Solche Stücke blieben keineswegs ohne Einfluß auf die Lobensteiner. Die vielen Nasführereien machten die Leutchen kopfscheu. Sie nahmen etwas Mürrisches an, das ihnen sonst ganz fremd war. Das Mißtrauen schlich sich bei ihnen ein gegen alle Welt. Sie brachten einen summarischen Widerwillen hervor auf dies böhmische Land. Ihre Erbitterung machte sich in häufigen Schlägereien mit den Fremden Luft. Schließlich überkam sie der Unmut über sich in so verzweifelter Weise, daß sie beschlossen, die Nachbarschaft einmal gründlich allerlei kosten zu lassen. Das war ein Vorhaben, aus dem Nichts geboren und momentan feststehend wie eine bereits geschehene Tat. Agitatoren rollten in den Häusern mit den Zungen: „Sind wir Laffen, daß man uns zum Besten hält? Wir sind fröhliche Leute und tun unsere Arbeit.“ Den Behörden gaben sie nichts kund davon. Die Frauen weinten, aber billigten die

Sache. An zweihundert Lobensteiner kamen in den Wirtshäusern zusammen, trotzige ehrenhafte, wenn auch etwas langsame Männer, gute Bürger und Bauern; sie nahmen sich vor, in der Padrutzer Umgebung bis nach Olmütz hin totzuschlagen, was ihnen in die Quere kam. Einige kramten bedächtig ein paar Fähnchen aus, die sie aufbewahrt hatten von dem Herzog Stoffel und dem Auszug; man wies sie zurück und ohrfeigte sie, auch die, welche mit Bändern und Gürteln ankamen. Bei der Padrutzer Grafschaft lagen zwei große Ortschaften, Reutte und Kamsen. Da hinaus liefen die Padrutzer eines Morgens. Nicht schön waren sie anzusehen. Wie sie von ihrer Morgenarbeit kamen, stelzten sie. Viele trugen keine Waffen und Geräte; an den Armen baumelten ihre schweren Fäuste; die sollten Hämmer sein. Einige beugten die dicken Schädel und glaubten, die besten Sturmböcke da zu haben. Geschosse führten sie nicht, aber laufen konnten sie wie Kugeln. Wenn sie brüllten, sollte keiner Trommeln vermissen. Die, welche Waffen trugen, hatten sich auf ihre Weise versehen. Auf den Schürzen und Jacken schaukelten ihnen wie Hampelmänner die Bilder ihrer besten Heiligen, aus buntem Papier roh mit der Schere geschnitten. Einige sah man lose Wagenräder neben sich rollen; die waren an einer Speiche mit einem Strick befestigt; die Bauern wollten sie um sich wirbeln über die Köpfe und alles einklaftern

um sich. Viele hatten weiter nichts bei sich, als das kurze breite Messer, mit dem man Schweine absticht. Rodehacken und Eisen von zerbrochenen Pflugscharen nahm man mit, ließ aber manches davon unterwegs fallen. Wie überhaupt der Zug der zweihundert Lobensteiner über den Grenzäckern von Stunde zu Stunde weniger kriegerisch erschien, so daß man sie bald gänzlich für betrübte Bittsteller halten konnte. Gegen Mittag, eine halbe Stunde vor Reutte, standen auf einem Acker zwei junge Männer mit Dünger in der Schürze; die grinsten behaglich, und zogen in demütiger Unverschämtheit ihre Mützen, als sie die Lobensteiner erkannten. Nach einer knappen Minute waren sie erstochen von den vordersten Wanderern, ohne daß die folgenden die Köpfe hoben. Ein paar Weiber liefen darauf unter entsetzlichem Gekeif und Händeschwingen querfeldein auf Reutte zu. Die Bauern hielten am Kragen fest zwei hitzige Kameraden, die mit Beilen hinter den Weibern her wollten. „Wir sind keine Füchse und Bären, daß wir springen.“ Ein Viertelstündchen vor Reutte hörte man es blasen in dem Ort, wie wenn Feuer wäre. Als die Lobensteiner über die Brücke gingen, fing man an auf sie zu schießen. Wer getroffen war kippte rechts und links in das helle Wasser und kam nicht wieder hoch. Die Schützen von Reutte hatten sich in einigen Häusern dicht am Fluß verschanzt und schossen in Ruhe die vordringenden Lobensteiner ab; zwanzig

kamen immer über die Brücke, acht warfen die Hände in die Luft, machten einen Bogen nach rückwärts wie Fische im Netz, und ließen den Boden unter den Füßen. Jenseits des Flusses im Ort fing das Schlagen und Morden an. Die von Reutte wußten nicht, was die Lobensteiner im Sinn hatten; darum hielten sie sich eifrig daran sie umzubringen. Man schob sich ineinander und suchte zu sehen, was sich machen ließ. Sehr langsam kamen neue Lobensteiner über die Brücke, und das war ihr Fehler. Denn die ankommenden Haufen wurden von denen drüben nur erwartet, empfangen, und nach einigem Stich, Stoß und Wurf auf den Boden gelegt. Die Reutter arbeiteten wie eine Walkmühle. Fünfzig bis sechzig Mann waren zum Schluß übrig von den Padrutzern, die blieben jenseits der Brücke stehen, drohten herüber. Die Reutter foppten und hetzten: „Späßchenmacher, Zigeunerchen, Zigeunerchen!“ Wütend liefen sie davon: „Wir holen uns Gewehre!“

Und während sie rannten, wurden sie so giftig, daß sie sich an Bäumen vergriffen, Scheunentüren einen Tritt gaben, ja, daß sie sich beim Kragen packten, wenn einer zufällig den andern mit der Schulter stieß. Hinter ihrem Rücken aber, ohne daß sie es bemerkten, rückten die von Reutte und Kamsen gewaltig an, dreihundert Männer, und noch mehr kamen zu, mit Gewehren, Spießen und Sensen, machten gar keinen Lärm. Wenn es schoß, sah sich

kein Lobensteiner um im Lauf; wenn einer fiel, schimpfte der Nachbar: „Wer purzelt, bleibt liegen,“ und war noch zornig auf ihn, weil er nicht mitkam. An den beiden erstochenen Jünglingen vorbei, über Stoppelfelder nach Padrutz.

Als in Padrutz die Behörden die ausgerückten Krieger am Mittag vermißten und zu untersuchen anfingen, wo sie verblieben waren, läutete es Sturm vor dem Grenzwall. Schüsse fielen, das Schießen näherte sich. Die kleine zerfetzte blutende Schar der Kämpfer brach über dem Wall herein und wie sie kam, verstreute sie sich finster in die Häuser, sagte kein Wort, suchte nur nach Waffen. Den Rückweg nach Reutte konnten sie sich ersparen. Denn das Sturmläuten hörte dicht hinter ihnen auf. Die Lobensteiner Polizisten und Beamten klapperten mit ihren Stiefeln auf den Straßen, um zu sehen, was war. Da sprangen um die Ecken die von Reutte und Kamsen her, hatten ihre Schießprügel und Kolben und Dengel und schlugen die Lobensteiner, Mann und Weib, auf den Straßen tot. Die Polizisten und alle, die Vernunft behielten, verschlossen sich in die Häuser und fingen ihrerseits mit Schießen an auf die Eindringlinge. Und so heftig wurde das Knattern der Verteidiger, daß die von Reutte und Kamsen sich in den Gassen nicht halten konnten, sich auf dem Markt sammelten und da in einigen Häusern Feuer anlegten. Bei diesem Handwerk wurden sie überrascht von

einer Handvoll der verzagten Lobensteiner, die gewillt waren, mit ihren Gewehren nach Reutte zu laufen zur Brücke. Der Berserkerwut dieser Männer, denen sich ihre Frauen beigesellten, — sie warfen ein paar Reutter gradewegs ins Feuer, — vermochten die schon stark zusammengeschmolzenen Reutter nicht standzuhalten, sie schlugen sich unentschlossen eine Zeitlang herum, bis sie auf das Signal eines ihrer Hauptmänner eine Art Sturmangriff vom Markt her auf die Peripherie unternahmen und so tatsächlich ungestört entflohen.

Die in Padrutz aber wagten sich nun nicht mehr hinaus; sie besahen sich den Schaden. Den Brand löschten sie in traurigem Schweigen. Man suchte, sobald man sich hinaustraute vor das Dorf, Tote und Verwundete zusammen, schleppte sie auf Wagen in das Dorf hinein. Dort standen in einer Reihe mit grimmigen Gesichtern die behördlichen Personen. Sie behaupteten, durch ihre Entschlossenheit die Situation gerettet zu haben, und nahmen schon beim Zählen der Toten einen bedrohlichen Ton gegen die gebrochenen Insurgenten an, welche ohne ihre Genehmigung den Ausfall gemacht hatten; sie stellten eine peinliche Untersuchung in Aussicht. Die verbrecherischen Toten, welche außerhalb gefallen waren, ebenso die dort Verwundeten hießen sie sich besonders zusammenzuhäufen. Mit Polizeiaugen beschauten sie sich Ausstaffierung der Blessierten und

Märtyrer und kritzelten alles in eine große Anklageakte. Wenngleich die Beamten nun keineswegs vorhatten, dem Herzog reinen Wein über die Vorgänge einzuschenken, so planten sie, ihn um militärische Hilfe zu bitten unter Zugrundelegung des Materials zugleich zur Bewältigung der inneren und äußeren Unruhen.