Inzwischen vollendete der Herzog sein Examen. Die großartigsten Evolutionen ließ er sein gesamtes Volk machen, die Masse folgte in stufenweiser Behendigkeit. Der Staub schwebte über dem Markt, die Luft hallte von Schreien, Brüllen, Juchzern. Unter dem Trampeln wogte der Boden; der Schweiß eines ganzen Volkes machte die Luft feucht.

Vor dem Palast, zur Seite des Balkons, stand der hölzerne Elefant, sein Leib war grün bemalt, die Augen rot, die Ohren schwarz und weiß; das Gesäß hatte man planvoll angestrichen mit den Farben Kurhessens. Oben im blaugrünen Zelt saß ein einsamer Lobensteiner und ließ es sich gut sein beim Weine, hochbeneidet von den wissenden Ministern. Der Herzog hatte das Arrangement längst vergessen und brauste in heller Begeisterung an seinem thronenden stummen Widerpart vorüber.

Dann war der Streit beendet. Steifbeinig stieg Stoffel vom Pferd. Über tausend Namen standen auf den Tafeln. Das treue Volk wurde entlassen und nach Hause geschickt. Während sich tosend das dunkle Feld leerte, plumpste eine reife Frucht vom Elefanten herunter ins Gras: „Jetzt kommen wir; hierher die Tüchtigsten, hierher!“

Nun verstrichen Wochen, während derer das ganze Land unter den Vorbereitungen der Padrutzer Reise stand. Keine Kuriere wurden mehr dorthin geschickt; man überließ die Padrutzer sich selbst; der Stoffel sagte, sie hätten kein anderes Schicksal verdient. Den Padrutzern schwante nichts Gutes; sie dachten bei der eingetretenen Stille an die blanken Gewehre zu Lebzeiten der seligen Philine, nunmehrigen Fouragehändlerin zu Prag. Die Schultheiße und ein großer Teil des Volkes machten heimlich Hab und Gut mobil, um, sobald das Massaker

losging, Reißaus zu nehmen. Der Bischof von Prag, von Philine gedrängt, schickte den Schultheißen durch Sendboten seinen Segen, verhieß den Padrutzern für schwierige Fälle freies Asyl.

In Lobenstein waren mit Weib, Kind und Kegel an dreitausend tüchtige Menschen auf die Beine gestellt, um nach Böhmen zu reisen. Festliche Gottesdienste fanden allerorten statt. Eine Woche vor der Abreise veranstaltete der Herzog eine große Feier im Schlosse für die Obrigkeiten des Landes. Es kam bei dieser Gelegenheit auch die Frage der Musikinstrumente zur Entscheidung, die gelegentlich während des langen Marsches geblasen werden sollten. Nämlich verlockt durch die vielen sonderbaren Begebenheiten, Feste und Affären in Lobenstein war damals grade eine südländische Musikkapelle an dem Hof eingetroffen, welche dem Herzog enorm imponierte. Sie brachte mit aus Verona ein wunderbar gebogenes Horn, auf dessen einer Biegung ein schlafender Bernhardinerhund in Silber angebracht war, ferner zwei verschiedene Posaunen, die je einen tiefen kräftigen Ton von sich gaben und wie Fernrohre von den Musikern vor die Münder gefahren wurden auf einem Holzgestell mit Räderchen. Der Herzog hörte sich bei schönem Wetter täglich die neue Musik an und schalt auf die einheimischen Künstler, die den Auszug der Kolonisten mit Trommeln und Pfeifen begleiten wollten, was er im höchsten Maße ordinär

und direkt gräßlich fand. Als er bei der gedachten großen Feier wieder die Südländer lobte, erklärte der bullenbeißige Kriegsminister untertänigst mit massivem Kloß, daß sich die Instrumente anhörten wie das perpetuirliche Leibweh und in Gegenwart von Frauenzimmern leicht unziemlich wirken können. Der Herzog aber, der sich die Nase putzte, fand, es höre sich an wie das Rülpsen und Röcheln eines Zugstieres voll Kraft und Zufriedenheit; soweit die Posaune. Das gebogene Horn freilich mit dem silbernen Bernhardinerhund keifte erbärmlich, und man könne dies nicht anders vergleichen als mit dem Schmerz eines eingewachsenen Nagels am Fuß, günstigsten Falls wirke es beunruhigend wie ein Faserchen Fleisch nach der Mahlzeit, das zwischen den Zähnen stecken geblieben sei und sich mit dem Zahnstocher nicht fassen lasse. Dazu fiele ihm zum Überfluß jetzt auf, daß das Ding verschiedene Töne blase, welche wechselnden Äußerungen für ein Instrument von so gewaltiger Größe wie eine Armbrust ungehörig seien und bei Bürgern und Bauern leicht schlechtes Beispiel gäbe. So wurde bei der Gelegenheit allein die welschländische Posaune in die Lobensteiner Staatsmusik aufgenommen, das Horn aber, trotz Anerkennung seiner unglaublichen Biegung und prunkvollen tierischen Ausstattung, blieb den Fremden überlassen zu ihren übrigen Kinkerlitzchen.

Und im Monat Juni, an einem schönen Sonntag,

läuteten im ganzen lieblichen Herzogtum die Kirchenglocken, gingen alle Menschen in festlichen Kleidern, Musik und Tanz fing am frühen Morgen an; heute sollten die Lobensteiner ihre Wanderung antreten. Die Erwählten trugen blaugrünrote Bänder am Hut, die bis auf die Erde schleiften; das Rot war zu den Landesfarben hinzugekommen und bezeichnete das herzlich ersehnte Padrutz. Die Reisenden benahmen sich seit der Volksversammlung gerade so, als wenn sie das große Los gewonnen hätten; sie fühlten sich ganz als die Elite des Volkes. Einige hatten sich gleich nach jener Auslese Siegel und Stempel angeschafft, und wenngleich sie nicht lesen und schreiben konnten, so patzten sie überall, wo es ihnen gut dünkte, ihr schnörkliges Wappen hin, als wenn es ein Titel wäre. Die Auserlesenen hielten im ganzen Lande zusammen, hatten geheime Versammlungen und Beratungen, die nach außen immer damit endeten, daß eine Deputation an Stoffel abging und Treue über den Tod hinaus schwor. Stoffel sammelte solche Ergebenheitskundgebungen und klebte sie in ein Lederalbum ein, das er später seinen hohen Besuchern vorlegte. Ihre Äcker, Häuser und Güter hatte jene Elite längst verkauft und verschleudert. Den Batzen Geld, den sie bekommen hatten, verjubelten und vertranken viele, setzten Stiftungen für die hinterbliebenen Landsleute aus. Die vorsichtiger waren, schlugen öffentlich unter Lamento irgend einen Hund tot, zogen ihm jammernd

das Fell ab und gruben den Leib in die Erde ein, nicht ohne heimlich ihr Geld mit in das Grab fallen zu lassen; sie hielten ihre Habe in dieser stinkenden Umgebung für doppelt sicher. Von Kurhessen her erfolgte damals ein großer Zustrom liederlicher Personen, die den vorhandenen Lobensteiner Übermut ausbeuteten; man sagte später nicht zu Unrecht, daß dieser Afflux staatlicherseits von Hessen begünstigt wurde; wo Lobenstein ein Abbruch getan werden konnte, war Kurhessen immer voran. Die Schankwirtschaften schossen in die Höhe, über Nacht bildeten sich Ruderklubs, Wandervereine, Keglerbünde und ähnliche Nichtstuereien, die sich mit einer Aureole von Heldentum umgaben und auf allen Plätzen breit machten. Allgemein hieß es in der Nachbarschaft: in Lobenstein geht die Welt unter.