Gitschin Nachod Glatz wurden passiert. Durch Deutschland, das schwang, sich unruhig bewegte und zuckte, donnerten neue Regimenter herüber aus Schwaben Franken Mähren, vom Rhein Dragoner mit Piken, fliegende Musketiere, leichte polnische Reiter, die Freitag und Samstag keine Eier und Butter aßen; Kroaten mit Arkebusen, Husaren, die Panzerstecher trugen, die eingemauerten Eisenmenschen, die Kürisser, ungesehene Massen zu unbekannten Zwecken. In hellen Haufen eine graue Gesellschaft hinter schweren unförmigen Wagen, Schanzbauern Büchsenmeister Schnaller Fuhrknechte Konstabler Schlangenschützen Pulverhüter; unter ihren leinenbezogenen Gefährten Sturmtöpfe Pechkränze Sturmfässer Mordschläge Brandkugeln, Fuder von Salpeter Schwefel Kohle, hundertpfündige Mörser, offen durch die sonnigen blumigen erschreckenden Landschaften gefahren, mäulersperrend wie Leichen urzeitlicher Untiere, Kartaunen Hagelgeschütze Totenorgeln Haubitzen. Inzwischen saßen die Kinder vor den Kellertüren, spielten, kreischten, lachten, drehten ihr Rosenkränzchen, ritten auf Stecken; die Frauen wiegten ihre Säuglinge, sangen, tändelten mit Ohrringen und Ketten; die Bauern vergrößerten ihre Scheunen, dengelten Sensen, prüften Dreschflegel, die Bürger schrieben sich Briefe, kauften, lasen Kalender, malten die Tafeln ihrer Vorfahren auf, dachten an Adelsdiplome, die Kranken betrauerten ihr elendes Schicksal, grollten, daß sie bald sterben mußten; aus den Fenstern hingen Teppiche vom letzten Festtag.
Gleichmäßig schön das Wetter, Tag um Tag, helle luftdurchwehte Nächte, die Tage wuchsen, langsam verschoben sich oben unhörbar die Gestirne.
Am neunten Tage des Aufbruchs erreichte der Generalissimus seine Hauptmacht bei Neiße, der schlesischen Stadt.
Er machte sich den Rücken frei. Von dem teuflischen Zug Mansfelds nach Ungarn steckten schlesische Städte voll feindlicher Besatzungen; die Dänen hatten sie planmäßig aufgefüllt; furchtbar auf das Land ausfallend, eroberten sie Zuckmantel, Starnberg, überrumpelten Sohrau, Beuthen; Kosel wurde ausgeplündert; herausfordernd schwärmten leichte Trupps, Brände um sich werfend, kleine Detachements abfangend, bis vor den Sammelplatz der Kaiserlichen.
Wallenstein schritt mit vierzigtausend Mann am Gebirge entlang. Die Städte Loebschütz Jägerndorf geworfen. Er bog gegen die Oder um, umfaßte Kosel, wo siebentausend Dänen saßen unter Joachim von Mitzlaff, einem bissigen Kavalier, der die Pest und die ungarische Krankheit überstanden hatte, in Polenschlachten zerfleischt war. Er nahm die Belagerung an hinter seiner sumpfumzogenen Schanze; am fünften Tag von drei Seiten bestürmt floh er mit der Reiterei. Raste nach Süden, den Weg Mansfelds, Bethlen Gabor zu. Vom Lande, aus den Nachbarorten schwirrten ihm zersprengte Fähnlein zu, viertausend Pferde staubten Tag und Nacht gegen den Jablonkapaß. Sie prallten auf Kaiserliche. Umwerfend zurück; Mitzlaffs Tobsucht riß seine meuternden Reiter mit; er mußte durch Schlesien Polen auf Brandenburg zu gehen. Hinter ihnen Pechmann und Merode mit der ganzen Friedländischen Reiterei.
„Sie sind verloren wie Judas Seele“, hob Wallenstein die Arme.
Er fiel, von abtrünnigen Dänen verstärkt, Troppau an, das ein Rantzau halten wollte. Nach vierzehn Tagen war drin das Pulver verschossen. Die Stadt war sein. Keine dänische Maus lief mehr in Schlesien. Auf Neiße schwenkte er um.
Harrach auf der Wiener Freyung empfing einen Brief: „Ich übersende Ihrer Majestät fünfundsechzig Fähnlein und Kornette, die dem Feinde abgenommen sind. Übermorgen marschiere ich ins Reich.“
Die Schweidnitzer Stände sandten zu ihm nach Neiße Vertreter, feierlich voll Rühmens glückwünschend zu den unerhörten, blitzschnell herniederfahrenden Siegen, dankend für die Befreiung von den Kriegslasten und den Truppen. Er empfing die barhäuptigen berittenen Herren noch vor dem blumengeschmückten Tore im geöffneten Reisewagen, sah sie, gebückt sitzend, kalt an; es war nicht sicher, ob er ihnen zuhörte.
Ohne weiteres verließ er das Land, ließ hinter sich in dem dumpf staunenden Schlesien und Mähren fünfzehntausend Mann, die sich zu verstärken hatten.