Und dies war der Zustand, in dem die reisenden Lobensteiner die Stadt Kinzelheim antrafen. Sie hatten schon vorher bemerkt, daß man sich einem

besondern Stadtwesen näherte, denn weit und breit waren die Chausseen verlassen, Leichen gefallener Pferde verwesten auf den Straßen, die Äcker brach; eine drückende Stille in der ganzen Umgebung. Vorsichtig brach die herzogliche Avantgarde in das verzauberte wüste Gebiet ein; man mußte auf Strickleitern und Balken über haushohe Steine klimmen. Wenn eine Kompagnie sich an eine gefährliche Partie machte, stellten zwei, drei Mann die Nachhut, schossen: piff paff ihre Gewehre in die Luft ab, recht oft hintereinander, um den Anschein einer großen Armee zu erwecken, auch die Wandernden schossen, sobald sie die Hände frei bekamen. So gelangten sie nach drei mühseligen Tagen und Verbrauch vieler Munition an einen weiten Platz, dessen letzte Barrikade sie unter Geknatter überwanden, als sich ihnen unvermutet und erschreckend der Anblick eines mächtigen wimpelgezierten Lagers bot; Zelte waren aufgeschlagen, Feuer brannten, Tiere wurden getrieben, Menschen in unbekannten Uniformen mit wilden Feldzeichen wimmelten in den Gängen; lautes Geschrei und Brodeln von Stimmen schwoll. Stoffel, benachrichtigt, stieg aus seinem Wagen, schwang sich auf seinen Hengst. Da er von dem langen Sitzen im Wagen mutig geworden war, wollte er erst das Zeichen zum Angriff geben, zumal ihm sein Kammerdiener einen samtumwickelten Feldherrnstab in die Hand drückte, mit dem sich große und mächtige

Bewegungen machen ließen. Im letzten Augenblick besann sich der Held aber auf die Regeln der Strategie, schickte eine Umzinglungsmannschaft von achtzig Soldaten ab; einem Leutnant, der eine gute Figur hatte, zeigte er dann den graden Weg über den morgenlich beschienenen Plan ins Lager der Widersacher, ließ ihm eine weiße Fahne geben und die Augen mit einem Taschentuch verbinden; denn Stoffel hatte gehört, daß ein Parlamentär nur mit verbundenen Augen sich dem feindlichen Gebiet nähern dürfe. Der Marsch des blinden Leutnants begann. Alle Lobensteiner mit Sack und Pack machten halt, Allein über den großen Sand tappte der Parlamentär. Oft stürzte er, manchmal, wenn er hochkroch, verfehlte er die Richtung und kam mit vorgestreckten Armen auf die Lobensteiner zurück, aber orientierte sich immer wieder an dem Brüllen der Kühe im Lager. Denn nach den Stimmen der Menschen hätte er sich nicht richten können; wenn auch zuerst eine rege Bewegung von den Feinden herlärmte. Bald ließ alles nach; diesseits und jenseits standen die Scharen stumm, auf einander gemauert, und beobachteten atemlos und staunend, was der Leutnant mit den verbundenen Augen und der weißen Fahne machte und ob er sich wohl zurecht finden würde. Die Karolinger hatten sofort erfaßt, daß er zu ihnen wollte als Parlamentär; Lysarius hielt es sogar nicht für ausgeschlossen, ja für wahrscheinlich und

verkündete volltönig, daß man ein nordisches Heer vor sich habe, das ihm zu Hilfe eile. Sobald aber der Offizier in die Nähe eines Zeltes tappte, — Stoffel strahlte vor Vergnügen, die Lobensteiner jubelten, — die Fahne schwang und rief: „Wer da? Wer da?“ wichen die Karolinger vor ihm aus; keine Stimme antwortete; er stand allein vor einer Lagerstange, die er abtastete, hörte dicht neben sich die Kühe brüllen, ein Hund sprang an ihm hoch, beleckte seine Hand. Den Karolingern schien der Vorfall im letzten Augenblick zu wichtig; sie waren fortgeschlichen hinter die letzten Zelte und wollten beratschlagen. „Wer da, wer da?“ schrie der blinde einsame Offizier; ein ganzes Rudel Hunde bellte besessen um ihn. Als der Herzog von seinem Pferd aus diese Behandlung seines Abgesandten beobachtete, sah er darin eine schnöde Verletzung des Völkerrechts; er gebot Ruhe, schwenkte mit der Linken den Samtstab; die beiden Posaunen des Veronesen, die man rechtzeitig neben ihm aufgestellt hatte, bliesen und dröhnten mit warnender Gewalt über das Feld. Und während Stoffel den Degen mit der Rechten zog und an der Spitze von fünfzig Reitern dahingaloppierte auf die blendende breite Sandfläche tauchte auf der anderen Seite des Lagers plötzlich die Umzinglungsmannschaft vor den flüsternden Karolingern auf, warf sich in Schützenlinie hin und legte an. Nicht Lysarius war es, der in diesem gefährlichen

Augenblick der höchsten Verwirrung, der Todesrufe das Unheil abwehrte, sondern ein älterer Gerichtsdiener. Diesem tat schon vorher der adrette Leutnant leid, wie er so oft hinstolperte, sich den sauberen Anzug beschmutzte und sich wehtat. Er war heimlich zu dem Offizier geschlichen, hatte ihm die Binde abgenommen, ihn unter vielen Beileids- und Koseworten abgeklopft; dann gebeten, an der Stange einen Augenblick zu verweilen. Er selbst lief nun mit der Fahne, die er hoch schwenkte, spornstreichs an die Beratungsstelle zurück. Wenngleich er die Fahne weniger schwenkte, um Friedensliebe zu zeigen, als um seine Freude an dem schönen echt lobensteinisch prunkhaft bestickten Instrument zu bekunden, so bewirkte er doch, daß man vorn und rückwärts halt machte, hüben aus dem Sande sich unmutig erhob und herüberlugte, drüben von den schäumenden Pferden absaß. Der Herzog selbst stolperte, die Hand am Zaum, neben seinem Schimmel her; er zog, von zwei Mann gefolgt, kaltblütig ins Lager. Der Parlamentär salutierte; in einer Lagergasse trat Lysarius an der Spitze von zwanzig alten Männern heran und rührte sich dann nicht vom Fleck. Rasch sprang der Parlamentärleutnant her, entwand dem verblüfften Gerichtsdiener die weiße Fahne; hin- und herwandernd zwischen den beiden starren Gruppen vollzog er Vorstellung und Annäherung. Bald stand Stoffel in einem leutseligen Gespräch mit Lysarius,

der sich vergeblich als Souverän aufspielte, vom Herzog aber wegen seines langen Bartes nicht estimiert wurde.

Was die Lobensteiner, die nun in Scharen friedfertig und neugierig, anzogen, bei den Karolingern vorfanden, war so merkwürdig, wie sie nie erlebt hatten. Die Karolinger hatten sich mehr oder weniger fragmentarisch in geradezu vorweltliche Kostüme geworfen. Alles, wessen man in Kinzelheim habhaft werden konnte an Panzern, Arm- und Beinschienen, heldenhafter Maskengarderobe, legendären Perücken hatten sie an sich gerafft und trugen es am lichten Alltag. Da tänzelte mit einem Besen in der Hand eine junge Dame einher in grünem ungegürteten Kleid, blonde Haare bis auf die Hüften, von der Achsel an bloße Arme; sie fegte ein Zeltdach und war wie Thusnelda anzusehen, hätte sie nicht ein spitzbübisch kleines kokettes Mundwerk nach allen Richtungen hören lassen. Man mochte von Karl dem Sanftmütigen und seiner Zeit nur eine unklare Vorstellung haben, denn durcheinander hatten diese Historiker geschlitzte grellfarbige Pluderhosen an, Bärenfelle, die vielleicht sonst als Bettvorleger dienten, Lederriemen, Fuß- und Kniebinden, die aus der Südsee zu stammen schienen. Theatralisch stolzierten junge Herrchen in roten und braunen Togen; sie schnitten finstere, prähistorische Grimassen, ließen ihre gekräuselten oder aufgelockerten Haare von Zeit zu

Zeit auf die Stirn und dann zurück in den Nacken fallen; sie lugten eifrig, ob ihnen einer mit Gefallen zusähe; keiner von ihnen hielt die rechte Hand anders als unter der Toga verborgen, den Dolch im Gewande. Friedlich spazierten neben der Römerin klobige Urgermanen, die ihre Stammesangehörigkeit durch mitgeschleppte Methörner mächtigen Volumens, Fellkleidung und rasselnde Armspangen kundtaten; die glatten Holzkeulen schwangen sie verbrüdert neben dem kurzen Schwert jener Gladiatoren; sie taten Wachdienst auf den Chausseen und vor den Stadttoren. Das Zeitalter Ludwig des Vierzehnten hatte seine Vertreter entsandt vor Kinzelheim; die Geistlichen gingen wie spanische Großinquisitoren in wallenden Federhüten, in engem schwarzem Talar mit Ordensketten. Nicht mehr brauchten die Pärchen sich nachts auf jenem verhängnisvollen Pranger treffen; sie legten die Gewande der klassischen Liebespaare an, als Hero und Leander begegneten sie sich und niemand konnte den Schlauköpfen mehr die Aufwallung klassischer und authentisch belegter Gefühle verwehren. In diesen heißen Tagen erstach sich zahllose Male die unselige Lukretia, Gemahlin des Königs Tarquinius Collatinus, nicht ohne vorher von einem der vielen Söhne des Tarquinius Superbus mit schmachvoller Gewalt umarmt zu sein. Den Lobensteinern wurde in der Umgebung schwül, mancher leckte sich die Lippen. Der Herzog aber bewies

ungerührt materielle Gelüste. Er ließ zum allgemeinen Erstaunen seine beiden Kanonen auffahren zwischen Stadt und Lager, dann schickte er trotz der Vorhaltungen des Lysarius einige Männer in die Stadt, um in den Büchern nachzuforschen, ob eine Verwandtschaft zwischen ihm und irgend jemand, gleichviel auf welcher Seite, bestände. Er plante dann die andere Partei niederzuwerfen und einige Lobensteiner hier auf der Etappe anzusiedeln. Als sich nichts Verdächtiges ergab, der Herzog auch keinen sonderlichen Gefallen fand an der Stadt und der Umgebung, bestimmte er den Abzug.

Da zeigte sich bald, wie heimtückisch die Karolinger an ihm gehandelt hatten. Nämlich zwei tüchtige Lobensteiner Offiziere, darunter der Parlamentär, waren zu den Gelehrten übergetreten. Bei Gelegenheit der mehrfach geübten Ermordung einer gewissen klassischen Dame hatten die Opfer vor ihrem jeweiligen Tode die fremden Henker ausspioniert und die so erlangte Kenntnis schnurstracks bei ihren Vätern verbreitet; die Karolinger, noch wütend über das anmaßliche Auftreten des entschwundenen Stoffel, schickten alsdann Kundschafter weithin auf die Dörfer und Städte, warnten vor den nahenden Lobensteinern; die hätten wenig Geld, täten nur schießen und würgen und seien von einer ganz afrikanischen Wildheit. Sobald Stoffel hiervon Lunte bekam, trennte er sich zorngeschwollen von den Lobensteinern. Er kehrte