Von der Unbehilflichkeit der Leute sind zahllose Geschichten im Schwange. Sie alle zu erzählen ist ein einzelner gar nicht fähig. Worauf die Leute verfielen, zeigt sinnfällig die Geschichte von der Kuh. Eine Mutter hatte ein kleines Kind, das sie mit Milch füttern mußte. Weil sie nun viel ausging und ihr Mann zu den eingebildeten Springern und Flaneuren gehörte, so legte sie das Kindchen oft im Stall in eine Ecke, damit sie es gleich zur Hand hätte, wenn sie die Kuh melkte. Bald schien ihr auch das zu viel; sie flocht sich ein Körbchen und band es der Kuh auf den Rücken; oben lag in einem Bettchen das Kind und sie brauchte sich nicht zu bücken. Damit nun die Kuh niemanden heranlasse und das Kind ihr nicht gestohlen werde, vergaß sie nicht, dem Vieh einen großen Stein an den Schwanz zu knüpfen, damit es Angreifern eins vor die Brust versetzte. Es hätte natürlich nicht viel gefehlt, daß statt dessen das unvernünftige Tier das Kindchen in seiner Unruhe schlug. Wie die Mutter am Morgen das Tier wild mit dem Schwanz fechten sah, — sie hatte sich schon Bänderchen um den Kopf und eine rote Schärpe umgehängt, weil heute ein noch unbekannter
Heiliger durch eine Prozession verehrt werden sollte, — traute sie sich nicht an die Kuh heran, denn das schlagende bewaffnete Wesen schien es nun auch direkt auf sie abgesehen zu haben. Das Kind schrie nach seiner Milch und in ihrer Not und Einfalt holte sie sich einen kleinen dünnen Schlauch, stieg, von dem grimmigen Rindsvieh entfernt, auf eine Leiter, rutschte auf einem Dachsparren entlang, bis sie über dem Kindchen saß mit ihrer Spritze und ließ die Milch dem Kind von oben in den Mund fließen, sachte und unter vorsichtigem Zielen. Es versteht sich, daß das Geschöpf sich oft verschluckte und völlig begossen wurde; daß auch die Kuh hin- und hertrabte und nach den Beinen der schwebenden Mutter schnappte. Bei dieser Prozedur kam eine andere Frau an, blieb im Stalleingang stehen und schrie, die Mutter solle der Kuh ordentlich eins mit dem Schuh auf die Nüstern geben. Die Mutter tat es, und diesen Augenblick der Verblüffung des Viehs benützte jene Frau, um hinterrücks anzuspringen, den Schwanz zu packen und den gefährlichen Stein abzuschirren. Froh kletterte die Mutter abwärts, lief, um mit der Hand noch einmal die Schwere des Steines zu prüfen. Die Nachbarin aber hielt sie mit schlauer Miene bei der schönen Schürze fest, steckte den Finger in den Mund, und nun setzten die ungezogenen Weiber folgendes ins Werk: sie drehten sachte das Körbchen, aus dem sie das
Geschöpfchen herausgehoben hatten, abwärts, ließen es an dem Strick, der um die Kuh reichte, heruntergleiten um die Bauchwölbung des Tieres, bis es unten hing. Da hinein versenkten sie den Säugling, nahe dem Euter und der frischen Milch. Sie schlüpften zurück und bewunderten von der Stalltür entzückt ihre Arbeit, und wie gut das Würmchen aufgehoben war an der warmen Quelle. Es wäre wohl alles so verblieben, hätten nicht die Kuh selbst und zwei daneben stehende Ochsen der Sache ein Ende gemacht. Das Kindchen noch naß, ließ sein Stimmchen aus dem wogenden Versteck erschallen; die Kuh, wahrscheinlich in der Meinung, daß sie Bauchrednerin geworden sei, stand stumm und unbeweglich, glotzte entgeistert und horchte. Die beiden Ochsen stellten sich herzu, senkten die Köpfe und schwankten zwischen Ehrfurcht und Mitgefühl, äußerten sich in einem ungeheuren Brüllen, fragend, antwortend, tröstend. Auf das unglaubliche Getöse lugten einige Männer herein. Diese klärten die Situation allseitig. Sie holten das Kind; dann nahmen sie ihre Hosengürtel und schlugen damit den Weibern ums Maul; vielfach holten sie aus; die eine verlor dabei ihre Bänder, die andere verwünschte ihre Schlauheit. Kuh und Ochsen fanden sich erleichtert.
Es wohnte da auch in einem dunklen Hause ein älterer Barbier. Der hatte von seinem Vater ein großes Ofenrohr geerbt, welches unten zugelötet war.
Warum es zugelötet war, ließ sich nicht mehr feststellen. Jedenfalls stand es seit altersher in der Wohnstube des Barbiers. Eine besonders finstere Ecke wurde stets ausgewählt für das Ofenrohr; da hielt sich das rauchschwarze zylindrische Instrument auf, zwischen hochlehnigen Stühlen und Körben, die vergeblich suchten, den ungewöhnlichen Gegenstand zu verdecken. Das zugeschweißte Ding wurde von dem Barbier benutzt als Opferstock und vorübergehende Depositenkasse; wenn er etwas wieder haben wollte, so nahm er eine reservierte Schere seiner Barbierstube, deren beide Flügel durch mächtige Holzgriffe verlängert waren und ließ sie in die Tiefe nach der Beute schnappen. Oder er griff zu einem übermäßig gestreckten Löffel, scharrte und angelte am Boden. Die Röhre war mit nach Padrutz gewandert, in dem Barbierhäuschen hatte sie ihren angestammten Eckplatz gefunden. Einmal ging der Mann am Feierabend in die Ecke, packte die Röhre bei ihrer Öffnung, wippte und drehte sie leicht, ließ Schere und Löffel herabspielen. Aber wie sie auch schnappten, sie fanden nichts. Der angeschweißte Boden hatte sich nämlich gelöst von dem Rohr; Geld und Boden stand etwas entfernt auf der Erde. Er schob alle Kästen, Koffer und Stühle beiseite, rollte die polternde Röhre an das Fenster, richtete sie auf und begann das Visitieren von neuem. Der Schweiß lief dem kleinen kahlköpfigen Mann über die Nasenflanken,
sein schmales graues Gesicht vibrierte: mit Löffel und Schere spazierte er auf und ab, umging seinen Tresor, ließ seine Füße dagegen pendeln; aber kein herzliches Geld klapperte. Wie er auch entsetzt und giftig über die Röhre herfiel, sie drückte und rüttelte, ihr Bauch blieb still, „es ist weg!“ Er hatte vor einer Stunde noch die letzten Heller hinuntergeworfen, nicht aus dem Zimmer war er gegangen! Der Barbier lief zu seinem Nachbar, der sein letzter Kunde gewesen war, holte ihn in die Stube und fragte, ob er ihn nicht vor grad einer Stunde barbiert hätte nach allen Regeln seiner Kunst. Der schmunzelte: „Ei ja,“ und seine Frau habe ihn bewundert, weil er so schön gerochen hätte und acht Heller habe er dafür geleistet: „Ei ja, ist schon alles recht.“ Der Mann wollte dem Barbier wieder die Hand geben, aber der verängstigte Mensch hielt ihn beim Rockkragen: „Und die acht Heller, die hab’ ich da aus dem Fenster geschmissen oder aus dem?“ „Ei nein,“ brummte der andere und nahm die Pfeife aus dem Mund, „wie wirst du denn meine guten acht Heller aus deinem Fenster werfen. Das Geld steht zwar schlecht im Kurs hierzulande, aber hast sie dir doch sauer verdient an meinen Stoppeln.“ Er lachte behaglich, betrachtete seinen Mann zweifelnd. Der ließ den Rockkragen los. „Es ist weg, die acht Heller sind weg; die zwanzig Heller für Pomade sind weg; das ganze Geld vom langen Tag ist weg.“
Der Nachbar begütigte unverändert lächelnd: „Ei nein. Wie wird doch das ganze Geld weg sein, für die Pomade und das Barbieren? Wo wird es sein? In der Röhre, in der Röhre; bei der alten Tante.“ Der Barbier auf dem niedrigen Schemel, der mit Blutflecken bedeckt zum Zahnziehen diente, stöhnte: „Nicht bei der Tante.“ Resolut nahm der Nachbar Löffel und Schere vom Fensterbrett, suchte erst in der Ecke nach dem Rohr, stieg am Fenster in den Abgrund. Er machte den Mund nicht wieder zu. Flüsternd kam er hinter dem Barbier her: „Bist du nicht rausgegangen?“ „Nicht rausgegangen.“ „Giebst dein Wort drauf, Barbier?“ Da pfiff der Nachbar, ging auf den Spitzen mit Löffel und Schere ans Fenster, legte alles vorsichtig nebeneinander, schlüpfte ohne eine Silbe, nur mit der Hand den Barbier leicht am Ärmel streifend, zur Tür hinaus. Allein saß der kleine Meister in der Stube mit der schwarzen Ofenröhre.
Nach einer Viertelstunde stiegen drei Männer unter Führung des Nachbarn ein, flüsterten mit dem Nachbarn, der zeigte: „Da am Fenster.“ Sie hatten alle vier bebänderte Mützen in der Hand, taten sich ein Langes und ein Breites mit Dienern und Grüßen vor dem Barbier im Angststuhl, umstanden, Arme über den Leib geschlagen, im Kreis die schwarze stille Blechrundung. Der Nachbar klopfte dagegen: „Es ist Blech.“ Die nickten: „Blech, von oben bis unten.“
Als ein jüngerer die Fingerspitze nach dem Rand ausstreckte, hielt ihn mit hohen Augenbrauen ein anderer zurück: „Was mußt du gleich anfassen?“ Der ernste Nachbar bog die Knie, stelzte zum Barbier, hauchte ihm gebückt ins Ohr: „Verhext.“ Der Barbier stellte sich leicht zitternd unter sie; die drei neuen befühlten nacheinander das glatte Kinn des offiziell dreinschauenden Nachbarn, der auch seinen Geldbeutel klappern und drücken ließ. Im Gänsemarsch zogen sie hinaus, schüttelten draußen ihre Jacken. Vorübergehend sagte der Nachbar noch, nicht anrühren sollte der Barbier die Röhre; wer weiß, wenn man sie sich über den Kopf zieht, wird man unsichtbar und nachher findet man nicht heraus oder was sonst.
Am nächsten Morgen rückte die Bauernkommission an, sechs Mann stark, nahm vor der Tür den blanken Barbierteller ab, damit sie keiner störe und begann das Untersuchen. Zwei Goldgulden hatte jeder mitgebracht, darauf das Kreuzzeichen mit Kohle gemalt. Das graue Männchen rollte seine Röhre in der dunklen Ecke; dann wurde er beiseite gewiesen. Ein Bauer trat nach dem andern an die Höhlung heran, warf seine Gulden herunter. Man hieß den Barbier nun das Möbel ergreifen, und während alle beiseite traten, an das Fenster wälzen und aufrichten. Gewichtig trampste ein Bauer an das Regal, nahm Schere und Löffel herunter und fing an nach abgelegter