Den beiden jüngeren Riesen kollerte ein dumpfes Lachen aus dem Bauch, dem uralten Kilian aber tropfte das Wasser über die geriefte Lippe; er fütterte sein linkes Auge mit einem Regenwurm, denn der Igel stach ihn. Er prustete, mit der Hacke wühlte er voll Wut ein Loch in die Erde, daß eine Schiene heraussprang: „In den Paddenpfuhl werden sie dich schmeißen. Wirst schreien nach uns, daß wir dir helfen.“
„Und dann versauf ich lieber, äh, als daß ich fresse trockene Kastanien in Jüterbog und laß mir die Zehen abfrieren.“
Der Alte holte mit Pfeifenrohr und nassem Teppich aus; die beiden andern klafterten Fuder Sand über Wenzels Buckel.
Der junge Riese Wenzel rannte durch den Regen;
eine Tanne riß er hoch und soff im Zorn ihr Harz; eine andere nahm er als Spazierstock. Er lief auf Berlin zu. Seine Mutter scharrte mit einem Fischnetz hinter ihm durch die Heide, sechs Krebse zog sie heraus; klammerte seinen Strohmantel fest und das rote Bettlaken, das ihm um die Beine flog; ach Wenzel sollte nicht frieren.
Er keuchte bei Tempelhof heran, ging gebückt unter den blanken Drähten der Elektrischen, vor denen er sich fürchtete. Grenzenloses Gekreisch um ihn, Wallen von Menschen; Schnarren, Schnattern. Kleine Männer, kleine Frauen stiegen in kleine rollende Wagen; im Husch waren die langen Straßen vor ihm frei. Es stank nach Qualm, bösen Dünsten. Wenzel zog beschämt von Häuserreihe nach Häuserreihe, drückte eine Scheibe ein, bog sich eine Regenröhre um; guckte hindurch zum Himmel. Über leere Plätze schlurrte er; als er mit krummen Knien sich über ein Häuschen bückte, auf die Nachbarstraße hinübersah, rief er leise: „Ihr! Nehmt mich mit. In euren Ballsaal.“ Aber die Stimme blieb ihm stecken, als alle davonliefen. „Wo habt ihr eure Marmelade?“
Die Städter, verängstigt, versteckt, merkten, was er für ein Tolpatsch war, als er so verspielt sachte herumflanierte, kamen in Haufen, hetzten: „Den haben wir bald, den kriegen wir schon.“ Wenzel kauerte grade auf dem Königsplatz, lutschte
an der Siegessäule, da fing eine Glocke zu läuten an, eine andere bullerte, dann viele, alle in der ganzen Stadt, Dröhnen, Brummen. Still legte Wenzel den Kopf an die Säule, freute sich, was die Berliner für fromme Leute wären. Klingelnd rückte die Feuerwehr durch den Tiergarten, zwanzig Wagen hintereinander, spritzte scharf auf einen Pfiff gegen Wenzels Beine, daß er zögernd davor auswich, erstaunt Straße nach Straße, über einen Platz, über eine Brücke, bis er an ein Fabriktor kam, da riß plötzlich ein eiserner Krahn seinen linken Fuß hoch und eine Dampframme schmetterte einen Keil durch die Ferse. An einer Kette hinkte er schmerzheulend, wo sie ihn führten. Wie ein Bär tanzte er auf dem Neuen Markt; Berliner und Berlinerinnen liefen hinzu und lachten. Er hatte Angst; seinen Strohmantel zerrten sie herunter. Zwei Männer legten eine Leiter an, kitzelten ihn unter der Achsel, hörten nicht auf. Und da er sich fürchtete sie zu zerdrücken, wirbelte er im Kreise herum, knackte vier Laternen ab, bog sich, streckte sich, lachte und heulte in einem Atem. Wie er etwas Luft schöpfen wollte, saßen zwei graue Katzen auf dem Dach. Er ächzte: „Lauft zu Kilian hin und sagt ihm: das machen sie mit Wenzel in Berlin.“
Die Riesen standen hinter Jüterbog auf dem Floriansberg und horchten, als der Lärm und das Läuten entstand. Einmal sahen sie, wie der junge Wenzel
auf das Pflaster hingeledert wurde, dann stiegen sie auf einen Kirchturm, putzten sich die Augen. Schauten nicht lange hin, ihnen wurde angst und bange.