Unter Böllerschüssen und Raketen setzte sich am Spätnachmittag der Zug in Bewegung. Sie mußten mit Pferd und Wagen und allem Gepäck erst den Rößleberg hinauf und dann in feierlicher Prozession an der anderen Seite herunter, wo der Herzog auf der Kuppe seines asiatischen Geschöpfs sie an sich defilieren ließ; der Herzog meinte, dieses Hinauf und Hinab mache sich weihevoll in der Abendbeleuchtung. Zweihundert Soldaten bedeckten den Zug mit zwei Batterien, hundert voran und hundert am Schluß; der Herzog selbst kam in einer sechsspännigen Kutsche nach und begleitete die Kolonne fünf Tage
weit nach Deutschland hinein. Zigeuner, Diebsvolk, Dirnen, Gaukelspieler erwarteten sie an der Lobensteiner Grenze in Massen, sie umschwärmten den Zug wie Fliegen und Feldmäuse.
Sobald man über die blaugrünen Grenzpfähle hinausgeschritten war, veränderte sich rasch das Bild. Das lärmende Treiben verbot sich von selbst; man konnte nicht wissen, wie das von den anwohnenden Staaten aufgenommen würde. Das Einherspazieren mit Fahnen mußte aufgegeben werden; die Fahnen wurden sachte eingezogen und die ganze gestickte und bemalte Herrlichkeit fuhr man auf verdeckten Ochsenwagen hinterdrein. Die Gaukler und der ganze üble Troß roch frühzeitig den Braten, verzettelte sich, flirrte durch Deutschland, war lange vor den Bauern in Padrutz, wohin sie das Gerücht der drohenden Ereignisse trugen. Still und geduckt, nicht anders als sonst die Kuriere, mußten die Lobensteiner jetzt ziehen. Was war aus der schönen Staatsmusik geworden, aus den welschländischen Posaunen, wo lagen die Trommeln und Pfeifen, die man zur Reserve mitgenommen hatte? Nicht besser als eine gewaltige Diebs-Bettlerbande zog man einher, bei Nacht an den zweifelhaften Städten vorüber, bei Tag in Furcht vor jedem höheren Kirchturm.
Bei Kinzelheim im Bayrischen, nächst der Stadt Augsburg, gab es eine große Affäre. Kinzelheim war freie Reichsstadt geblieben und übte in seinem
kleinen Gebiet eine Souveränität aus, die sich von besonderen Gesichtspunkten leiten ließ. Es herrschte da auf dem Magistrat neben den eigentlichen Magistratsbeamten gewissermaßen unbeamtet eine gelehrte Körperschaft, der alle Juristen, Professoren, Historiker, Ärzte der Stadt angehörten; an den Rathaussitzungen nahmen, das war Gewohnheitsrecht, immer vier, fünf der Gelehrten teil; sie schrieben sich gewisse autonome Funktionen zu; es war üblich, daß bei wichtigen Beratungen der Professorenpartei direkt Stimmrecht verliehen wurde und sie trotz ihrer privaten Natur eingreifen durfte. Nun waren durch die Napoleonischen Feldzüge, besonders durch die Truppenbewegungen nach Österreich zu, welche mit der Schlacht von Aspern zusammenhingen, in der ganzen Umgebung von Kinzelheim die Straßen ruiniert worden; die fliehenden Truppen hatten hinter sich von den Bergen herab Felsblöcke auf die Straßen rollen lassen; rücksichtslos war jede Brücke demoliert, Wegweiser waren abgerissen oder böswillig vertauscht; es herrschte um Kinzelheim ein kulturwidriges Durcheinander. Im Rathaus standen sich zwei Parteien gegenüber; die einen, es waren die Gelehrten, hielten den Zustand belanglos für die Entwicklung der Stadt; sie betonten die Kostspieligkeit der Neuanlagen, ja der Verfall der Straßen wäre opportun, weil er gleichsam eine Mauer um Kinzelheim setze und der Stadt ihre eigenen Entwicklungsmöglichkeiten
garantiere. Sie sahen nämlich mit dem zunehmenden Verkehr die Unabhängigkeit der Stadt gefährdet. Die andern von der Magistratspartei aber traten für Ausbau der Wege und freien Verkehr ein; hier ging man soweit, von Zollbündnissen mit Augsburg und der übrigen Nachbarschaft zu reden, von gemeinsamen Interessen mit Augsburg, gemeinsamen Wegebaukommissionen. Es waren die Händler, Krämer, Steuerzahler, die so zu Wort kamen, die glaubten, für ihr Geld auch etwas haben zu müssen; sie waren wie immer wütend auf die autoritativen Gelehrten, denen sie aber nicht beikommen konnten. Nachdem man sich beiderseits mancherlei vorgeworfen hatte, wurde der Streit durch eine Maßnahme des wegefreundlichen Magistrats auf die Spitze getrieben. Nämlich die Ehefrau eines Bürgermeisters hatte zu ihrer Steinkrankheit einen berühmten schwedischen Arzt, der sich Lysarius nannte, aus der Lausitz, wo er wohnte, zugezogen; der Fremde hatte damals nicht nur die Frau überraschend schnell kuriert, sondern auch durch sein kenntnisreiches weltmännisches Wesen sowohl Gelehrte wie Magistratler fasziniert. Als die Debatten über den Wegebau erregter wurden, faßte man im Rathaus den Beschluß, sich diesen Schweden zu verschreiben, er sollte sich rasch in die Materie einarbeiten und sagen, was er meine. Diese kompetente Persönlichkeit war mit vier Dienern angefahren, hatte sich über alles orientieren
lassen und sich dann kurzerhand auf Seite der Gelehrten geschlagen. Er stöberte im Rathauskeller unter alten Büchern umher, las und kroch in die Kisten, bis sein langer brauner Bart voll Spinnweben hing, und entdeckte schließlich ein Edikt aus der Zeit Karls des Sanftmütigen, wonach alle Versuche, der Stadt Kinzelheim ihre Reichsunabhängigkeit zu nehmen, als Hochverrat zu bestrafen seien; als Strafe war für den mindesten Fall der Pranger genannt. Heimlich stellten nun die Gelehrten, die über den Fund des Lysarius entzückt waren, Nachforschungen nach dem Pranger an, sie konnten ihn aber in der Stadt nicht entdecken. So lange wollten sie nicht mit der Sache hervortreten. Erst als der Nachtwächter ein Liebespärchen auf dem Balkon eines verlassenen Hauses erwischte, — ein Pärchen, das durch sein allnächtliches ungeniertes Schwärmen und Küssen Aufsehen erregte, noch mehr freilich Neid eines benachbarten hagestolzen Ratsherrn, — kam man hinter das Geheimnis. Man sah, daß diese sonderbar schwebende Laube, dieses enge Asyl der Verliebten der ehemalige Pranger war. Noch konnte man die Richtschwerter sehen, die beiderseits an den Wänden aus dem Stein gehauen waren, noch bläkte oberhalb der Laube eine scheußliche Frauenmaske die Zunge; aber dem Pärchen hatte der schreckliche Wust nicht die Brust beklommen. Entschlossen holten die Gelehrten nach diesem Fund zu einem Streiche
aus. Sie schickten, als die Ratsversammlung ohne sie tagte, Spitzel hinein in der Gestalt von Federschneidern, Sandstreuern, ließen auf Blättchen notieren, was ein Mann namens Schaffelhuber dort geredet hatte über den Weg nach Strunzelbach, und denunzierten den Schaffelhuber sowohl bei Gericht als beim Magistrat, da es sich um eine staatsfeindliche Angelegenheit handele. Sie verlangten Gerechtigkeit ohne Ansehen der Person und nach dem Buchstaben Anwendung des Ediktes Karls des Sanftmütigen. In aller Form verlangten sie, daß sofort in den Etat einige hundert Goldgulden eingestellt würden zur Ausstattung und Wiederherstellung des alten Prangers. Die Erregung über das entschiedene Auftreten der Gelehrtenkorporation war allgemein; man war sicher, daß die Gelehrten noch andere Schritte planten. Der Name Lysarius’ ging von Mund zu Munde; man amüsierte sich weidlich, was sich der biedere Magistrat für einen Floh ins Uhr gesetzt hatte. Am liebsten hätte der Rat ihn sofort ausgewiesen, aber man fürchtete, es mit dem Königreich Schweden zu verderben. Lysarius fuhr so stolz durch die Straßen; er war anzusehen wie die inkarnierte Arroganz, wenn er mit halbverschlossenen Augen die Rathaustreppe hinaufstieg; seine Diener in brauner Livree mit dem schnörklichen Wappen seines Herrn und dem schwedischen Löwen rissen vor ihm die Türen auf. Die jungen Männer in den Kantinen schlossen Wetten,
wer siegen würde; die Bevölkerung begann sich zu gruppieren, auf den Straßen nach Gesinnung zu applaudieren und zu pfeifen. Die Gelehrten blieben dickfellig, sie traten mehr und mehr aus ihrer Reserve heraus und waren entschlossen, sich auf keine Konzession einzulassen und den Schaffelhuber auf den Pranger zu schaffen, koste es was es wolle. Da traf dicht hintereinander der Entscheid von Magistrat und Magistratsgericht: beide Instanzen lehnten ab, auf das Edikt Karls des Sanftmütigen zu rekurrieren, erklärten den Schaffelhuber für frei und gesetzlich; der Magistrat trieb die Sache sogar so weit, dem Beklagten, da er Steinmetz war im Privatleben, den Strunzelbacher Weg zur Pflege zu überantworten. Damit war der Krieg in brutalster Form erklärt. Die Gelehrten erließen Tags drauf eine Proklamation, die auf blaue zierliche Zettel geschrieben an alle Mauern angeschlagen wurde: Recht, Ansehen, Autorität werde in Kinzelheim zum öffentlichen Gespött gemacht, die Grundlage menschlichen Zusammenlebens sei ruiniert, Magistrat und sein Gericht strebten nach Tyrannei; nicht anders könne daher die Parole von nun ab lauten als: Karl der Sanftmütige contra Schaffelhuber. „Lanzen heraus! Kinzelheimer, beißt zu! Euer Heiligstes steht auf dem Spiel!“ Beide Parteien gingen mit glühenden Backen herum; die Magistratler waren gedrückt, weil sie ohne Hilfe der Professoren keine Gegenproklamation verfassen
konnten, und das Elaborat der Gelehrten stach ihnen, wo sie gingen, mit seinem satten Meeresblau in die Augen. Lysarius, obwohl nur Fremder, wenngleich Schwede, ließ seine vier Diener mit sonderbaren Hellebarden bewaffnen; sie lungerten in den Straßen und tauchten überall plötzlich auf, wo Menschen vor dem künstlerischen Maueranschlag standen und einer sich anheischig machte, er wolle das Blatt abreißen. Im Rathaus schwitzten die Magistratler ihre Giftigkeit aus; auf sonniger Straße unter jenem Pranger ratschlagten mit großem Pathos die Gelehrten; die wüste Laube war die Rednerbühne; und der Beschluß, den man unter Abnehmen der bekränzten Mützen und Aufheben der Hände faßte, lautete: man wirft alle Staatsgeschäfte dem verräterischen Magistrat vor die Füße; Diplomatie, Gericht, Unterricht, Gottesdienst werden den Kinzelheimern genommen, bis daß der Steinmetz Schaffelhuber auf dem Pranger angekettet schreit und die Gassenjungen mit Kieseln nach ihm werfen. Die Gelehrten aber werden jeden Stein zählen, den er nach Strunzelbach legt und ihn heimzahlen. Sie nehmen feierlich nunmehr vor aller Welt den Namen „Karolinger“ an; sie verlassen die Stadt und beziehen vor der Mauer ein Lager.