Leuker hob den rechten Arm mit der kleinen Spitzenmanschette vor die gewölbte Brust: „Ognate ist ein unberechenbarer Mensch; er will Eurer Kurfürstlichen Gnaden nicht wohl seit seiner mißglückten Intrige in Regensburg.“

„Sagt, ich hätte gesagt, die Sache jeder katholischen Partei steht auf dem Spiel, wenn man den Kaiser nicht aufrüttelt. Sagt, ich hätte gesprochen von: aufrütteln. Oder gedacht; oder scheine gedacht zu haben, daß er seine Pflicht versäume als hispanischer Geschäftsträger. Die Pflicht gegen seinen wohlmeinenden Herrscher. Es täte mir leid, so denken zu müssen von einem gottergebenen Christen.“

„Er schmäht am Hofe, beim Kirchgang, beim Quintanrennen nur auf den Franzosen.“

„Das Heilige Reich schläft; die Protestierenden nehmen einen starken Anlauf, der Pfälzer und sein Anhang wächst.“

„Ich fürchte“ — Leuker bog kraftvoll den geschorenen Kopf in den Nacken, zog unten an dem pludrigen Besatz seines Wamses. Maximilian stand am Fenster, den Rücken gegen ihn: „Der Herr hat nichts zu fürchten. Der Herr hat dem Ognate mitzuteilen, wie ich ihn instruiert habe.“

Der Marquis Ognate, der Spanier, mußte den Bayern mehrmals fragen, was Maximilian ihm aufgetragen hatte. Er erzählte dann einigen vertrauten Herrn, auch dem französischen Geschäftsträger, dem neuen Kurträger sei die Angst ins Gehirn gestiegen, dicht unter den Kurhut; nunmehr sei eingetreten, was er seit Regensburg prophezeit hätte: der Bayer müßte um spanische Hilfe bitten. Empört stellte er den Doktor Leuker zur Rede: wie er etwas gegen die Römische Majestät zu unternehmen anräte, gegen den nahen Verwandten des spanischen Königs, seines eigenen Herrn. Später war er äußerst geschmeichelt; er freue sich, das Vertrauen des klugen Kurfürsten Maximilian zu genießen; sie vertreten die gemeinsame christliche Sache; er würde nicht säumen mit dringenden Hinweisen seinen allergnädigsten König und die Infantin in Brüssel zu benachrichtigen; sie würden den Ernst der Lage verstehen, sich mit dem Bayern zusammenfinden, er könne seines Eifers gewiß sein. Und stolz ließ der Marquis bald fallen, die niedersächsischen und dänischen Herren möchten nur ihr Haupt erheben; auch Spanien würde wissen, wessen Partei es unentwegt halte; Bemerkungen, die Unruhe am Hofe erregten. Fürst Eggenberg vermochte keine befriedigende Aufklärung von dem Spanier zu erlangen. Da erbat Ognate eines Tages eine Audienz beim Kaiser; schwermütig vermittelte Eggenberg den Verkehr, und es trat ein, was man schon erraten hatte: Ognate überbrachte dem Kaiser Grüße vom spanischen König, Hinweise auf die drohende Weltlage, die einen Zusammenschluß aller katholischen Fürsten erfordere, schließlich eine Einladung zur Beschickung einer Konferenz, die zu Brüssel stattfinden sollte, zur Bereitstellung eines Defensionswerkes gegen die neugläubigen Mächte. Maximilian, der neue Kurfürst, würde daran teilnehmen, mit Spanien und der Infantin.

Einen Stich in der Brust empfand der tief gebräunte, sommerlich gekleidete Kaiser; atemlos wartete er, bis sich der Spanier entfernte, lächelte dann gespannt den zu Boden blickenden Eggenberg an: „Seht Eggenberg! Seht! Versteht Ihr das? So hat er dies Glück auch! Spanien mischt sich in den Krieg ein. Spanien, mein Vetter Philipp will mit Max und was noch mehr ist, vielleicht bald gegen mich.“

„Habsburg ist nicht gegen Habsburg, Majestät.“

„Warum nicht? Wenn etwas dahinter steckt, das die Feindschaft belohnt? Wir sind arm und wehrlos, Eggenberg, fragt den treuen Abt Anton, Gurland, seht das Gesicht meines lieben Grafen Meggau an, die Säckel leer. Und Spanien hat anderthalb Millionen Skudis aus Indien; es wird sich mit Bayern an uns schadlos halten, das weiß der Bayer.“

Eggenberg stand welk dem Kaiser gegenüber auf dem großen leeren Teppich im Empfangssaal: „Es ist kein schöner Schachzug Bayerns. Bayern droht Zwietracht zwischen das erzherzogliche Haus und König Philipp zu säen, wenn wir ihm nicht zu Hilfe kommen. Es ist kein schöner Zug.“