Sonne, Julie neben ihr; schwer wackelte ihr draller seidenverhängter Körper, nach rechts stieg er herunter, pumpte hoch, nach links fiel er und raffte sich. Wie ein Kalb an der Stange, das der Schlächter den Rumpf abwärts auf dem Rücken trägt, die eine Schulter senkend, die andere senkend, so trottete sie, stampfte den Sand. Die schwarzhaarige wilde Julie trug ein blaues Barett mit einer silbernen Feder fest über der quergefalteten Stirn, eine lange breit gebundene Schleife aus dem grünen Samt der Tante fiel hinten über das dunkelblaue Seidenkleid, weiß ihre Schuhchen, weiß die hohe Halsrüsche und die wehenden Spitzen der Ärmel. Aber ein Korsett hatte man nicht um den kleinen Leib gespannt. Es war ihr ganz früh um Weichen und Hüften herumgesprossen, kleine Plättchen in der Haut, Einlagen, die wie Perlmutter glänzten und die man salbte und rieb. Um den weißen, festen, üppigen Leib wuchs es schauerlich mit dicken dunklen Lederschalen, die manchmal blätterten. Gell hatte Julie gelacht, als sie einmal aus dem Bad stieg und ihr einfiel, sie sähe aus wie das Krokodil des Vaters im Gewächshaus. Zu der weißhaarigen Tante, die längst tote Jugendlieben pflegte, watschelte sie, zeigte im blauen Bademantel halbnackt ihre Hüften, jauchzte: „Ich bin ein Krokodil. Ich werde ganz ein Krokodil und freß euch alle auf.“ Die Dame weinte, deckte das Fräulein zu, sie mochte es nicht hören; erinnerte

sich entsetzt, daß Juliens Mutter immer geklagt hatte über den kühlen Seehelden, der Kinder nicht mochte und dem ein Alligator lieber war als eine Tochter. Und als das übermütige Fräulein sich von der grün samtenen Dame losmachte und nacktfüßig auf der Veranda dem Vater, der die Pfeife im Mund sich ein Messerchen zum Präparieren schliff, zustammelte, kichernd: „Ein Krokodil, sieh nur, ich bin ein Krokodil,“ da betastete der gelbe Herr ungläubig die Hüfte, schlug sich vor Vergnügen den Schenkel, umarmte die Tochter, während er das Messerchen aus der linken Hand fallen ließ; er fluchte englisch, küßte sie, sie lachten sich, Hand in Hand gegenüberstehend, an. Der Kapitän bestellte Sekt für den Abend, als wäre ihm heute ein Kind geboren; allein pokulierte er über dem dunklen Dorf, für die Tochter ließ er einen Perlenschmuck kommen. Den Arzt, dazu die zwei Masseusen und die Badefrau schickte Julie, den Perlenschmuck am Hals, an diesem Tage weg. Mit funkelnden Blicken und Gebärden vertrieb sie den behäbigen Hausarzt, der gelehrte Warnungen über den Fortschritt der Krankheit murmelte; er stolzierte hinüber zum Vater; aber als der zwischen dem Rühren und Schäumen seiner Bowle hörte, was Julie gesagt hatte, kratzte er sich dicht vor dem Gesicht des Sanitätsrats den grauen Kinnbart und knarrte ironisch: „Da wird sich wohl nichts machen lassen,“ worauf der Mediziner

heftig mit dem Ebenholzstock aufstampfte und abwanderte über den Hügel.

Wie ein blauer feistgefressener Drache lag Julie unter der Aracee. Eines Tages vor Pfingsten ritt Herr von Wetzling, der Dragoner, mit zwei fremden Kürassieren und vier Damen aus den Nachbarvillen die versengte Allee herauf. Auf seinem schweren braunen Gaul saß er in der lichtblauen Uniform; rosa sein Halskragen; der lange schwarze Degen schleppte zur Linken des Pferdes herunter, verheißend blickte der Dragoner seitwärts und zu den Damen. Die lächelten alle und die Kürassiere schoben ihre blanken Prunkhelme rückwärts, um gut sehen zu können. Zierlich beugte sich der Dragoner seitwärts, sein Pferd sprengte der Kavalkade voraus, durch die rechte hohle Hand, durch den rotbraunen Handschuh sang er leise vor dem exotischen Gebüsch das Lied von Sankt Nikolaus, und seine warmen Augen schimmerten verführerisch. Die Blätter drüben schwankten, der Baum zitterte allgemein, die purpurroten Fruchtknoten schraubten sich höher. Zwei Fingerchen, fünf Fingerchen, zwei Hände, zwei Arme breiteten einen Spalt; ein weißes Kinn, eine weiße Nase, rußschwarze Haarmassen; die Stirn verdeckt und die Augen verdeckt in der grünen Höhle.

Ein frommer Mann war Nikolaus, er führte zwei Reiter auf die Brücke hinaus, breit war das Brückengeländer, schmal war der Weg.

Das Fräulein verschlafen; seufzend und vertrauensselig schwammen ihre Blicke auf den blauen singenden Mann, sie hob das schwere Blatt von der Stirn, durch die Blattlücke zwischen ihren haltenden Armen steckte sie den feinen schwarzüberwolkten Kopf, die gelbe Sonne lag über dem weißen freudigen Gesicht.

Aber als die zwei Reiter über die Brücke trabten, da kniete eine Bettlerin, das schwarze Lumpentuch über den Schultern.

Der Dragoner sah das strenge adlige Gesicht des Fräuleins vor die Blätter sich schieben, hörte zu singen auf; er winkte ihr zu mit seinen Reithandschuhen, denn er kannte sie und sie kannte ihn, und er bat sie, doch herauszutreten, mit ihm im Schatten zu plaudern. Sie lachte entzückt; leise klirrte das Gitter, einem Löwenhund trat sie auf die Schnauze, zerknittert näherte sie sich über den Rasen, tauchte rechts, pumpte links, beide Arme balancierend und grüßend in der Luft vor ihrer Brust. Ob sie ein Drache sei oder eine Schlange, wolle er wissen, und sprang vom Pferd, aber es hieße, daß sie unter der Aracee die Menschen wie ein Teufel belaure, ängstige. Julie, die kleine, stand mit ihm vor dem mächtigen Brunnen, sie stützte sich an dem Zügel des schwitzenden Tieres, strahlte die braunen Wangen des falschen Mannes an, seinen atmenden Brustkorb,

seine langen graden Beine in den schwarzen Schaftstiefeln.

„Ach,“ sagte sie und hörte kaum, was sie sagte, was sie sei, Drache oder Schlange, wisse sie selbst nicht, aber es sei egal, sie belle nur hinter den schlechten Menschen her, damit jeder höre, wer da komme. Der Dragoner löste ihre Hand vom Riemen, drängte das Fräulein gegen das Gitter, so daß es aussah, als suchten sie das Versteck der Aracee; ungerufen klapperte das Pferd neben ihnen.