so schnell laufen wegen ihrer ungewohnten Leibesfülle, schnauften in ein grade offnes Haus, dessen Besitzer nicht anwesend war, und verbarrikadierten sich. Da saßen die Schelme nun fest. Sie waren die Tage vorher in Verzweiflung gewesen, wußten nicht, wie heraus aus der Klemme, da sie Schneider und Schuster waren, aber keiner Schmied. Das Essen schmeckte immer besser, und in ihrer Verlegenheit fingen sie an, sich die Fahne zu sticken und zusammenzuflicken; sie hofften todesmutig auf irgendeinen rettenden Zwischenfall. Die Beine schlotterten ihnen, als sie auf den Markt zogen, das Gewehr hatten sie noch zu guter Letzt in der Dachkammer des Hauses aufgestöbert und mitgenommen. Jetzt schoß der eine in einer Art ängstlicher Berauschtheit, in einem unsicheren Gefühl, daß hier etwas geschehen müsse, bevor der Registrator eintraf; der Amboß erschien allen wie ein Richtblock; er schoß in Todesfurcht und hätte, wenn es sein müßte, die ganze Stadt und seine Kameraden erschossen. Die Lobensteiner rissen aus, und die Gesellen, Hals über Kopf, brüllend flohen hinterher.

Ab und auf wogte die Menge vor dem Kastell; bisweilen steckte ein Schelm den Kopf zum Fenster hinaus und schrie etwas Befehlendes in einer fremden Sprache. Gegen Mittag erschien der uniformierte Oberregistrator vor dem Haus. Sie riefen ihm zu, es liege ein Bruch des Völkerrechts vor; man hätte sie verjagt,

mit Besen und Feuerzangen bedroht. „Wehe, wehe.“ Warum hätten sie geschossen? — Geschossen? Das seien Salutschüsse gewesen, wie sie in ganz Böhmen, Mähren, Istrien, Venetien bis zur Lombardei herunter täglich bei freudvollen Ereignissen losgingen; und wenn schon ein Spiegel dabei zerbräche, was mache das aus! Ein Spiegel! Wehe, wehe! Sie würden ihn bezahlen. — Dem Registrator wurde fade zumut bei diesen Reden; das Völkerrecht gebrochen zu haben, war für einen Lobensteiner kein kleiner Vorwurf; er hatte dazu das Bewußtsein, überhaupt ein Unrecht begangen zu haben mit der Zulassung dieser Fremden. Er gab innerlich klein bei und parlamentierte herum. Da öffnete sich unversehens oben eine Dachluke, auf einer Leiter stieg geheimnisvoll heraus an die Luft ein weiß bemalter Mann, anzusehen wie jenes Schneemännchen, klingelte laut, eine Stille trat ein und sprach einen furchtbaren Fluch über Lobenstein aus. Dann sank er wie ein Geist nieder. Es war ein entsetzlicher Moment; die Bauern standen da wie Steine. In dem anhaltenden Schweigen pochte der Beamte an die Tür, versprach Genugtuung. Aber lange dauerte es, bis sich drin etwas rührte. Die Türe öffnete sich. Stumm zogen die verstörten sechs Handwerker heraus, reichten feierlich dem Regierungsvertreter die Hand. Ihr Schutzgeist, das Männlein im Schnee, hätte sie verlassen; das hätte sie bekümmert; es sei einen Moment von ihnen gegangen,

eben im Häuschen, von der Stange sei es heruntergeschritten die Treppen hinauf; sie seien froh, jetzt stünde es wieder ganz klein auf seinem Eckchen. Ein paar Lobensteiner Frauen ächzten: „Des hat ja auf dem Dach gestanden; geklingelt hat es.“ Schwermütig winkten die Gauner, scharten sich um die Fahne und blickten zu dem Klingelgeist herauf. In der gesammelten Stimmung begegnete man nun einander mit Ruhe. Der Beamte lud die sechs Fremden in sein Haus zum Mittagsmahle ein. Vorerst übten die Gesellen an ihrer Fahnenstange eine umständliche Art Neuweihe vor dem Haus unter einer Laube, umzogen die Stange, murmelten allerlei, besprengten sich und das ragende Holz, verhüllten zum Schluß das umfangreiche Möbel in ein bereitgehaltenes blaues Tuch. Nunmehr nahmen sie auch den Fluch von Lobenstein zurück und begaben sich an die Mahlzeit. Dann wie es Zeit war, hieß es Abschied nehmen. Sie waren zu erschüttert, um noch zu guter Letzt, wie sie vorhatten, den Stallbauern ein paar Schmiedehandgriffe beizubringen im Auftrag ihres verhinderten Freundes; sie baten um den gern gewährten Dispens. Von der Wegekommission unter Posaunenstößen an die Grenze geleitet, sagten sie allen Hinterbliebenen ihren Dank, sprachen auch den ausdrücklichen Wunsch aus, daß jener spiegellosen Witwe von Staatswegen Ersatz geschaffen würde. Sie selbst nahmen neben vielen sonstigen Grüßen eine Empfehlung an den

König von Böhmen mit, dem sie dienten. Es wurde von ihnen dem Anführer der Wegekommission eine Art Schärpe überreicht, mit welcher der Älteste der Gesellen selbst paradiert hatte; unter Segenswünschen und beiderseitiger Erleichterung ging es dann den Wall hinunter in das heimatliche stille Land hinein.

Keineswegs war mit dem Abzug der sechs Schelme die Angelegenheit erledigt. Der Anführer der Wegekommission bemerkte schon bald, nachdem er die Schärpe angelegt hatte, einen eigentümlichen Geruch an sich. Er schämte sich, gab das Blasen auf und schwand nach Hause. Während er in Anbetracht seiner Auszeichnung würdevoll spazierte, merkte er doch, daß er hinterwärts tropfte und daß die Schärpe auch seitlich etwas sickern ließ. In seiner Kammer vor der Welt verborgen, stellte er fest, daß das bunte Tuch mit saftigen Kuhfladen gefüllt war. Er hätte drüber geschwiegen, nur seine Frau, die ihn im Verpacken der ungewohnten Massen antraf, meldete den Betrug dem Amtmann, und heimlich vor dem Volk wurden im Schoß der Padrutzer Regierung Nachforschungen, Verhöre und Beratungen angestellt.

Die Einwohner blieben ruhig. Man diskutierte öfter, ob der Fluch des Schneemännchens seine Geltung habe oder nicht. Die mit der Sache nicht Vertrauten berichteten ihren Bekannten, es seien Vertreter einer großen, fischfangenden Nation dagewesen,

aber abgewiesen worden, die Lobensteiner gäben sich nicht für fremde Affären her. Während die Regierung noch beriet, ob die sechs Gesellen Musikbeflissene oder Spione einer der umliegenden Großmächte wären, verfiel das Volk in einen kläglichen Zustand. Das Geld, das die Leutchen wenig brauchen konnten, nahmen ihnen die Zigeuner und Gaukler weg. Viele Padrutzer kamen aus der einmal überkommenen Feiertagsstimmung nicht heraus; sie blieben bei ihren Großmannsmanieren, der Spaziergängerei und dem Wirtshaussitzen. Sie waren die Auserwählten und bewiesen es in mannigfachen Wettläufen zu jeder Unzeit; es ließe sich nicht dran rütteln, wie tüchtig sie wären, und sie lauerten nur auf den Moment, wo sich junge Burschen der Nachbarschaft hereinverirrten nach Padrutz, um sie einzuladen und mit Trompeten unterliegen zu lassen. Mit dem Hereinverirren war es freilich solche Sache; die Stachelzäune um Padrutz waren hoch, viele Fuchsfallen hatte man gestellt und schon waren an dreihundert Mann damit beschäftigt, die Gräben und schlau versteckten Tümpel anzulegen, in die sich Eindringlinge stürzen sollten; es stank im Umkreis nach dem Unrat, den man hier anhäufte. Reich waren die Seen und Bäche des neuen Gebietes an Fischen, starke Karpfen sah man sich tummeln, räuberische Hechte und sonstiges Schuppengetier; man griff sie heimlich mit den Händen; aber Netze besaß man

nicht; es war außerdem noch nicht heraus und stand nicht fest, ob die Behörden den Übergang von Fleisch- zur Fischnahrung billigten. Schon stach der Hunger und man verschlang, was in die Hände fiel. Da liefen traurige Räsonneure herum, die geradezu behaupteten, sie könnten die Fäuste nicht dauernd, bis alle Materialien und Erlasse kämen, in die Tasche stecken, und die Glieder würden ihnen klamm vom vielen Herumhocken. Schöne Weinberge gab es in Padrutz; scharf fuhr die Polizei dazwischen, wenn sich solch Räsonneur an den Reben zu schaffen machte; er solle gehen, wo er hingehöre; welschländische Sitten hier einzuführen solle niemand sich unterstehen; man bliebe Lobensteiner unter jedem Himmel. So trockneten die Weinberge; aber auch die Äcker wurden schlecht bestellt und brachten wenig, herein durfte nichts, die Amtmänner, Kommissare fingen an, selber unruhig zu werden. Es starben Leute weg, weil sie schlecht ernährt wurden; die Kinder sahen blaß aus und quarrten. Die Kommissare faßten Mut, schickten Boten in die nahen Ortschaften, ließen Brot und frisches Vieh aufkaufen. Nachts saßen sie in Gebüschen bei den duftenden Tümpeln mit den Juden, die hier ehemals gehaust hatten, und handelten. Bei Tag taten sie streng, sahen übernächtig aus und benahmen sich zum Schein, als ob sie nicht übel getafelt hätten. Erlasse und Verbote liefen weiter ein; es besserte sich manches, aber das meiste ließ sich

nicht ändern. Die Lobensteiner waren nur an Lobensteiner Verhältnisse gewöhnt, dazu an das Drängen und Schieben von oben; hier wußte sich niemand aus; sie trösteten sich, sie stöhnten: „Unsere Kinder werden es besser haben.“