Ehe aber Bassewi die Tür geöffnet hatte hinter einem teppichartigen Vorhang, kam mit langen Schritten, den Blick gegen den Boden, Wallenstein heraus.

Es war seine Art breitspurig zu gehen, wenn er nachdachte, die Stühle beiseite zu rücken, dabei die Lippen aufeinander zu pressen, manchmal rüsselartig zu wölben, um die Möbel herumzuwandern. Er machte lebhafte Grimassen, stieß heftige Worte aus, zischte, lachte, blieb stehen, rüttelte an einem Schrank, schlug wiehernd auf die Tischplatte, ließ sich die Fransen des Vorhangs über den Kopf hängen; öfter setzte er sich mitten während des Wanderns, wo er sich gerade aufhielt. Er kam mit stürmischen Bewegungen aus der Tür heraus, spielte mit den Blicken um die beiden Männer, bemerkte sie offenbar nicht. Bassewi, nach einem Augenwink gegen den Wiener, wich ihm aus, und als er merkte, daß Wallensteins Weg wieder gegen ihn führte, riß er zwei Tischchen und einen kleinen Schemel zur Seite gegen die Wand, verhielt sich völlig lautlos. Der Rat seinen Degengurt umziehend, räusperte sich bei Öffnung der Tür. Als der Oberst um ihn herumging, räusperte er sich unter Scharren der Schuhe; er war entrüstet über die völlig ungewöhnliche Tracht des Fremden, der mit nackten, stark behaarten Armen schlenkerte, um die Brust nur eine niedrige Samtweste, unter den Achseln hervorlugend ein enges Panzerhemd. Dann tönte durch das schmale von Scharren Fußstapfen Zischeln erfüllte Gemach die gepreßte gekränkte Stimme des fetten Rates: „Edler Herr, edler und gestrenger Herr. Unser viellieber Freund.“ Der blieb nach einer kleinen Weile vor ihm dicht stehen, den Kopf über ihn hängend; knurrende knirschende Laute stieß er tierisch über ihm aus, den Mann aufs allerhöchste erschreckend, drängte ihn an die leere Wand, zerrte ihn an dem Degengurt, der einriß, einmal rechts und links, ließ ab; vier große Schritte, hinter Wallenstein wehte der Vorhang, die Tür schmetterte ins Schloß.

Als Bassewi dem krummstehenden Mann helfen wollte, holte der aus, schlug ihm gegen den Hals. Bassewi sagte nichts, nicht einmal, daß sein Haus unter dem Schutz des Kaisers stünde. Der Rat fluchte sich zurechtmachend, spie gegen den Hebräer.

Zwei andere Stadträte, die kurz vor dem Nachtessen kamen, benahmen sich höflich; Bassewis Einladung zum Mahl lehnten sie ab, erhielten aber den beruhigenden Bescheid, daß der Gast seit einer knappen halben Stunde das Haus verlassen habe. Denn draußen standen und rotteten sich die Menschen zusammen, man kannte das sich steigernde Gejohl aus dem vergangenen Jahre, die Eisenhaube der Rumorwache, die Piken der Stadtgarde. Dieses Krakeels wegen ließ sich Wallenstein, der allen Ernstes vorhatte, hier zu übernachten und das von der Stadt angebotene Quartier abzusagen, herübertragen, nachdem seine Soldaten in Kürze die Straße von Volk gesäubert, mit Hieben zurückgedrängt, die verwahrlosten Männlein der Stadtgarde über den Haufen geworfen hatten unter kurzem gräßlichen Gebrüll. Die Erbitterung dieser Stadtwache, die mit dem Pöbel fraternisierte, war so groß, daß der Herr Daniel Moser, der Bürgermeister, den Hauptmann der böhmischen Eskorte aufsuchte, von ihm beruhigende Versprechungen erhielt. Und was den Zorn der auf ihre Piken und Federn stolzen Rotte von Säufern Hehlern Kupplern Gelegenheitshandwerkern am meisten besänftigte, war die Großmut des Fremden.

Als er von der Notlage einiger kleiner Brüderschaften in der Stadt hörte, von ihren verfallenen Baulichkeiten, wies er ihnen hohe Beträge an. Es hieß, er habe zweihunderttausend Reichstaler mitgebracht.

Die Stadt wurde in den nächsten Tagen von Geld überschüttet. Die Räte, hohen Würdenträger, Offiziere, Geistlichen saßen zusammen, sprachen von dem kuriosen Böhmen, der sich mit dem Volk gemein machte und den großen Herrn spielte. Seine Schriftstücke liefen durch die Kanzleien; den Weg hatte er ihnen erleichtert durch Besuche bei den maßgebenden Instanzen. Es geschah etwas, was ohne Beispiel am Wiener Hofe war. Eines Morgens lag der Schnee auf den Straßen und Plätzen hoch, auf den Basteien Brücken Erkern Giebeln Türmchen. Vom Federlhof her rollten Schlitten auf Schlitten auf den Stephansplatz herüber, mächtige unförmige drachenköpfige fischschwänzige Gehäuse, mit Wimpeln und Glöckchen geschmückt. Vor jedem ritten zehn Trabanten; die Gefährte zerstreuten sich in der Stadt. Hielten beim Fürsten Eggenberg, bei Trautmannsdorf, Questenberg, Meggau, beim Abt Anton, beim alten Grafen Harrach, den Beichtvätern Weingärtner, Knorr von Rosenrot, Lamormain, dem Grafen Strahlendorff. Kaum eine viertel Stunde dauerte der Besuch der Abgesandten des Böhmen bei den hochvermögenden Herren; sie überbrachten jedem eine Kostbarkeit, dazu ein Handbrieflein ihres Herrn. Als die aber die Fäden der Brieflein lösten, wurden sie vom Feuer überfahren; der Friedländer schrieb ihnen nach einem Gruße und einer Erinnerung, sein Bankhalter de Witte in Prag sei angewiesen, ihnen die und die Summe, einen ungeheuren Betrag zu überweisen. Mit einer Unverfrorenheit, für die es keinen Namen gab, bot ihnen Wallenstein riesige Gelder an, fragte sie nicht, sagte nicht, wozu warum. Die Schlitten fuhren klingelnd, hellbestaunt in den fröhlichen weißen Straßen herum; die Edlen saßen in ihren Kammern, hielten die Papiere in den Händen, zitterten.

Draußen wälzte sich greifbar, für die Augen kenntlich, grell maskiert der böhmische Schrecken durch die Straßen. Die unten staunten ihn an, aber er hatte Beine, ging in die Stuben ein, war da, widerwärtig, krallte sich an sie fest. Zuletzt fuhr ein Schlitten beim spanischen Botschafter Ognate vor. Er empfing den böhmischen Abgesandten in seinem kleinen Fechtsaal: den dünnen schmalen Degen zwischen die Zähne sperrend nahm er das Brieflein an, nachdem er mit einer hochmütigen Handbewegung die Überreichung einer goldgefaßten Schale aus dem Horn des Rhinozeros, ein breites unförmiges Gerät, verhindert hatte. Die Lippen fletschte er, wie ein Tiger grell wild blickte er den Böhmen und den Trabanten an aus gelblichem erblaßtem Gesicht, machte, ohne sprechen zu können, schüttelnde schleudernde Handbewegungen gegen sie, nach dem Brieflein zu, gegen seine Brust, sein Herz, übersprudelte sie dann, den Degen abziehend, mit losgelassener spanischer Heftigkeit. Darauf plötzlich: sie sollten sich einige Minuten gedulden. Er übergab dem Trabanten dann zu dem Brieflein des Wallenstein einen eigenen, mit geschriebenen Drohungen und Verwarnungen. Ohne sie weiter zu beachten begann er von neuem sein Fechten und Springen, wies nur, als sie die Tür vor sich öffneten, wild auf die Hornschale, die am Boden stand; er hieb flach über sie weg.

Einigen der übrigen Herren half der greise Harrach rasch über die peinvolle Situation. Er lud sie zu sich hin, sprach vom Reichtum seines Verwandten, erwähnte, welche kostbaren Gaben an den Kaiser und die Kaiserin gegangen seien, sagte, wie er ihn bedacht hatte. Man lachte, lachte zaghaft, es war die erschreckende Höhe der Dotationen, die sie erschüttert hatte. Ein Barbar dieser Böhme, gewiß, gewiß. Aber sie waren nicht befreit.

In dieser Nacht erwachte der Kammerdiener des Kaisers Ferdinand. Er hörte den Kaiser in seiner Schlafkammer kichern, lachen, schallend lachen. Dann hörte er seinen Namen rufen. Er ging eilig durch das Halbdunkel des weiten Vorsaals, in dem zwei dünne Kerzen brannten, zündete an der Wand, wie er sich einem ungeheuren figurenbelebten Rahmen näherte, der die ganze Breite des Saals einnahm, eine dritte Kerze an. Bis zur Decke reichte der Rahmen heran hinter der schweren Kristallkrone; ein dicker Vorhang fiel von der Höhe des Rahmens herunter, füllte mit dichten Falten seine Mitte aus. Dahinter die Schlafkammer Ferdinands. Eine kleine Glastür zur Linken öffnete, das Licht anhebend, der Diener. Eine bemalte bekränzte Mariensäule, blinkend, wieder in den dicken Schatten huschend. Auf dem hohen Polster Ferdinand, aufrecht sitzend, schluckend, Lachtränen in den zugekniffenen geblendeten Augen, die weiße Nachtkappe gegen die rechte Backe vor den Mund gepreßt; er bat sich verschluckend um ein Sacktuch. Er zischelte, indem er sich zurücklegte: „Könnte nicht der — ja wie heißt er doch? — ja könnte nicht der Trautmannsdorf oder der Eggenberg oder einer der Herren gerufen werden? Oder, bleib noch. Schick lieber zu Baroneß Khevenhüller; geh hin, ich ließe sie bitten, sie möchte ihre Herrin wecken, ich wollte ihr etwas sagen.“ Hinterher aus der Kammer: „Nimm die Kerze mit, sag’ ihr, ich ließe die Kaiserin bitten, es sei nichts, ich sei nicht krank.“

Bis an die Tür des Vorsaals geleitete sie ein Fräulein, dann führte sie unter die Kronleuchter an die kleine Glastür der Kammerdiener.