Hexe wäre ihre Schwiegermutter, machte sie die Türe zu und schlang ihre Arme um ihn: „Geh du doch hin, Hinzel. Bind ihr Eppich um den Hals, und wenn sie drinsteckt, wird sie ein altes Weib und alle laufen weg vor ihr. Oder nimm einen Tropfen Fingerblut und streiche ihr’s unter die Sohle, dann ist sie tot. Die Mareike hat’s mir gesagt.“
„Ach ich kann doch nicht an ihre Sohle kommen.“
„Tus doch, Hinzel, sag ihr so und so, streich ihr unter die Sohle und denk herzlich an mich.“
Sie stopfte ihm eine Tasche mit frischem Eppich und tat ihm eine Stecknadel an seinen Schürzenlatz. Dann sagte er: „Adiö, liebes Lenchen,“ und zog den Fußtapfen des Alten nach, über den Acker, an den Tannen vorbei, am Berg entlang. Die Spechte klopften an den Stämmen, der Kuckuck rief. Zwischen gefallenem Laub rieselte ein Bach herunter, ein graugrüner See lag da, viele Bäume waren über ihn gestürzt und faulten. Hinzel wußte nicht wo er gehen sollte, Lene hatte nur gesagt: immer den Fußtapfen nach. Jetzt waren die Fußtapfen zu Ende. Er setzte sich auf einen Stein und schälte Rüben, die sie ihm eingesteckt hatte. Die Schalen fielen herunter, mit einmal waren sie weg. Er wühlte mit seinen Haken, wo sie wären. Sie waren in ein Maulwurfsloch gefallen. Er stocherte weiter. Es schien sehr tief zu sein. Er hockte hin,
räumte die Erde mit den Händen weg. So tief war das Loch, daß man bequem einsteigen konnte. Hinzel legte seinen Hut oben hin, damit nicht einer das Loche zuwerfe, und ließ sich herunter. Er schlüpfte voran; es war ein Gang, ein schmaler Gang. Unten lagen die Schalen. Das Kuckucksrufen wurde leiser. Er freute sich, hier wanderte man sanft unter dem Rasen, und kein Wind wehte; er wanderte zur Frau Kirbelei und konnte Lenchen heiraten. Gar nicht dunkel wurde es. Man spazierte wie durch einen langen Keller. Der Weg wurde breiter, die Wände liefen auseinander. Da war es, als wenn er auf dem Grund eines Meeres ginge. Sand rauschte unter seinen Füßen, weißer Sand. Die Luft war grünlich, und ein Dämmern, Blinken, Wallen, daß er schwindlig wurde, wenn er nicht auf den Boden sah. Die Fische schwammen lautlos um ihn herum, strichen mit ihren Flossen über sein Haar. Braune Seepferdchen ohne Arm und Beine stiegen hoch und nieder, wie hängende Raupen; sie streckten ihren eingerollten Schweif; auf ihrem Rücken flimmerte ein seidener Saum. In kleinen Schwärmen zogen die Schlammpeizger mit ihren Bärten, die Karpfen sprangen zur Seite und schnappten. Hinzel dachte: „Wie freundschaftlich sie miteinander tänzeln; sie säen nicht, sie ernten nicht.“ Ganz munter trieben es platte Fische, sie sahen aus wie Flundern mit einem weißen Bauch,
wedelten mit ihrem Mantel, warfen sich hin und her und lagen auf dem Sande, so daß man sie gar nicht erkennen konnte; nur mit einem Auge plinkten sie. Da sich Hinzel fürchtete, sie zu treten, ging er auf den Zehenspitzen; aber seine Stiefel waren zu breit und mit einmal schwappte einer unter seinen Füßen auf. Hinzel schrie, schwankte.
Etwas rief fein: „Komm doch her, komm doch hierher, nein hierher.“
„Wo denn, wo denn?“
„Hierher, nein, hierher.“
Er strengte sich an. Rosigweiß bewegte es sich um ihn, ganz dicht vor seiner Wange, glitzerte wie Glas, auf das die Sonne scheint. Sie hatte rote, starre Augen; zwei Zöpfe schwammen ihr nach vorn über die Schultern und zitterten lebendig. Auf dem Kopf trug sie ein großes braunes Schneckengehäuse, in das sie manchmal tauchte, wie hochgesogen, aus dem sie wieder hervorwallte. Einen Mantel hatte sie an, der schaukelte und war nicht dicker als eine Wurstpelle. Hinzel griff nach ihrem Arm: „Wohnst du hier unten? Man kann gar nicht gehen. Die Flundern liegen überall herum.“