Und wieder sagte der Kaplan ruhig: „Aber nicht doch. Ich bin nur froh, daß ich hier sitzen und alles mit ansehen darf.“ „Ja, ja, Alice, er hat recht;“ mit tränenden Augen richtete sich Robert auf, wischte sich, betrachtete plötzlich gähnend und etwas betreten den schwarzen Herrn im Fauteuil. „Trinken wir eine Tasse Kaffee zusammen. Vielleicht erzählen Sie uns etwas von ihrem Klosterleben, Herr Kaplan. Man muß die Situation ausnutzen.“
„Gern will ich Ihnen erzählen. Wenn es Sie nicht betrübt, ernste Dinge zu hören. Gern will ich Ihnen erzählen.“
„Betrüben, keine Rede. Nehmen Sie Zucker? Wie kommen Sie auf betrüben?“
Während die Tassen klirrten, das junge Hausmädchen in hellblauer Schürze Milch brachte, fixierte Robert öfter den Kaplan, der mit seiner melodischen Stimme zur Mademoiselle sprach. Robert kratzte sich das Kinn, wurde wortkarg. Der Kaplan fiel ihm auf die Nerven, der verrückte Gast machte sich in einer sonderbaren Weise breit.
Alice legte die Arme von hinten um seine Schultern: „Du, hab ich dich verletzt.“ „Na, na, laß mal, Alice. Setz dich nur wieder hin. Es ist was Geschäftliches, fiel mir plötzlich ein. Brr, mein Kaffee ist kalt geworden.“ Der Kaplan schob den Fauteuil zurück: „Ich darf mich jetzt verabschieden?“ Robert drückte sich hoch. „Lieber Herr, Sie laufen weg. Die Sache eilt nicht; übrigens: wir gehen zusammen.“ Alice, ein Knie über ihren Stuhl schiebend, hielt stumm Robert in den Augen, der an ihr vorübersah. „Also, liebe Alice, nur eine halbe Stunde; du entschuldigst mich.“ Sie gingen über die Schwelle; Alice bückte sich neben der Chaiselongue, brachte mit kalter Miene Robert die dünnen Seidenhandschuhe nach, pfiff im Zimmer vor sich hin, auf der Schwelle stehend, die Nägel ihrer linken Hand betrachtend. Der Kaplan und der Reserveleutnant von Wahlen marschierten die Tiergartenstraße herauf; beide atmeten kräftig. „Ja, das ist mal reizend,“ fing der
robuste Mann an, „daß ich einen richtigen Menschen treffe, ein Unikum, nehmen Sie mir das nicht übel. Mir ist zwar wirklich nicht klar, was Sie von meiner Freundin wollen, aber das ist ja egal. Sie sind vorzüglich, Ihre ganze Art gefällt mir.“
„Sie dürfen nicht so weiter reden, Herr von Wahlen, wenn Sie wollen, daß ich mit Ihnen gehe.“
„Keine falsche Bescheidenheit, Hochwürden. Alles an seinem Platz. Also, ich wollte Sie um einen Gefallen bitten.“ Er hakte sich bei dem langen Kaplan mit seinem linken Arm ein. „Es wird mir etwas schwer, es Ihnen vorzutragen. Die Sache ist heikel. Ich rechne darauf, daß Sie solch besonderer Mensch und schließlich auch von Berufs wegen Geistlicher sind. Das paßt faktisch tadellos zu Ihnen, der Kaplan, wie angegossen!“
Als sie minutenlang weiter gegangen waren, wandte der Kaplan sein glattes Schauspielergesicht zu ihm: „Wollten Sie nicht sprechen, Herr von Wahlen?“
„Freilich, freilich, kommt schon. Die Sache wird mir schwer. Also mit einem Wort gesagt: es handelt sich um ein früheres Verhältnis, genauer gesagt, um mein letztes. Alice nicht, mein voriges. Sie sollen mir helfen, Herr Kaplan.“