Der Kaiser entschloß sich, nach den Siegen nach Böhmen zur Krönung zu reisen. In einer unbezwinglichen Bewegung nahm ihn der Entschluß gefangen. Er ordnete die Maßnahme in finsterer Freude, Gehobenheit an, gab der Mantuanerin, die ihn fragte, warum man im Winterbeginn reisen wolle, den Bescheid, daß keine Wahl bliebe. Er wollte sich gekrönt seinem großen Widerpart über alle Länder weg gegenüberstellen, während der noch in Holstein Mecklenburg war. Man brach mit ungeheurer Pracht auf; die Gelder, aus dem Felde geschickt, strömten aus Kontributionen.
Auf dem Laurenzerberge krachten Geschütze; die Hälfte schoß Salut, die andere schwieg, scharf geladen, zum Schutz des Kaisers. Aus der Wenzelskapelle wurde die Krone geholt, die sich zuletzt der geächtete Friedrich aufgesetzt hatte; ein Kardinal führte den Kaiser zum Hochaltar. Gesalbt am rechten Arm, Schultern, Brust, mit dem Wenzelschwert umgürtet, Szepter und Apfel tragend, die Krone aufgedrückt.
Die Böhmen ließen es geschehen; sie hatten geträumt, Wallenstein würde in Prag erscheinen; er ihr Trost, ihre unsinnige, immer wieder sich erneuernde Hoffnung. Der Landtag wurde eröffnet, seit vielen Jahren der erste, man las ihnen die königlichen Propositionen vor; keine Rettung, es gab keine Wunder. Sie schmeichelten sich an den neuen König, brachten Geschenke, bewilligten Steuern, boten eine Jagd bei Prag an; wurden bedankt, aber wie zum Hohn ließ der Kaiser auch seinen Sohn vor ihnen krönen; man rief sie nicht, nicht einmal zur Dekoration; die Prunkherren und Damen waren aus Wien gefahren, füllten den heiligen Dom, schlossen die Wenzelkapelle auf. Kein Wort klang von den alten Freiheiten und Privilegien, eine erneuerte Landesordnung des Erbkönigreichs Böhmen machte allem ein Ende. Aber der geistliche Stand nahm am böhmischen Landtag teil, Bischöfe, Priester, Jesuiten, an dem Landtag, den die Adligen die habsburgische Krönungsmaskerade nannten. Rasend vor Haß zogen sie sich zurück; weinende und verbissene Gesichter bei ihren Zusammenkünften. Zum Grafen Thurn wollten sie schicken, flehend, sie nicht zu lange leiden zu lassen, aber lebte Thurn noch? Sie schickten Leute, ihn zu suchen; wieder wanderten Adlige aus. Wallenstein gewinnen! Wallenstein gewinnen! Oder ermorden.
Und wie er ankam aus den Winterquartieren durch die gebändigten Gebiete, durch Mecklenburg, die Mark, über Wittenberg Bernau, Sommerfeld Sagan, auf Gitschin, langsam, auf den glatten und verschneiten Wegen, wußte er nicht, daß er von böhmischen Exulanten, mordsüchtigen Fanatikern, seinen Landsleuten umzüngelt war, aber begriff, daß man ihm zu jeder Zeit ans Leben wollte. Er hatte seine Leibgarde auf sechshundert Mann erhöht; mit vierhundert bis auf das Blut geprüften Wallonen und Italienern, die hochmütig auf die deutschen Völker sahen, durch Stärke Gewandtheit Prunk alle überragend, ließ er sich in den böhmischen Kessel herunter.
Da durchwellten schreckenverbreitend zwei Ströme das Land, der römische Kaiserhof und Wallenstein. Wie Fremde standen die Böhmen in ihrem Land, ihre Rücken beugten sie.
Der Kaiser zog zu Huldigungen durch die Städte; in Brandeis, auf dem kaiserlichen Schloß, erreichte ihn der General der Armada. Er hatte nicht den Wunsch, den Kaiser zu sprechen; Ferdinand hatte ihn zu sich gefordert. Dann begegneten sie sich in dem Empfangssaal zu Brandeis. Ferdinand, der heitere Banketteur, Wildschweinjäger, demütiger Christ, aufgerissen zu blendender betäubender mystischer Größe unter einem Purpurbaldachin, die Krönungsinsignien, Mantel mit furchtbar springenden schwanzpeitschenden Löwen, goldene Krone, Szepterstab, kreuztragenden Reichsapfel wie eigene Organe bewegend, drohend, lodernd, gar nicht versunken. Und vor ihm durch das Spalier der Trabanten, Fahnenträger, starr stehenden Räte, Priester herschleichend, verwundert und widerwillig, das lange ledergehüllte gelbäugige Geschöpf, mißtrauisch, fremdartig. Mit schwanzpeitschenden giraffenwürgenden Löwen aus Gold, mit bügelüberzogener buntgesteinter Goldkrone, dem uralten Reichsschwert brannte der oben zu ihm her, heischend, stumm sprechend aus einem Gehäuse von Purpur. Er verstand ihn nicht; wollte man ihn morden, nach den Siegen; hatte er zuviel gesiegt; er hatte seine unwiderstehlichen stählernen Wallonen nicht zum Schutz. Man ließ ihn fort, nach feierlichen Gastmählern. Er schüttelte sich draußen, trug nichts davon. Seine Garde führte ihn nach Prag.
Er rechnete mit dem Kaiser ab. Seine Verwaltung machte eine sehr genaue und spezialisierte Aufstellung an den Abt von Kremsmünster, der sie lächelnd dem Kaiser übergab. Ferdinand überflammt, tief beglückt: „So brauch’ ich doch nicht verzagen. So gibt mir der Herzog von Friedland eine Gelegenheit, einen Vorwand, ihn zu ehren. Daß seine Verdienste um mich nicht abzuschätzen sind, weiß ich. Ich bin ja geradezu wehrlos, gesteht selbst, Abt Anton, gegen ihn. Wie soll ich mich rächen an ihm für diesen Feldzug?“ Er tat, als ob er lächelte, dann berührte er den Abt ernst an der Hand: „Ich muß mich doch behaupten gegen ihn.“
Elf Herren bildeten den Geheimen Rat des Kaisers; zu besonderen Aufgaben wurden noch zugezogen Zdenko Fürst Lobkowitz, Otto von Nostitz. Auf allen lastete nach den beispiellosen Siegen des Sommers der Druck, sich mit dem Böhmen abzufinden. Slawata, der schöne, Wallensteins Vetter, in den Geheimen Rat aufgenommen, äußerte in Abwesenheit des Kaisers: „Der Herzog hat sein Korn schon in den Scheuern. Bemühen sich die Herren nicht. Die edlen Herren sind nicht meiner Auffassung. Die Aufstellung, die der Herzog von Friedland eingeschickt hat, ist schamlos. Es ist richtig, wie er schreibt, daß er den Obersten den genannten Betrag vorgestreckt hat; doch hat er vergessen, von den Obersten, den Offizieren, von sich selbst eine Aufstellung zu verlangen über die Kontributionsbeträge, die von den Städten, Kreisen, Ständen, Privatpersonen erpreßt sind. Diese Gegenrechnung wird uns selber von dem Lande und den Fürsten gemacht werden.“
Kollalto, der Präsident des Hofkriegsrats, der Weintrinker, gab von sich, daß man sich mit solchen Vermutungen auf unsicheres Gebiet begebe. Das Kriegshandwerk bringe Schwierigkeiten und Härten mit sich; insinuiere man dem Herzog keine Gewalttätigkeiten und die Betreibung so ungeheurer Summen.
Trautmannsdorf hielt es für gleichgültig, ob der Herzog zu viel verlange, zu wenig verlange; die Hauptsache bliebe, daß der Kaiser nicht „nein“ sagen könne.