Und während er sich in drei Heersäulen nach Norden und Nordwesten schob, erwartete ihn der Dänenkönig Christian.
Fiebernd und sich selbst grollend erwartete ihn der Däne; voll Ruhmbegier, ohne Not, in der Hoffnung auf den sicheren Sieg hatte er den Krieg begonnen, dann hatte sich, wie von Satanas geschickt, in Böhmen dieses Wesen emporgewälzt, nicht vorauszusehen, noch jetzt nicht zu fassen, ausgestattet mit Reichtum, Härte, Unabhängigkeit, neben einem zusammenbrechenden Kaisertum, und tatzte nach ihm, nach seiner jungen lebensdurstigen Herrlichkeit. Mit diesem gab es keine Versöhnung, der kannte kein Paktieren, der niedriggeborene Mensch, das widrige feuergeglühte Geschöpf. Er jagte jetzt den edlen teuern Mitzlaff her durch halb Europa, wollte ihn fassen. Wenn er doch käme, der Mitzlaff, der tapfere, nicht zu zerbrechende. Und um sich sah der Däne alles anders wie vor einem halben Jahr im winterlichen Haag, wo man sich zugetrunken hatte. Er mußte danken und sich freuen, wenn zwei drei neue Fähnlein Schotten zu ihm stießen und eine Handvoll Franzosen. Wie strahlten die Augen des Grafen Montgommery, der auf seine Franzosen zeigte, die schon gegen die Spanier Siege errungen hatten; was würden sie machen gegen diese zermalmende Masse, von deren Schwere und Sicherheit sie keinen Begriff hatten. Zarte süße dänische Frauen nahmen sich ihres Königs zu Stade im Lager an; er sagte ihnen, ihrem Gesange würden viele dänische Soldaten die Ehre zu verdanken haben. Und dann übergoß ihn mit dem tiefsten Entzücken und stellte ihn wieder ruhig hin die Ankunft eines alten Mannes, des Markgrafen von Durlach, den einmal Tilly besiegt hatte. Das kleine Land, um dessen Erbschaft Durlach gekämpft hatte, war ihm nicht zugefallen; sein eigenes war verloren; er kämpfte jetzt, wie er sagte, für etwas Besseres, wie die andern gegen den neuen Antichristen, der ehedem Papst, jetzt Kaiser und Friedland hieße und wie der Papst sinken werde. Der alte Markgraf hatte als wandernder Kaufmann den schlesischen Besatzungen Mut zugesprochen, dann warb er in Frankreich für Christian, ein holländisches Kriegsschiff trug ihn nach Dänemark. Dünn waren Christians Scharen, die sich von Bremen bis in die Mark streckten, aber tapfere unbekümmerte Männer; oft mußten die Frauen den König trösten, der immer wieder weinte, wenn er seine jungen lachenden Offiziere sah. Er ließ verbreiten, daß auch Mitzlaff zu ihnen stoßen würde, was hellen Jubel auslöste; er sagte nicht, wie Mitzlaff zu ihm komme.
Still lag zwischen Niederelbe und Weser im hildesheimischen Städtchen Peine Tilly. Hinter dem Rücken des Friedländers hatte er dem Feinde einen schweren Schlag versetzt, von dem sich der Feind noch nicht erholt hatte. Jetzt drängte der Böhme von Süden herauf, er mußte ihn noch rufen, sich mit ihm verständigen, denn es sah aus, als ob der Däne sich über die Weserarmeen werfen würde. Schrecklich antwortete der kaiserliche General, er könne keine Truppen entbehren; Tilly hätte genug Regimenter, um den Feind in Schach zu halten. Der Ligist, fast erstarrend, meldete den Bescheid dem Bundesobersten, dem bayrischen Kurfürsten. In der Gefahr, überrannt zu werden von den Feinden, die der Friedländer offensichtlich gerade gegen ihn jagte, sprang er auf und drang an die Elbe, nordostwärts durch Lüneburg. Er wollte selbst den Feind stellen und schlagen. Der Däne sollte nach Süden abgeriegelt werden, um im Norden von einer einstoßenden Armee wie in einer Falle gefaßt zu werden. Der Ligist setzte seine Hauptmacht aufs Spiel; der entscheidende Schlag, der Elbübergang unweit Lauenburg gelang. So glückverwirrt war der edle Graf, so völlig aus seinen Angeln gehoben, daß er selbst an den Kaiser, den Herrn der nahenden friedländischen Macht, schrieb, die Entscheidung in dem Feldzug sei gefallen, sei schon gefallen, es sei nicht nötig, daß Truppen herbeieilten, um den Dänen den Garaus zu geben, fast getraue er sich mit einiger Hilfe, ihn zu übermannen. Er triumphierte wild gedankenlos hinaus, nur noch einer kleinen Nachhilfe bedürfe es, um dem Krieg das gewünschte Ende zu geben, bettelte zum Schluß um die Belohnungen und Gaben, die, wie er sich ausdrückte, wohlverdienten Kriegsobersten von kaiserlich mildesten Gnaden aus den verwirkten und konfiszierten Feindeslanden zufielen. „Ich hätte nicht leben können,“ schrie er, auf seinem weißen Gaul hängend, gespenstige kleine Figur, unter wallenden Federn, schwarzen Mänteln sich verbergend, gegen den Marschall Anhalt, der ihn am breiten Elbstrom auf einer Pappelallee zur Beratung aufsuchte; „ich hätte nicht länger leben können,“ schrie er nach allen Seiten gegen seinen Stab, seine Zeltgäste, „dies ist mir geglückt, Maria sei gelobt.“ Und morgens und abends heiser herausfordernd: „Ich hätte nicht leben können; jetzt soll er kommen, der Wallenstein.“
Aus Böhmen kam er heraus, ohne Zeit für Worte und Blicke, ein nackter Leib der Gewalt, schamlos wie ein Säugling.
Er drängte eine Heeressäule unter seinem Oberst Arnim von Boitzenburg, dem schwärmerischen Protestanten, von Neiße über Krossen auf Frankfurt in die Mark hinein. Dem Kurfürst Georg Wilhelm wurde durch ein Schreiben bedeutet: der Herzog habe vernommen, daß er, der Kurfürst, die Pässe in der Mark und an der Oder gegen des Dänen Einfall nicht versehen könne mit eigenem Volk; der Kaiser habe ihm den Schutz der getreuen Reichsstände wider den Feind gnädigst empfohlen; so werde der Oberst Arnim abgefertigt, Städte und Pässe in der Mark und an der Oder mit der notwendigen Besatzung zu versehen. Ein offenes Patent verkündete den brandenburgischen Landen, man solle sich hüten, Schwierigkeiten zu machen; der Kaiserlichen Majestät sei ein dankbares Gemüt zu erzeigen. Durch die Mark schob sich, nach rechts und links mit Kompagnien ausschlagend, Arnim die Havel und Spree entlang, stieß gegen den weichenden Dänen über Oranienburg, Bernau, legte sich über seine heimische Uckermark, tastete bei Lychen über die mecklenburgische Grenze.
Eine zweite Heeressäule trieb Friedland mit dem Marschall Schlick, die gesamte Kavallerie führend, über Breslau, Liegnitz auf Krossen gegen Havelberg.
Die dritte geleitete er selbst mit dem Fußvolk durch Schlesien über Kottbus, Jüterbog, den ausgesogenen nördlichen Landstrich vermeidend, gegen den festen mecklenburgischen Ort Dönitz an der Elbe.
Und in das Getriebe der sich fortbewegenden Heereskörper geriet, von Süden gescheucht, hin und her taumelnd, der pockennarbige Mitzlaff; bei ihm die Obersten Buben, Holk, Baudissin und zweitausend Pferde und sechs Dragonerkompagnien. Merode und Pechmann hinter ihnen her; wie die Hirsche flogen sie am Jäger vorbei. Schon waren sie bei Küstrin, da zwang sie Pechmann ostwärts herüber. Von seinem Überfluß schickte der vorbeimarschierende kaiserliche General Regimenter um sie herum, todeswütig brachen die Gehetzten über eine Warthebrücke noch einmal nach Westen vor, es war nicht mehr weit nach Dönitz.
Da standen in einer Augustnacht die Wallensteinischen Regimenter auf an allen Seiten um sie. Bei Bernstein wurden die Dänen in der wolkenlosen mondhellen Nacht zusammengehauen, nachdem sie noch vergeblich die geängstigten brandenburgischen Befehlshaber, Lutherische wie sie, ihnen herzlich zugetan, um Durchzug gebeten hatten. Buben, Holk wurden gefangen. Pechmann, der Wallenstein geschworen hatte, er würde die Dänen nicht an ihren König lassen, in der Mondhelligkeit von Mitzlaff erkannt, durch zwei dänische fliehende Leutnants von seinem Stabe abgelockt, wurde, er, der Sieger, von einer besonders beorderten Rotte niedergemacht, zermalmt, im Tode enthauptet, geplündert, zerhackt; man fand später nur seine Rüstungsstücke.