Eggenberg gab ein schlechtweg friedländisches Votum ab; Wallensteins Unkosten und Auslagen seien vom Kaiser zu begleichen, darüber hinaus sei der Herzog zu belohnen. Er habe ihrer Majestät Königreiche, Lande, Erzhaus und Nachfolge, die jedermann für verloren gehalten habe, von des Feindes Gewalt befreit, ganz Deutschland zum Gehorsam gebracht, ihre Majestät zum Herrn vom Adriatischen bis zum deutschen Meer gemacht.

Sie zerrten aneinander, dachten auf ihre Weise sich Wallensteins zu entledigen. Er knirschte und krachte ihnen, wie sie noch saßen, sein Begehren über Nacken und Schultern. Er vermöge, ließ er sich schallend aus Prag vernehmen, keinen Unterschied zu sehen zwischen seinen Leistungen und denen des Kurfürsten Maximilian nach der Prager Schlacht; danach ergebe sich das Weitere für die Schulden des Hofes. Was den Landbesitz anlange, auf den er bei der zeitigen Geldknappheit des Kaisers Anspruch erhebe, so hätten die beiden Mecklenburger Herzöge durch ihren Anschluß an den Niedersächsischen Bund ihr Land verwirkt wie der Pfälzer. Nur Trautmannsdorf ging spöttelnd in dem lautlosen Kreise: „Jetzt wollt Ihr ihm alle an den Leib. Warum die Dinge so überstürzen! Jetzt möchtet Ihr ihn aus purer Voreiligkeit lieber heute als morgen absetzen, ja köpfen. Ihr Herren! Habt Geduld! Laßt uns noch eine Zeitlang siegen. Warum so kurzatmig? Mir, dem sehr beliebigen Trautmannsdorf, sogar Euch, dem verdienten Fürsten Eggenberg, kann zwischen heute und morgen Schlimmes vom Herzog begegnen. Und zwar Endgültiges. Derart, daß wir mit Homer lieber lebendige Mäuse wären als begrabene, beiseite geschaffte, allerhöchste Würdenträger und Bemäkler Wallensteins, des Feldherrnwunders und so fort. Vorläufig hat er es aber gar nicht mit uns zu tun. Ich betone: vorläufig; ich lege Gewicht auf den Zeitpunkt. Und Habsburg, oh, das nimmt es mit sehr vielen Attentätern Bösewichten Hochverrätern auf. Das lebt sehr ungerührt und kaltherzig über solche momentanen geistreichen Einfälle hinweg. Das meint Ihr doch auch. Einem Herrscherhaus wie den Habsburgern kann im Grunde gar nichts passieren. Und damit, Euer Liebden, möchte ich rechnen. Es ist nicht so kurios, wie es scheint. Ich lasse dem Herzog seine Indolenzen und Maßlosigkeiten durch. Als Vorspann macht er sich gut. Ein wildes Pferd schlägt auch mal gegen den Wagen. Warum nicht? Es zeigt damit, daß es töricht ist und eventuell nicht in den Stall geführt wird, vielleicht sein hoffnungsvolles Leben in einer Roßschlächterei endet.“

In Prag hatten unter den Feiern andere Boten vergeblich Zutritt zu den krönungstrunkenen Majestäten gesucht, stille, sehr wenig eilige Männer, Greise, bettlerhaft gekleidete Menschen in großer Zahl, müde und verloren herumwandernd, sich umblickend. Sie drängten traurig zum Römischen Kaiser, Bürgermeister des niedersächsischen Kreises, Ausschüsse von Stadt- und Dorfgemeinden, die nicht wußten, ob ihre Heimat noch aus mehr bestand als Schutthaufen, leeren Häusern und Ställen; ihre friedliche Menschenherde zerstäubt, Kinder, Bauern, Frauen, Tiere. Sie hatten sich eine grausige Audienz ausgedacht, da sie nicht redekundig waren, auch nicht viel von Worten erhofften. Sie schleppten zwischen lose gebundenen Brettern Leichen ihrer Stadthäupter und Vorsteher mit weiter nach Wien; auf die Deckel hatten sie genagelt beschriebene Rollen, Urkunden, enthaltend die kaiserliche Zusicherung von Privilegien und Freiheiten; mit Siegeln hingen beschwert aus den triefenden schimmligen Spalten der Gehäuse Schutzbriefe des kaiserlichen Generals oder seiner Obersten; kleine aufgeklebte Zettelchen nannten den Preis der Salvaguarden. Etwa sechs dieser Leute starben zwischen ihrer Heimat und Prag, mißhandelt wie sie waren, auf die beschwerliche Fahrt mitgeschleppt, um ihre Wunden, Brüche, Geschwüre, Hinfälligkeiten sprechen zu lassen; sie vermehrten die Zahl der Särge. Man wich der stinkenden Gesellschaft aus, Torwächter Stadtgarden ließen sie unbehelligt, weil sie Beerdigungen annahmen; sie mußten wochenlang hingehalten mit Bettelei sich durchschlagen, hingen zäh und still an der Burg des deutschen Kaisers. Bis der Kaiser von ihnen gehört hatte und begehrte sie zu sehen und zu sprechen. Er ließ ihnen, bevor er sie annahm, am Burgeingang ihre Särge abnehmen, die Särge in Wagen stürzen, durch die Totenbrüderschaft begraben. Sie selbst in einen Vorsaal gelassen, hörten schon vor dem Empfang sein Schmähen, Aufstampfen gegen eine Person, die sie nicht kannten. Es war der hohe weißbärtige Obersthofmeister Wolf Mansfeld, der die ungewöhnliche Audienz zu verhindern suchte. Wie er bleich, heftig atmend, mit erregten Blicken die Tür öffnete und die Schar an sich vorbeiließ, wo sie in einem Haufen an der Tür sich sammelte, zuckte sein feinhäutiges Gesicht vor Widerwillen und Ekel. Der Kaiser, ohne sich ihnen zu nähern, Schweißperlen auf der Stirn, schrie sie wild an, sie möchten herein, sie sollten die Tür schließen. Er hieb auf- und abgehend in eine Masse von Rollen, die auf seinem Schreibpult hinter einer Eichenbarriere lagen. Maßlosigkeit, Gedankenlosigkeit warf er ihnen vor. Glaubten sie, er wüßte nicht? Was heiße das: Leichen mit sich herumschleppen? Ja, was das heiße? Als sie ohne Antwort sich umeinanderschoben und sich fast hintereinander versteckten, prasselte sein Schelten hitziger gegen sie her. Vergessen der Untertanenpflicht sei es, Rebellion, malefizischer Aufruhr. Dazu Beleidigung, ja vornehmlich dies, Beleidigung seiner Person und Stellung. Und dann zu wagen, vor ihn zu kommen, in sein Haus, ihm den Spott in seinen eigenen Mauern antun. Da machte sich einer Mut und auf Tod und Leben lossprechend sagte er etwas von ihren unertragbar gewordenen Leiden, bat um die kaiserliche Gnade Hilfe und Fürsorge. Wie ein eingesperrtes, grenzenlos gereiztes Tier klammerte sich der fette kleine Herr unter dem weißen Federhut an den Schrecken an, rüttelte sie, brüllend, prustend, speiend, blauroten Gesichts; er brauche sie nicht, Anmaßung, Anmaßung, er wisse, was seine Pflicht sei, er brauche keine Belehrung. Gerecht sei es, was sie sich anmaßten über ihn, diese Schmach, sie, die Untertanen, vor seinem Gesicht gegen ihn den Kaiser; was schleppten sie sich durch die Länder, versäumten ihre Zeit, nicht auszudenken.

Die Tür brach fast hinter ihnen auf, sie schwollen hinaus. Am äußeren Burgtor wurden sie festgehalten, von dem Oberst der Leibgarde in sechs Verliese der Burgmauer geworfen. Der Kaiser hatte den bösen Verdacht geäußert, die Leute seien bestochen, gehetzt von fremder Seite in seine Länder in diesem Aufzug geschickt. Nach zwei Wochen vergeblicher Nachforschung wurden die fünf jüngsten von ihnen gepeitscht, sie selbst zwangsweise bei einem Provianttransport unter militärischer Bedeckung in ihren Kreis abgeschoben. Der Kaiser gab die Vermutung der fremden Aufhetzung nicht auf; triumphierend sagte er zur Mantuanerin, wie entlarvt seien die Männer gewichen, als er ihnen vorhielt, sie seien von Fremden hergeschickt; sie seien ins Eisen gesteckt und gepeitscht worden; man würde sich in Zukunft scheuen und schämen, klägliches schwaches Gesindel so für sich arbeiten und das Fell zu Markte tragen zu lassen.

Der Kaiser, drängend auf Vorschläge über die Belohnung des Herzogs von Friedland, sog verzückt die Gehässigkeiten des Grafen Wilhelms Slawata in seiner Kammer ein: daß dem Herzog nicht zu trauen sei bei seinen weitausschauenden Plänen, daß die Herzöge von Mecklenburg seit achthundert Jahren das Land besäßen, ihre Entthronung Dänemark, Schweden, ja das ganze Kurfürstenkolleg auf den Plan rufen würde. Daß er mit armer deutscher Leute Schweiß und Blut die Kriegsvölker der ganzen Welt sättige und bald so viel Länder werde an sich gerissen haben, daß keine Möglichkeit mehr sei, ihn abzufinden. Ja, man werde ihn so erhöhen, daß man alle Freiheit gegen ihn verliere und auch die Macht verliere, ihn zu erniedrigen.

Dies, fühlte Ferdinand, war gut. Wallenstein führte es aus. Und so stellte er sich ihm selbst gegenüber, das ganze Kurfürstenkolleg tragend, auf den Schultern noch Dänen und Schweden, und wich nicht.

Der riesige Luxemburger, Lamormain, sein Beichtvater, trat an den heftig atmenden Kaiser, bat ihn im Namen der heiligen Kirche, das fromme Werk nicht zu versäumen, den ungläubigen Fürsten das Land Mecklenburg zu entreißen; er werde gottgefällig wirken wie einstmals, als er den Pfälzer aus seinen Ländern wies. Ferdinand an seinem Gürtel nestelnd, hörte ihn verwirrt an, sah ihn verwirrt sprechen, seine Hand nehmen. Er glühte auf, beugte sich tief vor der ernsten schwarzen Gestalt, beschämt und wagte nicht, seine Stimme anklingen zu lassen, um sich nicht, er wußte nicht worin, zu verraten.

Eine Urkunde bestimmte: die Herzöge von Mecklenburg haben es mitverschuldet, daß Krieg in den niedersächsischen Kreis getragen wurde. Der Kaiser hat das von ihm und dem Heiligen Römischen Reich zu Lehen rührende Herzogtum mit Heeresmacht überziehen und sich des Landes mit fast unerschwinglichen Kriegskosten bemächtigen müssen. Deshalb wird das Land der Genannten, das Herzogtum Mecklenburg, Fürstentum Wenden, Grafschaft Schwerin, die Herrschaft der Lande Rostock und Stargard dem Herzog von Friedland überlassen. Und zwar zu einem rechten wahren und beständigen Kauf für die geleisteten, ansehnlichen und treuen Dienste in Dämpfung und Bezwingung der Rebellen, für die Erhaltung des schuldigen Gehorsams im niedersächsischen Kreise und die Zerschmetterung zweier Armaden, für die Eroberung und Besetzung großer Fürstentümer neben einem Teil des Königreichs Dänemark, er, der General, Feldhauptmann, ritterlich daran setzend Gut und Blut.

Die Bestimmung des Kaufschillings wurde für später festgesetzt; vom Schätzungswert wurden in Abzug gebracht die Schulden des Landes, die Forderungen des Herzogs, eine Gnadengabe des Kaisers in Höhe von siebenhunderttausend Gulden rheinisch. Verpfändet wurden dem General das Bistum Schwerin und die im Mecklenburgischen liegenden geistlichen Stifte gegen vorgeschossene siebenhundertfünfzigtausend Gulden.

In Prag traf der Kaiser ein zum Empfang des Marschalls Schlick, der aus der Affäre von Aalborg und Hobro achtundzwanzig dänische Kornette und zwei Fähnlein samt dem Generalmajor Konrad Nell und dem Obersten Heinrich von Kalenberg hereinführte. An diesem Tage begrüßte Ferdinand den Herzog von Friedland auf der Burg als einen reichsunmittelbaren Fürsten; er forderte ihn in seiner Kammer bei geheimer Audienz auf, sein Haupt zu bedecken, was Wallenstein nach kurzem Zögern tat. Als am nächsten Morgen die Majestäten sich vor Tisch wuschen, reichte ihnen der Herzog das Handtuch. Der Kaiser hieß ihn an offener Tafel sich bedecken. Das Fürstentum Sagan erhob an diesem Tag Ferdinand zu einem Herzogtum, gab es dem General als ewiges Erblehen.