Wie im Frühling die Meldungen einen abenteuerlichen, nie gesehenen Umfang der Rüstungen erkennen ließen, fanden sich Vertreter der ligistischen Herren zusammen; Maximilian gab das Stichwort; unruhige fragende Klageschreiben gingen an den Kaiserhof ab, von Mainz und Köln, dann gemeinsam von den vier altgläubigen Kurfürsten. Der Druck der Einlagerungen wuchs; der Umfang des Heeres nahm zu, von Tag zu Tag; Werbungen Durchzüge Einlagerungen Kontributionen, in immer neuen Reichsbezirken. Bayrische Zwischenträger streuten die Ansicht aus: Wallenstein suche durch die große Menge des Volkes die deutschen Länder zu beschweren und durch unerhörte Drangsale zu entnerven; alsdann gedenke er alles nach Belieben zu disponieren. Man geriet in wachsende Spannung und Furcht. Der starke Greiffenklau von Mainz war schon nicht mehr so eigenbrödlerisch; er ließ an seiner Tafel hören, es möchten seines unvorgreiflichen Ermessens noch Mittel zu finden seien, wie sich die Liga, wenn es gegen die Freiheit der Fürsten ginge, mit dem König von Dänemark so weit verständige, daß die Bundesarmee mit anderen Reichsständen das Reich verteidigen könnte, die kaiserliche Armada aber sattsam zur Erhaltung der Erbkönigreiche gebraucht werde.

Das Frühjahr rückte gnadenlos vor, jeden Tag konnte der Losbruch der Heeressintflut auf das Reich erfolgen.

Da wußten sich die Fürsten, in Würzburg zusammengekommen, keinen Rat. Sie bewilligten ohne Debatte eine Million Taler für Heereszwecke. Es würde erfolgen — blickten sie sich lahm an — was man sich erzählte, daß der Däne geschlagen würde, das Heer aus Deutschland nicht wiche, sondern wachse, ohne Schranken, wie es in den wenigen Monaten gewachsen war. Und niemand konnte wissen, was ihnen drohte. Was aus ihnen würde. Wie weit es Friedland mit seinen Kontributionen triebe. Sie faßten Beschlüsse; im letzten Augenblick sollte vorgebeugt werden. Zwei Kuriere jagten sie nach Wien zum Kaiser. Sie baten ihn erstmals, ihnen einen baldigen Kurfürstentag zu veranstalten zur Besprechung urwichtiger Dinge und einzuschlagender Maßnahmen, dann flehten sie an, des unbeschreiblichen Unwesens gedenk zu sein, das mit der Überflutung Deutschlands durch die riesigen Truppenmassen erfolge; der Fluch der Nation würde sich gegen die Fürsten richten, die dies nicht haben verhindern können. Sie böten ihm starke, ausreichende Truppen gegen den Dänenkönig an; dem friedländischen Heere würde die Säuberung und Verteidigung der Erblande in Schlesien nach Ungarn gegen die Türken zufallen. Hinter die beiden Abgesandten lief ein Kurier, der ihnen als letzten Trumpf eine Verschärfung ihrer Instruktion ans Herz zu legen hatte: man sei bei Ausbleiben einer Remedur des Heereswesens entschlossen, die Bundesarmee vom Feind abzuziehen und in Notwehr zur Verteidigung der deutschen bedrängten Stände zu gebrauchen.

Friedland gelüstete nach Wien. Kein besonderes Vorkommnis drängte ihn; er wollte noch einmal den Kaiser, die Räte sehen. Er wollte wissen, woran er war, bevor er aufbrach.

Er lag im Harrachschen Haus in Wien auf der Freyung; wieder lähmte ihn das Podagra. Obersten meldeten sich bei ihm, berichteten, Ordonnanzen von den Gütern; sonst lag er allein. Es besuchte ihn niemand. Im Auftrag des Kaisers bewillkommnete ihn an den ersten Tagen der liebenswürdige Fürst Eggenberg, der ihm zwei Ärzte zuführte. Kurze formale Audienz bei Hofe. Der Hof schwieg, die Räte schwiegen, der Kaiser schwieg. Wallenstein wunderte sich nicht. Er war gewohnt, daß man ihn fürchtete oder verabscheute. Er wies seinen Wirt und Verwandten, den Grafen Harrach, ab; ihn trösten, beruhigen? Was die Herren bei ihm sollten. Als er acht Tage gelegen hatte und leidlich hergestellt war, machte er einen kurzen Abschiedsbesuch bei Eggenberg, reiste gekräftigt, geleitet von einer Kompagnie des Regiments von Löbl, ab. Er war zufrieden; ihn hatte am letzten Tage seiner Anwesenheit noch sehr die Hilflosigkeit der Wiener Stadtgarde beim Löschen eines Brandes in seiner Nähe gelabt, wo im Anschluß an eine Verbrennung beschlagnahmter protestantischer Bücher im Bischofshof eine Feuersbrunst sich erhob, die den Bischofshof selber, zwei Klöster, hundertsechsundzwanzig Häuser einäscherte. Am Fenster zusehend lachte er stundenlang; dort unten ritten auch die hohen aufgeregten Würdenträger und Beamten, sie schlugen die Hände zusammen, schrien sich Unverständliches zu, zeigten in den Qualm, stoben davon; es sei ein vortrefflicher Abschluß, meinte der Herzog gegen seinen Wirt, so hätte er die Herren doch alle kennengelernt.

Dicht bei Wien stellte ihn Doktor Leuker, hinter den sich die beiden Kuriere gesteckt hatten, die nach einigen unverbindlichen Worten vom Grafen Kollalto an den Friedländer selbst gewandt waren, ihm aber ständig aus Furcht auswichen. In einem Dorfgasthaus traf Leuker den Friedländer; der Herzog gab ihm freundlich die Hand. Leuker, sehr blaß, stammelnd, wollte ihn zu einer Unterredung im Garten bitten, der Herzog lehnte lächelnd ab: „Was gibt es zwischen uns zu sprechen, das nicht jeder hören könnte?“ Militärische Wünsche trug der kaum seiner Sinne mächtige Resident vor, steif zu Boden blickend, sich an sein Schwert haltend; Tilly wünschte eiligst die Wallensteinsche Hilfe mit einigen Regimentern; er brachte nicht klar heraus, was ihm aufgetragen war, daß Tilly Kommando und Disposition dieser Hilfstruppen haben sollte. Der Herzog, halbseitlich am Fenster einem Ochsengespann zusehend, gestand es bereitwillig zu. Dann gab sich der dicke Leuker einen Ruck, preßte hervor, erst den gelbsüchtigen Herzog mit dem Blick streifend, dann über dessen Kopf sich mit den Augen am oberen Fensterrahmen festnagelnd, was von Truppenübergriffen verlautet sei, von Erpressungen, Verwüstungen. Gutmütig stimmte der andere bei: „Wird wohl bei den Herren Ligisten nicht anders zugegangen sein.“ Als der Bayer glaubte, aus den Geschehnissen den Schluß ziehen zu müssen, daß die Werbungen vermindert würden, meinte der Herzog nur, ihm zutraulich die Schulter berührend, er sei unlogisch, eine einzige schlimme Kompagnie richte mehr an als zehn gute Regimenter, er werde die schlimmen Truppen entlassen und weiter gute Regimenter anwerben. Was den Bayern, der den Boden unter den Füßen verlor, zu der fast unwillkürlichen Entladung veranlaßte aber die Kurfürsten und Fürsten wünschten, beständen auf einer Einschränkung der Rüstungen. In voller Heiterkeit der Herzog: „Ja, warum lassen das die erlauchten Herren mir, gerade mir sagen? Sie haben ja den Grafen Tilly: so mag man es ihm doch befehlen; auf die Minute wird es geschehen. Wie sind die Herren hilflos!“ Zähne beißend, halbtoll wiederholte, quetschte der andere an seinen Sätzen; der General blieb im schallenden Lachen, bat den Residenten um Verzeihung für seine Heiterkeit; wenn man wolle, werde er es dem Tilly auftragen. Bis der Bayer sich, komme was wolle, zu dem Geständnis hinreißen ließ, auf eben die kaiserlichen Rüstungen sei es abgesehen, weil man sie für überflüssig hielte. „Nicht überflüssig. Sagt nur deutlich, lieber Herr Doktor, gefährlich. Gefährlich für Euch, Ihr werdet nie finden, daß ich ein zugebundenes Maul habe; und Ihr seid ja auch reichlich offenherzig. Euer Herr, der Kurfürst in Bayern, wünscht den Kaiser nicht im Reich. Ich kann es der bayrischen Durchlaucht nachfühlen, aber die bayrische Durchlaucht kann den Kaiser nicht hindern, andere Wünsche zu haben.“

„Die Kurfürsten haben dem Kaiser geschworen. Aber der Kaiser hat auch dem Reich geschworen.“

„Woraus sich nicht der Schluß ziehen läßt, lieber Herr Doktor, daß der Kaiser eine Holzpuppe ist. Ich kenn Euch gut, Herr Leuker, hörte, daß Ihr sonst ein kluger Mann seid. Ich rechne es Euch darum nicht an, daß Ihr heute kein Glück mit Argumenten habt. Fahrt nur wieder heim. Berichtet so: ich hätte selbst gesagt, Ihr hättet Euch tapfer geführt.“

Mit einer Handbewegung lud er den kauenden Mann an den ärmlichen Kieferntisch im Zimmer, auf dem Messingbecher um einen Weinkrug standen. Als der noch nicht gefaßte Doktor ohne sich zu drehen stumm Bewegungen mit den blassen Lippen machte, lachte Wallenstein, der schon auf dem Schemel saß, so daß ihm die Tränen die Backen herunterliefen: „Was wollt Ihr nur, Herr Leuker? Ihr habt ja alles gut gemacht! Ihr habt das Examen bestanden. Merkt Euch zum Bericht nach Hause das Wort Bildsäule, Statua auf lateinisch. In solchem Zustand kommen Kaiser nur nach ihrem Tode vor.“

Vierzehn Regimenter zogen mit Wallenstein aus Böhmen. Es ging auf den Hauptsammelplatz Neiße. Die Beruhigung der katholischen Kurfürsten hatte er dem Wiener Hofe überlassen. Seine Leibgarde, zweihundert ausgewählt starke und geschickte Knechte aus allen Nationen, eisenknarrend vom Kopf zu den Füßen, auf gepanzerten Pferden, Musketen Lanzen Spieße Beile führend, umschloß seine Sänfte, ritt ihm voraus, folgte auf den wärmebrütenden menschenleeren Chausseen. Meilenweit wich das Volk aus. Er stieß durch ein wüstes Böhmen auf Schlesien zu. An der Spitze der Regimenter fuhr der Herzog in einem puschelwedelnden sechsspännigen Wagen; achtzehn Rüstwagen mit roten Juchten ihm voraus, zwölf zweispännige Kaleschen mit dem Stab; hinter ihm seine prunkende Sänfte, auf Pferden bunte unbewaffnete Pagen und Trabanten, Leibpferde; am Ende offene Feldgeschütze mit Artilleristen und Munitionswagen.