Stoß der Verfügungen an. Die Kuriere waren rascher auf den Beinen als der anfängliche Troß. Und als wichtigste Verfügung wurde unter Trommelwirbel der ganzen Gemeinde verkündet, daß jede Verbindung und Vermischung mit der neuen Umgebung verboten werde, ein für allemal und in Ewigkeit, jede Hinzuziehung fremder Arbeiter sei untersagt, die Lobensteiner sollten sich und ihre Art rein erhalten; sollten etwa Lobensteiner mit Ausländern Kinder haben, so würden die nicht höher geachtet werden vor dem Gesetz als Mulatten und Mongolen. Als das notwendigste wurde ihnen bei der Verfügung daher die Grenzsicherung bezeichnet; die Regierung befahl an, Stachelzäune, Mauern und Fallgraben allenthalben an den Grenzen vorzusehen, Gruben mit stinkenden oder gefärbten Flüssigkeiten anzufüllen, damit Eindringlingen ein für allemal der Appetit verginge. Der nächste Kurierposten würde einen Transport von blaugrünen Schildern heranschaffen, welche überall an den zuführenden Straßen anzubringen seien: „Warnung! Todesgetahr! Lobensteiner Edikt 1829.“
Von den mitreisenden Beamten wurde nach dem erprobten alten System regiert. Als nun einige Bauern daran gingen, ihre Ställe aufzubessern, fehlte es an Mörtel. So hieß es in dem Lobensteiner Manuale für Verwaltungstechniker: man holt sich Mörtel aus Krummbach an der Lahn. Einer las es den Bauern vor aus dem Buch; so antwortete ein
Bauer: „Dann gehn wir eben rüber nach Krummbach. Ja, gehen wir nach Krummbach; den Mörtel braucht man eben.“ Der Registrator aber zupfte sich die Nasenspitze, meinte mürrisch, es sei recht weit und der Mörtel würde trocken bis da; er würde einmal in einem andern Buche nachsehen; er hätte noch ein älteres. In dem stand aber nur, wie man die Balken zusammenschlägt, daß sie fest zusammensitzen und das Haus nicht bei Sturm aus den Fugen geht. So sei es geschehen bei Quantberg 1408 im November. Die Bauern meinten, es ginge auch so, aber mit Mörtel ginge es noch besser, sie wollten doch lieber nach Krummbach. Da zupfte sich der dürre Mensch noch heftiger die blasse Nasenspitze, murmelte entrüstet etwas von Ungeschicklichkeit, unmodernem Wesen, sie könnten sich nicht in die Verhältnisse fügen, und er würde die nächsten Kuriere beauftragen, von Krummbach einige Lasten Mörtel heranzuschaffen. Die Stellbauer nickten friedlich und sagten: „Schönen Dank.“ Bald kamen einige daher, zogen die Mütze und sagten, ihre Pferde müßten neu beschlagen werden. Der Registrator hüpfte auf seinen Schemel, tauchte in die Aktenmappe und verschrieb aus Lobenstein einen Hufschmied.
Als bei den Pferdebesitzern nach ein paar Wochen noch kein Hufschmied vorgesprochen hatte, stellten sie sich selbst an den Amboß, um das Eisen zu schlagen. Sie verbrannten sich die Hände, tobten
und wimmerten, ohne etwas zustande zu bringen, bis das Schmieden verboten wurde.
Da erschien eines Tages ein Zug von mehreren Männern auf der Landstraße. Den Lobensteinern war verboten, Fremde einzulassen, aber die Neugierde war bei allen Ständen groß, und so hatten die Behörden gestattet, daß unter strenger Aufsicht Reisende durch das Land geleitet und nach Neuigkeiten ausgeforscht werden dürften. Das besorgte eine bewaffnete Wegekommission. Diese saß eines Tages vor dem Tore von Padrutz und blies Posaunen auf dem Wall, wie sie es gewöhnt war, um Reisenden den Weg zu zeigen. Da kamen sechs Handwerker zwischen den Bäumen daher, hörten erst neugierig zu, flogen dann auf die tönende Musik wie Motten aufs Licht. Sie rannten rasch wieder in das stille Land, als sie die drei mit Gewehr und Helm wie Gendarme sitzen sahen. Die ließen sich nicht beirren, bliesen vollmundig weiter. Jene sechs studierten aus dem Gebüsch die eigentümlich ernsten, enttäuschten Mienen der Posaunisten. Es schien ihnen sogar, als ob bald der, bald jener verstohlen nach ihnen mit der Hand winkte, freilich konnte es auch eine versehentliche Bewegung sein. Ein Handwerker nach dem andern schlüpfte nach einer Weile aus dem Busch, auch wie versehentlich, gähnte verschlafen, blinzelte gegen die Sonne, schlenderte ein paar Schritte des Weges heran; sie unterhielten sich dann, zu
einer Gruppe zusammentretend, erstaunt über die Musik, ließen sie andächtig über sich ergehen und nickten gelegentlich träumerisch mit den Köpfen. Schließlich faßten sie sich unter, trollten erquickt an das Tor und begrüßten die drei Musikanten. Sie fragten nebenbei, ob sie nicht irgendwo Unterricht im Posaunenblasen nehmen könnten; diese Musik hätte es ihnen allen zumal angetan. Als man sich die blitzenden Instrumente besehen hatte, baten die sechs um eine Unterkunft für die Nacht; was die Wegekommission nach abseitiger Diskussion huldvoll gewährte. Die schlauen Käuze nahmen im Dorfe Quartier. Sogleich fiel ihnen auf, wie freudig man sie ansah, freilich auch, wie wenig eigentlich die allgemeine Verwahrlosung in Einklang stand mit der herrschenden Festesstimmung. Die Hausfrau erklärte, es fehle noch am Notwendigsten am Orte, man hätte noch keine Instruktionen über die Zahl der erlaubten Butterfässer usw.; es schwatzte nämlich jeder Lobensteiner, sobald er in die Schule kam, von Instruktionen und gebrauchte gegen ahnungslose Menschen unversehens den Kurialstil. Die Handwerker hielten die Augen offen, durchschauten die Situation, und bevor sie am nächsten Morgen abgeschoben wurden, baten sie, man möchte sie zum Hauptregistrator führen; sie wüßten allerhand Lebenswichtiges. Dem Oberregistrator erklärten sie in einem scheunenartigen Gebäude: die letzten Kuriere seien, bei Kinzelheim,
wo ein Lobensteiner sein Gewehr verloren hatte, überfallen und ihrer Papiere beraubt worden; neue Kuriere kämen erst in sechs Wochen; denn inzwischen fiele Fronleichnam, und der bestellte Hufschmied könne auch nicht früher kommen, weil seine Schwägerin entbunden habe, einen reizenden dicken Knaben, Paul heiße er, geradeso wie sein Vater; aber kommen täte sein Onkel nicht vor der Taufe. Der Registrator fand das sehr begreiflich, er dankte ihnen für den Bescheid, und wenn sie den Vater Paul wieder träfen, sollten sie ihn schön grüßen, und ihm Glück und der jungen Frau ein gesundes Wochenbett wünschen. Die Boten verneigten sich, wedelten mit der Mütze, berichteten weiter: Der Hufschmied Paul habe sie beauftragt, ihn so lange zu vertreten, rein privatim, für eilige Fälle, und den Neupadrutzern vorläufig allerlei Handgriffe des Schmiedens zu zeigen. Wofern dies angenommen würde, wären sie bereit, stellten sich zur Verfügung usw. Man war des sehr zufrieden. Die Handwerker waren zwar jung, aber von guten Manieren und erweckten Vertrauen. Dazu drängte die Schmiedearbeit aufs äußerste; die Pferde hinkten im ganzen Lande; vor die Pflüge spannten couragierte Frauen ihre Männer und sonstiges Gesinde; zu schwere Lasten blieben liegen und das Land schien übersät von Abfall. Man räumte den Handwerkern ein schönes kleines Haus ein mitten im Dorf, setzte ihnen eine
Wirtschaftsfrau hinzu und hieß die Frau, die Fremden ordentlich herauszufüttern, damit sie zu ihrer Arbeit gut im Stand wären. Die Schelme ließen sich das gefallen. Sie erklärten, fünf, sechs Tage zu brauchen zu den Vorbereitungen für die große Schau. Nachdem sie schön rund gemästet waren, ließen sie vernehmen, sie wären jetzt so weit. Und am achten Tage stellten sie sich auf dem Markt ein, mit einer Fahne, die noch weit über Lobensteiner Art war. Grün schillerte das Tuch; in einem roten Feld drin sprangen sechs muntere Füllen und rupften das Gras; von allen vier Ecken her schwammen veilchenfarbene Fische, es mochten Karpfen sein oder Hechte; sie sperrten die Mäuler und schienen in das rote Feld hinein zu wollen. Sogar die Fahnenstange war nicht ohne Pracht; sie hatte einen goldenen Anstrich; in der Mitte der Stange stand auf einem kleinen Vorsprung, wie auf einem Altar, ein ganz weißer Mann, ohne Hut, mit einem riesigen Zwickelbart; seine Augen waren geschlossen; er hatte eine richtige Klingel in der Hand; es mochte sein, daß er im Schnee ging und daher geblendet war. Das Bild machte auf die Lobensteiner einen besonderen Eindruck. Sie trauten sich nicht zu fragen, was es bedeute, um nicht lächerlich zu erscheinen vor den Fremden, aber sie gingen immer auf und zu, besahen den stolzen Fahnenträger und sein Kunstwerk; wenn er sich bewegte, klingelte oben leise das Männchen mit der Glocke,
und alle sechs Handwerker machten dann ein ernstes, ja schwermütiges Gesicht. So viel war allen Lobensteinern klar, daß die Sache etwas auf sich hatte. Man fand sich in großen Haufen und wartete auf den Verlauf der Dinge. In der Mitte des Marktes war ein Amboß mit allem Zubehör gerichtet. Plötzlich ertönte zu aller Schreck ein Schuß; aus dem Fenster eines Hauses am Markte scholl Geschrei; eine Frau erschien mit aufgelöstem Haar, einen Rahmen in der Hand, brüllte hinaus, der Spiegel sei entzwei, die Waschschüssel sei entzwei, ganz entzwei: „Mord, Mord, man schießt!“ Ungerührt lud einer der Handwerker noch einmal und schoß nach einer andern Seite, während die fünf übrigen ihn deckten und drohend die Fahne rauschen, das Männlein klingeln ließen. Die Leute vor ihnen stoben auseinander; ein paar Beherzte fuhren hinterrücks auf sie zu, was das zu bedeuten habe. Höhnend erwiderten sie, das sei bei ihnen so Brauch. Da kam aus dem angeschossenen Haus schon die Frau mit ihrem Rahmen gerannt, das Gesicht puterrot, ihre Röcke flatterten, sie schwang einen Regenschirm, zwei andere Frauen und ein Mann mit Feuerzange und Besen flitzten hinterdrein. Die Handwerker zückten die Fahne auf sie wie einen Spieß, schrieen: „Wehe, wehe über Lobenstein; es wird vergehen wie der große Napoleon!“ Und damit nahmen sie ihre Beine in die Hand und rannten davon. Sie konnten aber nicht