Mitzlaff und Baudissin schwammen, während man im Morgengrauen nach ihnen suchte, schon über die rollende Warthe. Christian gelobte ihnen, als er sie umarmt, den Krampf seines Herzens beruhigt hatte, er werde Widerstand leisten dem Böhmen, aber er wolle fort, er wolle fort aus Deutschland.
Der Uckermärker Arnim mit Ungestüm gegen die Dänen unter dem unbeugsamen Markgrafen von Durlach in Mecklenburg vordrängend nahm von der überschwappenden Fülle der beiden Hauptmächte sieben Regimenter zu Pferde und zu Fuß an sich, hieb aus Ort um Ort, Stadt um Stadt, Schloß um Schloß den Durlach heraus. Die Proteste der beiden regierenden Mecklenburger Herzöge, dem niedersächsischen Kriegsverband angeschlossen, nahm er nicht an. Keinen Ort, der eine Mauer hatte, verschonte er. Vor Wismar, auf die Insel Poel verkroch sich der Feind; da hielt Arnim an.
Der Kommandant von Dönitz übergab kampflos den Ort nach zwei Tagen. Elbabwärts fuhr der Herzog zu Schiffe nach Lauenburg in Tillys Lager; mit Pomp, kostbarer Bewirtung wurde er empfangen, selber mit königlicher Pracht, wahrhaft asiatischem Gepränge auftretend, umgeben von seiner Leibgarde und gefangenen feindlichen Offizieren.
Eine Verabredung wurde getroffen. Graf Schlick, achtundsechzig Reiterkompagnien herumwerfend, gegen die geballten Massen des alten Matthias Thurn, überritt die holsteinische Grenze, brauste über Trittau, Altrahlstadt, an Hamburg vorbei. So groß war die Verwirrung Angst Ratlosigkeit in der Hansastadt, als unabsehbar die Armeen herantobten, daß sie drin die Waffen gegeneinander erhoben und erst die Sorge um die schwere Lebensmittelkontribution sie zur Besinnung zwang. Die schweren Völker des Herzogs, des Brabanters rollten nach, getrennt Lager und Hauptquartiere. Tilly, von Tag zu Tag gepeitscht durch Briefe des Bayern, sich in seiner Selbständigkeit nichts zu vergeben, im Erfolg die Vorderhand zu erlangen, hitzig, vergrämt, kaum dem Kommando gewachsen, Offiziere dauernd an den Herzog verlierend, flackernd zwischen Groll auf sich, Verbitterung gegen seinen Kurfürsten, wurde, der wachsblasse Eisenzwerg, erlöst durch eine Musketenkugel, die ihm nächst den Wällen Pinnebergs das linke Knie aufriß, herunterwarf vom Pferd. In der Prunksänfte Wallensteins, der Herzog drängte sie ihm auf, wurde er aus Pinneberg rückwärts getragen. Und dann, wie er lag, weiter rückwärts. Seine Truppen zog er mit sich, an die Weserstellungen; im Augenblick löste er sich von Friedland, ächzte, blickte steif und drehte sich nicht um. Hinter Wallenstein marschierten nur drei ligistische Regimenter, Fürstenberg, Reinach, Herberstorff, dazu die Artillerie.
Die Kroaten, leichten Reiter, wehten dicht schwärmend wie Staub vor der Stirn des bewegenden Heereskörpers. Ihr Windzug, der Dunst ihrer Pferde warf Beklemmung über den Feind. Der Graf Thurn schäumend, seine Rüstung zertretend, zwang seine Kavallerie, neben sich den Rheingrafen Otto Ludwig, noch einmal ins Feld zwischen Elmshorn und Horst; wie Wasser über dem Feuer verdampfte, verbrodelte die Masse beim Anrücken des Friedländers. Zum König von Dänemark nach Glückstadt wich Thurn. Der Rheingraf rettete sich nordwärts nach Rendsburg. In Glückstadt äscherte der König Häuser und Scheunen um sich ein, das Land längs des Elbeufers setzte er unter Wasser. Die Heere marschierten rechts vorbei. Über Itzehoe, vier Kompagnien Schotten zermalmend, traten und tauchten sie. Die Schlicksche Kavallerie breitete sich ostwärts aus in Holstein, nach Oldenburg im Lande Wagrien. Der Durlacher setzte rettungsuchend, von der Insel Poel abgesperrt, auf Schiffen mit dem Überbleibsel seiner Söldner nach Holstein über, flüchtend und bereit, heimlich am Meer entlang zu schleichen. Von der Höhe des Dorfes Großenbrode stieg im Morgengrauen Schlick überwältigend gegen ihn herunter. Das Heer, nur die graue See hinter sich, in die Knie brechend, streckte die Waffen. Siebenundzwanzig Kompagnien Infanterie, fünfzehn zu Pferd, die des dänischen Königs Krone und Herz gewesen waren, hoben ihre Fahnen, ließen das Regimentsspiel erklingen, dienten dem Sieger. Der Durlach hieb sich, sein Herz versteinernd, durch seine eigene, Wege und Strand finster überlagernde Armee. Zweitausend Reiter riß er mit sich nach Flensburg, nach Fünen. Schlick flutete wild herauf nach Jütland.
Links von ihm Wallenstein faßte Rendsburg mit den Zähnen, schüttelte die Besatzung wie aus einem Sack heraus. Sie liefen zu ihrem König.
Christian in Glückstadt an der Elbe verlassen schwamm mit seinen sanften Frauen auf drei kleinen Barken, um seiner zerschlagenen zertrümmerten Dänen ansichtig zu werden und sich gemeinsam mit ihnen fortwehen zu lassen. Jetzt weinten die Frauen um ihn; aber er, ohne Waffen, weichäugig, im goldgelben Rock, jünglingshaft schlank an einem Mast unter dem bunten Himmel stehend, winkte den Dänen ruhig mit seinem leichten Federhut; es sei eine Wiederholung, was hier geschehe. Der Pfälzer Friedrich, sein lieber edler Freund, sei wie er gegen den römischen Kaiser gezogen; es sei ein Glück, daß Dänemark nicht in Deutschland läge, man könne nicht heran an ihn. Er müsse siegen, stöhnten die Damen, in dünnen Seidentüchern das Gesicht verhüllend, er würde siegen; spitzfüßig liefen sie auf weißen Schuhchen zu drei und vier auf ihn zu, die losen bunten Röcke raffend beim Sprung über die Balken und Seile, die Reseden aus dem Haar verlierend. Nicht, tätschelte er sie, oder doch, er werde siegen, er werde den deutschen Kaiser besiegen, durch Ruhe und Klugheit; er werde Frieden mit ihm schließen. „Ich muß bezahlen, meine lieben Kinder, oder mich in dies weite schöne Meer stürzen.“ Seine Armee suchte er bei Rendsburg und fand sie nicht; in Flensburg nahm ihn die Woge der Durlachschen Kavallerie auf; sie legten Hadersleben hinter sich in Asche, Kolding machten sie dem Erdboden gleich; sie mußten Schiffe nehmen, die brachten sie nach Fünen.
Hinter ihnen nahm das Drängen kein Ende. Die Schlickschen Massen faßten nach Westen herüber, packten bei Viborg versprengtes feindliches Kriegsvolk an, das entwich nordwärts, stach verzweifelt Dämme und Gräben hinter sich durch, warf Brandfackeln um sich, hinter sich in Gehöfte Dörfer: sechsundzwanzig Kompagnien der Regimenter Kalenberg, Nell, Holk; Baudissinsche Reiter, schleswigsche Landmannschaften. Am Limfjord machten sie halt, wollten sich in die Sümpfe, Moräste von Vandsyssel werfen. Da stellte sich ihnen das gereizte Landvolk entgegen, Kompagnien verweigerten den Gehorsam, voll Unsicherheit lief man durch Aalberg zurück ans Meer. Bei Hobro wurden sie zusammengehauen, im Getümmel wälzten sie sich zum drittenmal auf Aalborg; da saß, Piken und Musketen vorstreckend, Graf Schlick. Sie wurden nur schwer durch die Kaiserlichen abgehalten, unter sich selbst in der Wut ein Blutbad anzurichten; man nahm ihnen die Waffen ab; keiner entkam. Die dänischen Generäle, verwundet, von ihren eigenen Soldaten ihrer Pferde beraubt, Konrad Nell, Heinrich Kalenberg, gaben sich schamzuckenden Gesichts in den Schutz ihrer Feinde.
Durch das herbstliche Fünen fuhr langsam in einem Sechsspänner, den Stern auf der linken Brust, eine breite goldene Schärpe auf dem gelben zerdrückten Rock, Christian, sprach freundlich mit jeder Bäuerin, die sich seinem Wagen näherte, ihm weinend ihre Kinder zeigend, drückte in Odense auf dem Rathaus den Reichsräten mit Stolz und Ruhe die Hand. Die, um ihren König klagend, Christian Friessen, Magnus Uhlfeld, Olof Rosenspars, Breide Rantzau, Ewald Kruse, Kanzler, Reichsadmiral, Statthalter, erhoben, wie er den Rücken kehrte und donnernd ungesättigt das grausame Kriegsungeheuer die Krokodilskiefern über ihre Grenze streckte, ein markerschütterndes Wehegeschrei: nicht die Krone Dänemark, nur der niedersächsische Kreis habe mit diesem Krieg etwas zu schaffen, man möge dessen gedenken, menschlich sein, der nachbarlichen Freundschaft sich erinnern. Man möge ein Ziel setzen diesem grausigen, durch fast ganz Europa gezogenen Brand, bei eines fremden Reiches Wassern und Seen, nicht noch mehr, endlos mehr Königreiche Fürstentümer und Lande dem Unwesen, Raub, Verwüstung, grenzenlosem Blutvergießen übergeben und aufopfern.
In Seeland erhob sich das Volk gegen den König, die Begleiter schützten ihn, in Fischertracht flüchteten sie weiter. Im nördlichen Deutschland verbreitete sich das Gerücht, die dänischen Bauern und Bürger hielten in Odense ihren Reichsrat gefangen. Wollten in Entsetzen den Römischen Kaiser oder Wallenstein zu ihrem König wählen, um sich zu retten.