derart traurig-spaßige Geschichte zu melden und läßt sich schwer unterdrücken.
Die Fremden hatten einen Schornsteinfeger mitgebracht, der viel mit den Lobensteinern zusammensaß und sich an ihnen delektierte. Dieser erklärte eines Tages, er könne den Blitzschlag aus den Wolken herunterholen; er wolle eine Wette schließen auf zehn Gulden, daß er es vermöchte. Die Lobensteiner fanden, das wäre ein billiges Geschäft für eine so große Sache, schlugen ein und vertagten sich bis zum nächsten Gewitter. Als nach ein paar Tagen die ersten Wolken hinter dem Gemeindewald heraufzogen, stieg der Schornsteinfeger, ein langer Schlacks mit veilchenblauen Augen, auf das Dach des Wirtshauses und benahm sich da oben sonderbar unter Pfeifen, Flöten und Herumtänzeln, als ob er das Gewitter verlocken wollte. Wie er lange genug gewinkt hatte und halsbrecherisch seine dünnen Knochen über die Schiefer schleppte, standen auch ein Häufchen schwarzer Wolken über dem Dorf; es grollte recht vernehmlich, dicker blähte sich oben das finstere Getümmel, das Rumoren nahm erschreckende Formen an. Und immer noch ließ der Schornsteinfeger nicht ab zu locken, zu rufen, zu winken. Plötzlich riß sich der erste gezackte Blitz vom Himmel los, krachend warf sich der Donner hinterher und prasselte seinen Grimm aus mit Hall und Widerhall über Straßen, Türme und Giebel. Gleich nach
diesem Vorkommnis tönte die Stimme des Schornsteinfegers herunter: „Teller herauf, Geschirr, Glas, Porzellan, was ihr mir bringen könnt.“ Der Lobensteiner Widerpart unten im Gastzimmer kaufte in Eile dem Wirt ab an Flaschen und zerbrechlichem Hausrat, was sich entbehren ließ, schickte es nach oben durch eine Magd. Und nun hörte das Flöten auf dem Dache auf; zwischen den langsamen schiebenden Geräuschen der geballten Luftmassen, klatschte und klirrte es Schlag um Schlag in den Kamin hinein, auf den Kochherd, splitterndes Glas, zerknackendes und zerstäubendes Porzellan; in Angst schrieen die Gesellen in der Stube, sie verkrochen sich vor den Splittern in alle Ecken, unter Tisch und Stühle. Dabei schrie der Dachbewohner zum Himmel: „Hoho, so so, so so, noch einmal!“ Immerhin erreichte er durch seine Maßnahmen schon, daß es im Umkreis nicht einschlug; noch aber brummten und kolksten die Wolken und hatten sich nicht entleert; und plötzlich fing es erst richtig an, das Unwetter, das mit grausamem Pauken- und Trommelschall um die kleinen Häuser toste. Da benahm sich der verregnete Schornsteinfeger wie ein Narr. Man hörte ihn jauchzen in den Pausen zwischen den Donnerschlägen: „Jetzt hab, ich ihn! Noch einen! Immer her, immer ran!“ Den Moment, wo es am Himmel aufflammte, machte er einen Satz in die Höhe, sperrte die Hand auf, griff zu in die Luft und
steckte die geschlossene Faust sofort in die Tasche. Einen Lacher stieß er aus, wenn es hell wurde, das Gewitter erschreckte ihn nicht, er arbeitete droben in seinem Element. Als eine längere Stille eintrat, rief er atemlos durch den Schornstein herunter: „Sepp,“ so hieß sein Hauptgegner, „komm ran, faß zu. Schon hab ich ihn. Ich schick dir runter den ersten Beweis, ho ho, vom Blitz. Sollst sehen, ho ho! Ich hab ihn, ho ho, den Beweis.“ Sepp stelzte vor, streckte die Hände und Arme aus unter den Schornstein, dabei duckte er sich etwas, weil es eine schwere Last werden mußte. Und während er wartete, regnete es herunter, eine heiße Flüssigkeit, immer über die Finger weg, und dann einige absonderliche weiche latschige Klumpen, die von den Händen und Armen Sepps herabliefen. Der stieg mit seinen Beweisen wieder ins Zimmer zurück, wagte sich erst verdutzt, wie er war, nicht an den Tisch, sagte unter der Hängelampe stehend: „Man möcht’s für was Menschliches halten.“ Die anderen Wetthalter krochen heran, hielten sich die Nasen, tupften hinein: „Aber brühwarm ist’s noch.“ Sepp bestätigte unsicher: „Wie das heiße höllische Feuer brennt’s.“ Sie standen mit dem Wirt um den betroffenen Sepp herum, der seine Arme und Hände von sich abhielt und sie mit den Augen alle um Entschuldigung zu betteln schien. Sie sagten: „Gekommen ist’s doch von oben?“ „Freilich von oben, ganz von oben.“ Sie
schwiegen und blickten sich an. „Jedenfalls waschen wir’s mal ab.“ Sepp verduftete. Sie saßen finster und zweifelnd um den Tisch. Einer fing an: „Na, und ob’s nun menschlich oder nicht menschlich ist, irgendwohin muß es der Blitzschlag doch auch tun.“ „Ja, ja in die Luft geht’s da auch nicht. Bei keinem Kaiser und Herren geht das so.“ „Das meine ich auch.“ Der Schornsteinfeger rief durch den Kamin: „Ist’s angekommen?“ „Ja, ja,“ riefen sie gemeinsam, „ist alles schön angekommen. Ist schon da, jawohl.“ „Kommt noch mehr.“ „Nein, nein, ist nicht nötig; es langt schon.“ Trotzdem bemerkten sie bald darauf, wie es rumorte im Kamin und dunkle dampfende Massen in großer Menge niedersausten auf den Herd. Der Wirt nahm einen Knüppel und schrie herauf: „Hast nicht gehört, es langt schon. Glaubst ich werd’ mir den ganzen Herd versauen lassen mit deinen Beweisen? Es langt schon!“ „Nun also,“ klang es zurück, „dacht’ nur, sicher ist sicher.“
Als das Gewitter abgezogen war, kam der Schornsteinfeger pitschnaß vom Dach, stellte sich in die Stube und sagte: „Hier riecht’s aber nicht schön.“ Sepp meinte traurig: „Freilich riecht’s. Sind die Beweise.“ „So so, die Beweise. Da haben wir’s, da ist es heraus; wie ich gesagt habe, die Beweise. Es ist deutlich zu spüren.“ Und dann stellte er sich hohnlachend an die Wand, hatte beide Fäuste in den Taschen, sah sie aus seinen veilchenblauen Augen
an und sagte kein Wort. Sepp fuhr trotzig auf: „Was lachst denn du?“ „Weil du wirst zahlen müssen, Sepp. Was glaubst du wohl, Sepp, was ich hier habe in beiden Taschen? Hä? In meinen Taschen?“ „Deine Fäuste wirst du drin haben.“ „Und was werd’ ich wohl in den Fäusten haben? Hä?“ Sie tuschelten untereinander, der lange Schlacks ließ sich nicht beirren. „Zeig einmal her,“ rief Sepp. „Das könnte dir so gefallen. Damit du’s mir wegnimmst, davonläufst und ich kriege keinen Heller. Was ich in der Faust habe, hä? Ich habe ihn selber, ja, ja, ich habe ihn eben.“ „Na zeig ihn doch.“ „Den Blitzschlag. Ich hab, ihn geholt. Drüben die in der Scheune haben gesehen, wie ich ihn geholt habe; dreimal; einmal ist er mir vorbeigefahren.“ Als sie nichts erwiderten, schlängelte er sich vorsichtig näher an den Tisch, langte eine Faust heraus und schlug sie auf den Tisch: „Jetzt sollt Ihr einmal sehen, daß euch die Augen übergehen werden.“ Und wie er die Faust öffnete, hatte er darin eine kleine Schachtel aus Holz; und wie er den Deckel der Schachtel abhob, saßen in der Schachtel zwei kleine Käfer. Die Bauern schoben die Köpfe übereinander, starrten hinein. Der Schornsteinfeger riß den Mund bis zu den Ohren auf, triumphierend spießte er seine Finger hinein: „Der Blitzschlag.“ Die Bauern staunten: „Es sieht aus wie ein großes Marienkäferchen und ein kleines.“ „Man möchte glauben
nach dem Anblick, es sind zwei Marienkäferchen.“ Der Schornsteinfeger bekräftigte nach einem kritischen Blick: „Ja, es hat eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Marienkäferchen. Aber schon der Gang ist anders; ihr hättet sehen müssen, wie sie gehen, wie sie fliegen. Ich mach’s euch nachher vor wie das Volk geht. Ich habe sie mit der Waschleine fangen müssen, als sie grade aufs Dach fahren wollten. Ungestüm wie zehn Männer haben sie daran gezogen und wollten mich runter kriegen, aber, da sitzen sie, und ich steh hier!“ Er holte die andere Faust aus der Tasche: „Da sind noch zwei; aber fest, fest muß man sie halten, sonst schlüpfen sie davon und explodieren.“ Er steckte sie sogleich in die Tasche und trank Sepp das Bier weg. Sepp fragte: „Sind immer zwei beisammen?“ „Immer zwei sind ein Blitzschlag. Aber groß wie die Bullen sind sie, wenn sie aufs Dach stürzen. Erst wenn man sie fängt und in die Schachtel tun will, werden sie klein.“ Die Bauern waren ganz gedrückt. Der Schornsteinfeger schlurrte an die Wand, zog seine nasse Jacke aus, nahm einen wollenen Überrock; seinen braunen Kinnbart streichelte er vor dem viereckigen Wandspiegel, über dem ausgestopft ein Igel und ein Marder hingen: „Das ganze Ohr haben sie mir zerkratzt, die Untiere, die mörderischen.“ „Na sag aber mal, du Turnmeister, was ist denn da heruntergekommen von oben, und der Sepp hat’s
in die Stube tragen müssen auf den Armen; da liegt’s noch auf dem Herd?“ „Ja, das ist gekommen — man möchte sagen, wie es gekommen ist. Direkt ist es gekommen. Gekommen ist es von ihnen, wie sie mich nur gespürt haben. Sind einmal an den rechten geraten, die Untiere, die Landsverderber. Man möchte es Angstschweiß nennen. In ihrer Not ist es von ihnen gelaufen. Ich hab’ sie grade über den Schornstein gehalten, damit Ihr was merkt.“ „Oh ja, man merkt’s. Daß kleine Tiere so stark schwitzen können.“ „In ihrer Angst, in ihrer Angst.“ Nachdenklich saß man bei offenem Fenster um den Tisch. Draußen tropfte es sanft, Der vielfarbene Regenbogen spannte sich über den Kirchturm. Sie fragten den Schornsteinfeger noch einmal, ob in der Schachtel also der wirkliche Blitzschlag säße; und sie wollten das auch schriftlich haben von ihm. Er gab ihnen den geschriebenen Beleg und sie bezahlten darauf die Wette. Als der Fremde fortging, saßen sie noch stundenlang beisammen, beobachteten, wie der Wirt wütend die „Beweise“ vom Herd räumte; er schimpfte, es sei leibhaftiger Menschendreck und der Schornsteinfeger ein Durchtriebener. Sie legten Streichhölzchen in die beiden Schächtelchen, aus denen der Fremde je ein Tier herausgenommen hatte und stritten sich über den Gang des Tieres. Urteilen könne man ja über die Sache nicht, da nur ein Tier noch drin säße, aber der Schweiß der Käfer
rieche sehr verdächtig. Der Wirt meinte, Sepp stinke so, aber Sepp blieb dabei, es habe seine Richtigkeit, die Käfer hätten einen beweiskräftigen Geruch, einen sehr überzeugenden Geruch. Und alle schüttelten an der Schachtel, schüttelten daran und suchten die Tiere zum Stinken zu bringen. Und dann wurde man grob gegen den Wirt, wies auf den Zettel und parlierte ostentativ über die Wunder dieser Welt. Bis der Nachtwächter blies und der Wirt kurz Feierabend gebot.