Sie waren völlig verblendet. Drei Wochen liefen die Akten den Instanzenweg. Inzwischen geschah im Lande alles, was notwendig war.

Die Lobensteiner kamen nicht zur Ruhe. Sie hatten keinen Groll auf die von Reutte und Kamsen, mehr auf sich, und den heftigsten auf die Behörden. Es konnte nicht so weiter gehen. Da die Straßen wieder gesperrt werden mußten wegen befürchteter Attacken von außen und die Not groß wurde, berieten sie untereinander und schickten eine heimliche Deputation an die wieder befreundeten beiden Orte und zugleich an die alten Padrutzer, ihnen beizustehen, mit ihnen Frieden zu schließen und nach Padrutz zu kommen. Die nahmen alle die Einladung mit Freuden an. Sie kamen nacheinander, und da sie keinen weiteren Widerstand fanden als bei der neueingesetzten Wegekommission, welche vergeblich ihre rostigen Posaunen blies, so nahm die Absetzung der Lobensteiner Behörden, die Überflutung des Landes mit fremdem Volk ihren glatten Verlauf. In ihrem Kummer und ihrer Erbitterung wanderten manche Lobensteiner aus,

in die Nachbarschaft und weiter weg; wenige zogen in die Heimat zurück, aber es hieß, daß auch dort Kriegszustand herrsche.

Damals lieferte Herzog Stoffel mit schwankendem Glück die letzten Schlachten dem Kurhessen; noch zwei Jahre dauerte es, bis Hessen seine Hand auf Lobenstein legte und den Herzog samt seinem Hofstaat zu dauerndem Kuraufenthalt nach Bad Pyrmont verbannte. Als einige alte Lobensteiner von ihrem Fenster in Padrutz sahen, wie die ganz veränderten Landsleute selbst die Behörden fortschleppten ins Gewahrsam, weinten sie und riefen herunter: „Vertragt euch, Kinder, vertragt euch! Wenn das unser guter Stoffel wüßte!“ Aber nicht einmal der Appell, daß sie, vom Herzog selbst als die Tüchtigsten erwählt, nun solche Undankbarkeit erwiesen, fruchtete mehr; in diesen Entmenschten unten waren alle patriotischen Regungen erstorben. Es war kurz und gut zu Ende mit den Lobensteinern, und so weit war es gekommen, daß die Lobensteiner selbst wünschten, unter Fremdherrschaft zu leben und ihre Heimat zu vergessen.

Nach wenigen Monaten war in Padrutz alles auf ein gesundes Geleise geführt. Altpadrutzer, Neupadrutzer, Männer von Reutte und Kamsen, die sich so kriegerisch befeindet hatten, wohnten durcheinander, zwischeneinander. Die böhmische Stadt Olmütz hatte die Herrschaft übernommen in teilnehmender Angst,

daß unter den Dörfern in ihrer Nähe Rangstreitigkeiten entständen; auch erhob sie deswegen im Namen des Königreichs Böhmen Steuern von allen. Manchen Lobensteinern ging das Akklimatisieren schwer an; sie hatten ihr festfrohes Blut noch nicht besänftigt. Das war oft noch ein schmerzliches Prahlen, Stolzieren, Schmuckreichtum auf den belebten Plätzen von Padrutz; ja diese taten sich, als wenn sie adlig wären unter den anderen und sprudelten ihre Meinung wie sonst heraus. Da griff aufgehetzt die königliche Stadt Olmütz ein und benutzte ihre Kreishoheit dazu, den Leutchen in umschriebener Weise ihren Adel zu bestätigen: sie ließ von einigen geübten Kupferstechern und Holzbrandmalern Schablonen herstellen mit dem Lobensteiner Doppeladler; diese Schablone ließ sie bei offenem Markt einigen ertappten rheinischen Herrschaften auf das unbekleidete Rückgrat drücken und nunmehr dort als unvergängliches Signum mit Ätzstichen befestigen. Die Stadt Olmütz stellte den kehrseitig so gezierten frei, jederzeit ihr approbiertes Wappen offen zur Schau zu tragen, verfügte sogar, sobald einer sich auf Lobensteiner Manier öffentlich erginge, sollten alle Padrutzer Männer und Frauen das Recht haben, sich zu überzeugen, ob jener durch sein Wappen zu solchem Tun ermächtigt sei.

Dies war also das Grabsiegel, das endgültige, das auf die Lobensteiner Regierung gedrückt wurde.

Zu guter Letzt stellte sich noch eines Tages die kratzbürstige Philine aus der Nepomukgasse zu Prag ein; Sie hatte vom Rhein vernommen, daß der Stoffel in Pyrmont wohne, wie sie in Prag; nur bezöge der Herzog eine kurhessische Apanage, eine Oppositionspartei unterhielte er in Lobenstein und geheime Akten liefen nur so hin und her wie geölt. Das hatte einen gewissen Anstrich. Sie fuhr deshalb eines schönen Vormittags von Olmütz her die Chaussee nach Padrutz hinauf; sechsspännig fuhr sie. Vor dem letzten Wirtshaus ließ sie halt machen, Pferde und Begleiter tränken, Laternen, Räder putzen und blank machen. Dann ging es feierlich mit Trompetengeschmetter nach Padrutz hinein. Das alte grafschaftliche Wappen prunkte an dem Wagenschlag, auf den Schabracken; zwei Kutscher auf dem Bock in gelbroter Livree mit Schnüren an den Ärmeln und goldgezierten Chapeaus; drei Vorreiter mit blitzenden Trompeten und Degen; drei Jäger hinterdrein. Im Wagen die pompöse Philine mit rotem Gesicht, Puderperücke. Eine Hofdame ihr gegenüber auf dem gelbseidenen Polster, das pausbackige Kind im Arm, dessen Kleidchen himmelblau bis auf den Boden floß. Das war ein Gedrehe und Geziere im Wagen. Über das unerwartete Ereignis liefen die Leute von allen Seiten herbei. Philine lächelte immer gnädig aus ihrem fetten Antlitz, ließ jeden Augenblick halten, sprach mit Bekannten, reichte die rechte Hand, die linke Hand, tat als wenn sie

wiederkehrte: „Wie froh bin ich, daß es euch gut geht. Und da steht ja auch der Franzel, der ist aber schön groß und rund geworden. Und das Häuschen drüben ist abgebrannt samt den Kuchenkringeln, ja Ihr habt nette Sachen gemacht bei eurer Revolution! Aber es wird alles gut werden, verlaßt euch drauf. Guten Tag, Sepp, guten Tag, Gottlieb.“ Die Altpadrutzer rieben sich unentschlossen die Nase, sagten zumeist: „Guten Tag,“ dachten, lebt denn die auch noch und zogen ihrer Wege. Viele grinsten offen über das Getue. Auf dem Markt, wo die abgesetzte Dame lange verweilte und mehrfach im Kreise herumfuhr, stellten sich auch bald Magistratspersonen ein. Ein alter Mann trat aus seiner Haustür, über der ein großer vergoldeter Schirm hing. Dieses war ein bekehrter Lobensteiner, der sich dem Olmützer und königlich-böhmischen Regiment verschworen hatte. Er sah mit Grimm die verflossene Philine einherkariolen. Als die Kutsche in seiner Nähe war, bewegte er den schweren Leib hin an ihren Wagenschlag, streckte den Kopf vor und bat Philine knurrig, sich sein neues Schaufenster anzusehen. Sie rauschte gerührt in ihrer gelbrosa Pracht hinaus, wackelte vor dem Laden leutselig mit dem puderstäubenden Haupte. Er aber, als sich viel schmunzelndes Volk angesammelt hatte, grunzte grob, er wolle sie sich auch einmal betrachten. Sie hätte eine so schöne runde Figur von allen Seiten; da eigne

sie sich ja vorzüglich für die hier moderne Art der Wappentracht. Die Lobensteiner wüßten darüber Bescheid; sie solle sich einmal informieren, zur Rechten oder Linken; er selbst würde dafür Sorge tragen, daß ihr der neue Orden verliehen würde, der Doppeladler, wenn sie das nächste Mal vorbeikäme. Sie dankte von oben herab, wußte nicht, was das brüllende Lachen bedeute und der unflätige Ton des Menschen. Sie ließ den Wagen umkehren nach einer Nebenstraße, aber zwei junge Leute, die Söhne des Alten, fühlten sich berufen noch mitzusprechen. Sie baten mit wenig merklichem Hohn und großer Fixigkeit um die Erlaubnis, ihre geliebte Herrscherin kutschieren zu dürfen. Und während die galonierten Kutscher zur Seite marschierten, lenkten oben die ernsten augendrehenden Gesellen, und sie lenkten, ob die verehrte Landesmutter wollte oder nicht, die Kutsche aus dem Ort hinaus, nach Olmütz hinein in einem glatten Trapp und setzten die Herrscherin ab vor dem Verleihinstitut, aus dem Kutsche und Pferde stammten. Dort verneigten sie sich, verzichteten auf jedes Trinkgeld und versprachen allseits das Beste, wenn man wiederkäme. Philine stand mit der blauseidenen Erbprinzessin auf der Straße und vergoß Tränen. Sie hatte zuletzt die beiden Burschen noch am Dialekt als ihre alten Lobensteiner Feinde erkannt, und der Tort, den man ihr antat, schmerzte darum doppelt. Ein Korbwägelchen