mit achtzig Mann Bedeckung und einer Kanone um. Von nun an waren die Lobensteiner ohne ihren Herzog und vollendeten allein ihre Reise nach Padrutz.
Stoffel langte vor Kinzelheim in Kürze an, wagte aber nicht, die Gelehrten anzugreifen, weniger aus humanitären Rücksichten, als weil seine tüchtigen Offiziere schon eine ansehnliche Jungmannschaft ausgehoben und gedrillt hatten und mit bemerkenswerter Verve daran gingen, den Sturm auf die Stadt auszuführen. Er schlich sich nach Umgehung der Belagerer hinein zu der Partei der armen Sünder; so nannten sich die Magistratler, einmütig mit dem zum Pranger verurteilten Schaffelhuber. Drin in der Stadt stockte jede Rechtspflege, Verwaltung. Es ging drunter und drüber; keine Kindtaufen fanden statt, der Küster predigte am Sonntag, aber mit so bellender Stimme und großmäulig, daß die verwöhnten Kinzelheimer keine Freude dran hatten. Wie groß die Wut der Eingeschlossenen war, ließ sich auf Schritt und Tritt erkennen; so stellten sie Tag aus Tag ein einen verkommenen Trottel in den Mittagsstunden an den Pranger, angetan mit karolingischen Lumpen, zum Schmerz der zurückgebliebenen Verliebten, die ihr Geheimasyl entweiht sahen, sich überhaupt beeinträchtigt fanden gegenüber ihren glücklichen Genossen draußen, in jenem freien Paradies der Ebene. Stoffel tat drin so, als schlösse er sich den armen Sündern an. Er ließ auf die friedlichen
alten Männer, die sich am Lagerrande ergingen, einen Ausfall machen. Unter höllischem Krakeel, wilden Sprüngen drangen die Lobensteiner Soldaten an; fünf schöne Mädchen von erlesener Grazie wurden erbeutet und die dazu gehörigen Väter; sie wurden gefesselt und vor den Rat geführt. Jetzt forderte Stoffel hochfahrend von den Karolingern seine Offiziere zurück. Sie antworteten mit lateinischen Zitaten, die niemand übersetzen konnte. Der Herzog, in eine außerordentliche Situation getrieben, angestaunt von den Kinzelheimern, sann, wie er sich rächen und auch wahrhaft Größe bezeigen solle. Erst dachte er die Gefangenen gebunden an die Erde werfen zu lassen und auf der Mauer hinter seinem Wagen her zu schleifen; aber das würde nicht ohne Blutvergießen abgehen. So spannte er die fünf erbeuteten Greise vor eine große Egge außerhalb der Mauer; zehn Knechte mußten zur Seite gehen, mit geknoteten Peitschen die Männer antreiben. Er selbst unter dem Schutz einer trommelnden Kompagnie saß auf einem breiten Rollwagen, angeschirrt an die Egge, und ließ sich oben von den fünf liebreizenden Karolingerinnen bedienen, die in Armesündertracht, dem Seil um den Hals, Schenkendienste tun mußten angesichts ihrer Brüder und Geliebten in dem Lager. Sehnsüchtig blickten die armen Mädchen herüber; drüben war es still; nichts ließ sich erblicken von rettenden Gladiatorenschwertern und von Keulen. Was
mußten die Karolinger drüben erdulden! Da senkte sich plötzlich die Egge an einem Rain, in dem aufgeweichten Boden überschlug sie sich; die Greise stürzten hin, getroffen von dem Eisen kamen sie jämmerlich zu Schaden. Ihr Wehegeschrei tönte über das Feld. Die Sünderinnen auf den Wagen kreischten, sie warfen die Gläser hin, faßten sich bei den Händen; es wurde an der Lagergrenze regsam. Der Herzog, vertieft und verblüfft, übersah nicht rasch die Situation, obwohl gewarnt von einem Soldaten. Während ungehindert vier der Mädchen vom Wagen herunter ihren Vätern zu Hilfe liefen, schlang sich eine das Seil ab und warf es mit einem Ruck um Stoffel. Schlagend und wälzend stürzten der Herzog und das Mädchen von der Plattform; der Strick lag fest um seinen Arm; er konnte sich in der aufgelockerten Erde schwer erheben. Die Person verlor bei dem Fall das Bewußtsein. Er selbst beschmutzt, mit blutender Nase wurde wie ein Kind von seinen Soldaten gerafft und noch rechtzeitig in die Stadt getragen, bevor die feindliche Mannschaft, die aus dem Lager herjohlte, sie erreichte. Die Egge, sämtliche Gefangenen, dazu einige der begleitenden Knechte und Trommeln fielen in die Hände der Karolinger. Der Herzog war tagelang gänzlich außerstande zu sprechen; er saß meist mit rotem Gesicht in seinem Zimmer und bearbeitete Teppiche und Wände mit dem Degen. Dann zog
er seine Mannschaft zusammen. Ohne der Stadt einen Gruß zu entbieten, verließ er Kinzelheim heimlich bei Nacht. Er kehrte in Eilmärschen zurück. Vor Scham konnte er in Lobenstein zuerst seine Minister nicht empfangen; sehr langsam stellte sich seine Ruhe wieder ein. Der Kriegsminister mußte ihm wöchentlich Angriffspläne auf Kinzelheim vorlegen, später ließ er alles fallen, erzählte vor Paraden von einer ganz unmilitärischen Bevölkerung in Bayern, die er wie Hammel hätte zu Paaren treiben können, aber er hatte ja Besseres zu tun: „Eine Sandwüste, was soll man in einer Sandwüste? Und außerdem Kinzelheim, haben Sie schon von Kinzelheim gehört?“ Und alles krähte mit ihm vor Vergnügen; er klatschte seinen Reitstiefel mit der Peitsche. Bald gehörte es auch zu den beliebten Gepflogenheiten der herzoglichen Regierungskunst, daß er gegen mißfällige Personen auf dem Ausweisungsdekret bemerkte: „Gehört nach Kaledonien oder Kinzelheim.“ Ein Jahr drauf bekam er einen abschließenden authentischen Bericht von der sonderbaren Gemeinsame. In der Stadt und außerhalb der Stadt war bald Hungersnot ausgebrochen; die neidischen verliebten Leute innerhalb der Mauern benahmen sich rebellisch und wollten zu den Karolingern gehen. Die alten Männer draußen entbehrten der Pflege; sie sahen auch, wie ihre Angehörigen in der Freiheit verwilderten, in die vorweltlichen Kostüme hineinwuchsen; dazu war
niemand da, den die grauen Knasterbärte ihre bösartige Überlegenheit kosten lassen konnten; so fielen sie sich untereinander an und kamen aus dem Keifen nicht heraus. Schließlich verschwand Lysarius. Seine vier Diener erzählten, daß er gar kein Schwede, sondern ein vielgewandter Barbiergehilfe aus der Niederlausitz sei; mit der steinkranken Frau des Ratsherrn hätte er eine Liebschaft gehabt; zu den Karolingern habe er sich nur geschlagen, weil die nach seiner Äußerung so dumm wären, daß sie ihm nie auf die Schliche kommen würden. Darum habe er auch die ganze Aktion so betrieben. Man jagte die Diener mit Schimpf aus dem Lager. Griesgrämig hockte man in den albernen Kostümen herum, fror, sah sich gegängelt von einem Schwindler. Als die Vermittlungsverhandlungen schon in die Wege geleitet waren, erschienen Ratsherren von Augsburg und erklärten eine Einigung herbeiführen zu wollen. In den Karolingern flammte der alte Stolz auf, sie lehnten jede Einmischung ab. Aber es war zu spät. Die armen Sünder, die Praktiker in den Mauern, hielten eine feste Hand über sich für besser als einen gelehrten Mund. Sie luden Augsburg zu einer Besprechung ein. Soldaten machten die Wege frei, massenhaft blökendes Vieh wurde angetrieben unter das verhungerte Volk. Das Augsburger Wappen, das Säulenkapitäl mit dem Oleanderbaum, hing bald an dem Rathaus Kinzelheims.
Inzwischen bekamen die wandernden Lobensteiner alle Wechsel des Glücks zu kosten. Ihre Fahnen stahl man ihnen von den Wagen, vielleicht wurden sie auch von Marketenderinnen und Mitläufern verkauft. Sie trauten sich vor Angst, als man entdeckt hatte, was für dumme unter ihnen waren, nicht in die Städte hinein, die sie einluden. Da die Witterung schlechter wurde, froren sie viel, verloren den Mut. Zerrissen und geschunden traten sie in das neue Staatsgebiet ein, das von seinen Bewohnern fluchtartig verlassen war. Die Padrutzer waren fortgelaufen, weil der schlaue Bischof von Prag im Einvernehmen mit der Philine entsetzliche Nachrichten über die nahende Heeresmacht der Lobensteiner verbreitet hatte bei ihnen. Und während sich die übrige Welt amüsierte über die Lächerlichkeit des wandernden Lobensteiner Volks, stürzten die Padrutzer Hals über Kopf von ihren alten Wohnsitzen, aus ihren warmen Betten, sobald das Knarren des vordersten Wagens sich auf der Chaussee vernehmen ließ, fluteten beglückt über das leere Prager Gelände, das der Bischof ihnen reserviert hatte. Er wollte mit den Padrutzern nichts Besonderes anfangen, nur warten wollte er geduldig, was aus den Lobensteinern werden würde. Philine kehrte mit ihrem Gemahl und einem kleinen dicken Mädchen manchmal bei den Vertriebenen ein, lächelte viel herum und gluckste wie eine Henne im Stall. Dann tat sie so scharmant mit einem Schultheiß, daß die Padrutzer
trotz allen Respekts vor Lachen tobten und sie heimtückisch einluden zu öfterem Besuch, der ihnen einen ganz neuartigen Spaß bereitete. Philine war hochbeglückt in dem frohen Kreise ihrer Landeskinder.
Die ersten menschlichen Wesen, welche den Lobensteinern an der Grenze von Padrutz begegneten, waren jene Bettler, Zigeuner, Schauspieler und das ganze durchtriebene Volk, das sie am Rhein verlassen hatte. Unter den Girlanden und Ehrenbögen, welche die Gauner ihnen errichtet hatten, zogen sie in die neue Welt ein. Es war genug Platz drin für sie; Häuser, Stallungen, Schulen, Kirchen, hier und da blökte ein vergessener Hammel, schlüpften Kücken zwischen den Latten hindurch. Sonst war nur das Rauschen der schönen vollen Obstbäume, der alten Kastanien und das Summen einiger Bienenvölker zu hören auf dem weiten verlassenen Gebiet. Die Lobensteiner gingen wie Rentiers herum, die Pfeife schief im Mund und besahen ein jedes. Alles lag und stand, als wäre es einem plötzlich Verschiedenen aus der Hand geglitten.
Rasch sprangen die Behörden ein mit Listen und Registern, in einem Tage vollzog sich die Aufteilung des ganzen Geländes. Keine Mißhelligkeit, die Lobensteiner waren gewohnt zu gehorchen. Während man noch mit dem Verstauen des Gepäcks, der Unterbringung des mitgetriebenen Viehs beschäftigt war, langte der erste