwarm der Burschen hinter sich herzog und sich nach Laune bald da, bald da blicken ließ.

Für den Barbier lief die Sache nicht gut ab. Ein anderer Bartscherer trug gegen ihn eine große Wut zur Schau, weil zu dem Zauberer die Leute liefen wie in eine Schenke; es hofften nämlich viele, der Barbier würde gelegentlich etwas für sie abfallen lassen. Jener Bartscherer gewöhnte sich in seinem Grimm ein besonderes Zucken der linken Backe an; er kehrte den Spieß um; der alte Barbier und Kollege sei ein Hexerich, und was für einer, und was es da zu bewundern und was es zu beneiden gäbe? Seit wann werden Hexeriche angestaunt? Wer garantiere, was dieser Mann alles vor habe? Alles, alles, noch alles! An euren Früchten soll man euch erkennen; man frage einen gewissen Wirt zum Goldenen Elch, wie lange sich nächtens eine gewisse unansehnliche Dame, Fräulein oder Jungfer, Mariandel geschimpft, in einem gewissen Garten mit Burschen aufhalte, heute den, morgen den, und übermorgen den umhalse? Wie gewonnen, so zerronnen, hieße es, und ferner: Untreue schlägt seinen eigenen Herrn, und ferner: es ist noch nicht aller Tage Abend. Der Widersacher, in seiner mageren Existenz bedroht, bestimmte einige ausgeschlossene Freiersleute, dazu eine kleine Horde unbegüterter Mädchen, sich ihm anzuschließen und einen Vorstoß zu unternehmen gegen das Hexen- und Zauberwesen im neuen

Padrutz. Sie schmiedeten mancherlei Pläne und schließlich wurde ein Komplott reif gegen den Barbier. Eines sehr dunklen Abends rückte eine Schar Mädchen mit wenigen Männern in den Garten zum Goldenen Elchen ein, schwang Besenstiele und Stangen, vertrieb und prügelte die hinter Bäumen lauernden Burschen, die auf einer Wiese kosende Mariandel wurde aus ihren Träumen gerissen, windelweich gegerbt, alsdann gebunden in eine entfernte Scheune transportiert. Inzwischen marschierte der hetzende Widersacher mit seiner Mannschaft vor das Barbierhaus; ganz still war es da und schöne Sommerluft wehte; der gewandte Mann schwang sich anschleichend durch ein offenes Fenster, wand sich ohne zu poltern in die Nähe der gefährlichen Röhre und plötzlich, als er den Barbier schnarchen hörte, gab er einen lauten Schrei von sich, die Mannschaft stürmte herein durch die springende Türe. Eine rasende Schlägerei entspann sich mit Möbeln, Gegenständen, denn man fürchtete überall Hexenkram. Der Zauberer suchte in seiner Todesangst nach dem Rohr zu entwischen; sobald er nackt den Angreifern ausglitt und fortschlüpfte, stand der andere Pomadenkünstler drohend mit seinem Knüttel da, wie der Erzengel vor dem Paradies, und die Hiebe sausten auf den kollegialen Buckel. Wie man ihn im Finstern überwältigt hatte und zwischen Betten festgeschnürt auf den Boden legte, stürzte unvermutet das Rohr

um; es hatte sich nämlich der Widersacher unter heftigem Zucken seiner Backe daran zu schaffen gemacht, um hinterrücks zu seinem Glück zu kommen. Aber in dem kleinen Zimmer purzelte alles durcheinander; mehrere rutschten aus über das rollende Blech; es war im Nu verbogen, und wurde von einem, der sich die Hose daran aufriß, in der Wut zertreten, zerbogen und völlig seiner Form beraubt. Nachdem die höllische Schar das Geschirr im Laden, Seifenbecken, Waschkanne und Zierkrüge kurz und klein geschlagen hatte, verschwand sie im Dunklen, von wo sie angeschwirrt war. Unter den heißen Betten wimmerte der geprügelte Barbier; die unansehnliche Tochter wurde vor Anbruch des Tages noch von drei Mädchen, die in ihrer Rachsucht nicht schlafen konnten, zwei- dreimal in einen der nahen Stinkseen getaucht und so besudelt am Ufer hingeworfen. Mit der nächsten Morgensonne ward alles aufgedeckt. Der Barbier erstattete Anzeige, er sah sich vor dem Ruin. Bei der ersten Vernehmung jedoch ließ er die Anklage fallen, denn er durfte nichts von dem Zauberrohr verlauten lassen vor der Behörde. So wäre der graue geplagte Mensch schrecklich von dem Schicksal gefoppt worden, nachdem er sein Rohr, viel Handwerksgeschirr und manchen Kunden verloren hatte. Aber wie er einmal auffegte in jener dunklen Stubenecke, sehnsüchtig bei der Erinnerung an sein Rohr, erfüllte sich ein Wunder: plötzlich lagen

da, von Staub bedeckt, zahlreiche blanke Goldgulden und massenhaft kleine Heller. Auch der Boden des Rohres lag da, freilich das Trümmerstück war ganz gewöhnliches Blech und nicht mehr durchsichtig. Beglückt und gequält sammelte er alles zusammen; er dachte, am Boden hockend, den Fund im Schoß, was sich alles hätte erreichen lassen mit dem Rohr, wenn es sogar in der Abwesenheit an seiner Wohnstatt Geld hinstreute, wie eine Henne, die nach ihrem Tode noch Eier legt. Als er jegliches in Gedanken durchgegangen war, hob er sein mageres Körperchen auf, legte alles Geld in seinen Beutel, umstellte nun die Fundstelle, wie früher das Rohr, mit Kästen, hohen Stühlen und Gerümpel. Er gelobte in dem ungezäunten Revier über Jahr und Tag wieder zu fegen. Die mißachtete Mariandel wagte sich kaum ans Licht; sie war von ihrer Höhe gestürzt. Es dauerte lange, bis sie ihr Zünglein wieder entdeckte, und das Zünglein, nicht mehr als zehn Zentimeter lang, fünf breit und kürbisrot, half dem schweren verzagten Körper wieder auf. Mit Schnattern und Sticheln kam Mariandel wieder angerückt. Das Geheimnis der Ofenröhre hat bis heute kein Lobensteiner entdecken können.