Zu jener Zeit tauchte der Plan Wallensteins auf, konfisziertes Land mit tapferen Offizieren zu besetzen. Zu Wallenstein wurden der Abt Anton und Kollalto in Prag geschickt mit der Frage, wie er sich die Belohnung und Abfindung solcher Offiziere denke. Der Herzog meinte, daß dazu kein neues Prinzip nötig sei und daß der Umstand der zeitigen Geldknappheit des Kaisers von Wichtigkeit wie von Vorteil sei. „Konfisziertes, also rebellenuntertäniges Land wird am sichersten in Gehorsam gegen die Römische Majestät durch Männer erhalten, die ihr Leben für die Majestät eingesetzt haben. Zugleich wächst dadurch die Macht des Kaisers im Reich. Besetzungen und Inthronisierungen sind furchtbare Drohungen für abfallslustige Fürsten. Man erwäge keine andere Methode.“ Sachlich und ohne Scheu erklärte sich Friedland für Schaffung einer Militäraristokratie. Im Innersten erschüttert war Ferdinand, als ihm der friedländische Vorschlag hinterbracht wurde. Er hatte selbst mit dem Gedanken gespielt im Verfolg des friedländischen Ideenkreises; jetzt sah er den Gedanken draußen nach Realisierung drängen in der schauerlichen Konsequenz des Handelns seines Generals. Er nickte kaum „ja“, floh, bestürzt, von oben nach unten durchwogt nach Wien, wo er sich in die Gebete und Jagden warf.

Er war von jugendlicher Frische und fast überlebendiger Raschheit, aber zugleich von einer schäumenden Gereiztheit und Aufgerissenheit; ruhelos zwischen Empfindungen. Es war ihm eine Freude, als er bei den Jagden in Sumpfgebieten vom Sumpffieber ergriffen wurde und schwer krank wochenlang lag; der Beichtvater suchte nach der Sünde, deren Strafe der Kaiser erfuhr, der Kaiser träumte, schlief matt; er sagte zu der Mantuanerin, er raste, er sei ihr herzlich ergeben. Er klammerte sich im Fieber, wie ein Jüngling blühend, an ihren strengen demütigen Leib an. Sie fühlte sich über ein Weltenmeer, einen sinkenden Sumpf zu ihm geführt; mit Leiden und Gebeten für ihn fing es an, mit Gram um ihre Kühle; manchmal tobte in ihr das Gefühl, von einer Wut verschlungen zu werden, aber diese Wut war keine fremde, war die des Kaisers, und es verlangte sie leise, zähnebeißend an den Orkan heranzugehen. Sich ruhegebietend hineinzuwerfen als Beute; sie war sein Weib, seine demütige Helferin.

Fauchend setzte sich in Dresden Johann Georg, der behäbige Kurfürst, auf die Nachricht von Maßnahmen des kaiserlichen Generals vor einen Bogen, malte einen Brief an den Mainzer als den Erzkanzler mit dem Verlangen, ungesäumt einen Kurfürstentag anzuberaumen, zur Beschlußfassung über seine Beschwerden. In Mülhausen tagten die Vertrauensmänner der Kurfürsten; Johann Georg war selbst gekommen; Bayern, nicht entschlußfähig, hatte einen Vertreter ohne Instruktion geschickt. Aus Kanzleien Kammern Spielstuben Ballhäusern ihrer Fürsten gestiegen, saß die feine weiche Gesellschaft beieinander auf Polsterbänken, zwischen Blumen, Springbrunnen, unter den prunkvoll geschuhten Füßen die blanke schaukelnde Diele, im Rücken, um sich weiße Bildsäulen des Theseus, des zitherspielenden Apollo, pfeilschießende kleine Götter, enthüllte nach sinkenden Tüchern greifende Frauen, saßen einander zugewandt in geheizter Luft unter gepuderten hohen Haaraufsätzen, dünne Degen zwischen den Knien, wie farbenglitzernde Fasane in einem Lustgarten, hörten sich an. Sie sprachen, während sie aus Silberbechern tranken und neben sich auf Tischchen stellten, voll Abscheu über den Herzog von Friedland und seine Praktiken. Sie lachten viel, durchgingen häusliche und nachbarliche Veränderungen, flammten bei Jagdkuriosa auf. Mehr ächzend zwischendurch, gestört, gepeinigt, tropften sie Worte vor sich über die Ereignisse im Reich. Johann Georg, wegen seiner geschwollenen Beine in einem Polsterstuhl halb liegend, nacktschädlig, brustfließenden Bartes, eine stämmige dickbäuchige Masse, lappige Backen, blickte aus verquollenen munteren braunen Augen um sich; es sei schon fast zu viel getan, sich mit dem sogenannten Herzog von Friedland zu beschäftigen. Denn das sei zuerst zu bedenken: wer ist dieser Mann eigentlich? Haben Edle, gefürstete und gekrönte Häupter wie sie, es wirklich nötig, sich mit einem Böhmen aus dem Hause Wallenstein zu befassen, Häuser, die es zu vielen Dutzenden in Böhmen, zu Hunderten im Reich gäbe, noch bessere als Wallensteins? Wenn er jetzt Herzog von Friedland sei oder von Sagan. Der Kurfürst lachte kräftig kopfschüttelnd, die andern wie er; da könnte er sogleich ein halb Dutzend seines Hofgesindes adeln freiherrn und grafen lassen und seien doch eben Küchenjungen Boten Pürschmeister gewesen und nun nicht einen Heller und böhmischen Groschen besser. Nein, nicht einen Groschen besser seien sie dadurch. Und damit legte er sich die Hände über dem Bauch, zurück, fast gesättigt; noch gelegentlich knurrend: „Kurios. Spaßhaft.“ In schwarzem Atlaskleid, silbern ornamentiert, mit bauschig hervortretenden Hemdspitzen beider Ärmel, ernst und hoch unter einem bunten Reiterbild der durchlauchtige hochgeborene Fürst und Graf zu Hohenzollern, Herr Johannes, hielt die Arme verschränkt über seiner langen Perlenkette; wie bitter es zu denken sei, monierte er leise gegen den Dresdner Koloß, daß sie ernsthaft in großer Versammlung über Personen derartiger Natur zu verhandeln hätten; es gäbe niemanden in dieser Gesellschaft, der der fraglichen Person nicht überlegen sei sowohl in Art wie Geist Charakter Frömmigkeit; vom Stand zu schweigen. Und doch hätten es die Dinge, der Verlauf im Reich gefügt, daß sie über die Person handelten, nicht allein ernsthaft, sondern sogar mit größtem Gewicht. Ein Kölner, schwer wie ein Stier, in blauem Tuch dasitzend, legte nahe, dem Römischen Kaiser, zu bedeuten, wie man über diese lärmmachende fatale Person denke. Die Fürsten und Regenten seien angestammt ihren Ländern und Untertanen, sie hätten wohl recht, gehört zu werden, wenn in dieser Weise deutsche Art beseitigt und über den Haufen geworfen werden solle. Da käme ein Taugenichts, ein Brausewicht daher, wild wie ein Sturmwind, reiße an Bäumen und Gewächsen — nun er werde sich verrauschen und verbrausen, aber genug Schaden richte er an und sollte nicht geduldet werden um seines Tosens willen.

Sie tranken, freuten sich ihrer Einigkeit, erzählten von niederländischen Bildern, kamen auf das Reich zurück. Das Neuste, das Neuste im Heiligen Reich, Herr Wallenstein und Böhmen. Wer wird ihm noch Länder verkaufen zu billigem Preis, damit er dem Kaiser bessere Vorschüsse leisten kann? Die Jüdlein haben ihn im Sack. Wie lange, klopft Herr Bassewi, das Hofjüdlein aus Prag, in der Burg an: „Kaiserliche Majestät, alles vertan; wollen die Majestät noch leben, müssen sie ein Jüdlein werden, einen gelben Fleck auf den Purpurmantel nehmen. O heiliges jüdisches Reich deutscher Nation.“

„Seid nicht so kräftig“, warnte der zufriedene Kurfürst; sie aßen Lebkuchen von Tellern, die sächsische Pagen herumtrugen. „Es ist schon gut, wenn wir uns hier zusammenfinden. Nicht verzagen, nicht übermütig sein. Mag der Römische Kaiser wissen, daß wir hier zusammensitzen und unliebsam die Dinge im Reich empfinden. Er wird uns gnädig anhören.“

Der feine Kurz von Senftenau, vom Bayern geschickt, neben dem Hohenzollern sitzend, rosig wie ein Kind, klein, die Stirnhaut ständig gerunzelt, pfiff: „Der Böhme wird sich lustig machen über uns. Wir wissen ja, daß er die Liga verachtet und unsern Grafen Tilly erbärmlich und veraltet findet. Er ist sehr sicher, der Böhme, er verachtet das Alter. Er wird seine Macht erfahren. Wir haben still mit unseren Völkern am Boden liegend die Jahrhunderte für uns. Der Böhme soll versuchen, diesen Urwald zu roden. Ein einziger Baum kann ihn umwerfen. Er ist ein Knecht Habsburgs, einer von den zahllosen; eines Tages wird Habsburg ihn abschütteln.“

Grollend zustimmend richtete sich der schmeerbäuchige Kurfürst im Stuhl auf: „Auf einem unterwühlten Boden lebt der Kaiser. Seine Räte sind gekauft, es bleibt ihm nichts übrig, als sich ihnen zu fügen.“

Auf dem riesigen Treppenflur und im Prunkvestibül wurden die Schritte vieler Menschen laut. Während einzelne feierlich gekleidete Männer, von pikenbewehrten Trabanten und Saalwächtern hereingeführt wurden, sprach man drin von dem Auftreten der niedersächsischen Landvertreter in Wien. Behaglich erzählte man sich Einzelheiten, stritt über die Zahl der Leichen, die sie mitgeführt hatten, wie viele Leichen hinzugekommen wären, wie sie verpackt waren, über den Heroismus der Leute. Es erschienen die ehrsamen Vertreter der Reichsstädte mehrerer Kreise in der Mitte des Halbrunds, in dem die Herren saßen; mit freundlicher Grußerwiderung, mit gnädigem Schnurren und Behagen ließen sie an sich die Klage vorüberziehen. Die Reichsstädte erhoben entrüsteten Protest gegen die endlosen Einlagerungen Durchzüge und Kriegspressionen, denen sie ausgesetzt seien, trotz teuer erkaufter Assekuranzen und Salvaguardien. Der fränkische Kreis drohte, er sei nicht mehr geneigt, beim Herzog von Friedland zu petitionieren. Das Stift Magdeburg enthielt sich bitter jeder Klage; legte seine Kontributionsrechnungen für die letzte Zeit vor, an siebenhunderttausend Taler. Die Stadt Halle kam, Schwarzburg-Rudolstadt, Sondershausen mit hunderttausenden Gulden an erzwungenen Kriegsabgaben. Dem schwäbischen Kreis waren unerschwingliche Summen abgenötigt worden. Eine lange Klageschrift lasen die märkischen Herren vor, klagten über die Regimenter des Fahrensbach und Montekukulli, deren Übermut darin bestünde, daß sie ganze Kontributionen für halbe Regimenter erhöben.

Man genoß die Klagen, schwelgte in den Schandtaten. Auf den Vorschlag Johann Georgs, dem Hauptübeltäter doch einmal auf die Schultern zu klopfen, ganz leise leise, kam man überein, dem kaiserlichen General einen Brief zu schreiben über die Vorgänge, zu deren Kenntnis man gelangt sei. Man schmunzelte, das werde wirken. Es wurden drei lange Zusammenkünfte damit verbracht, die Anrede an den Herzog zusammenzubringen. Es sollte dem Herzog einen Vorgeschmack geben. Würde man ihn als Reichsfürst anerkennen, müßte man ihm die Titulatur „Herr und Freund“ geben; man wollte ihn nicht anerkennen, andererseits auch nicht abschrecken. Man einigte sich unter gespannter Mitwirkung des schließlich tief saturierten Kollegs auf die Anrede: „Besonders lieber Freund, auch gnädiger Fürst und Herr.“ Und dann schrieben sie, was sie wußten. Und gingen kichernd auseinander.

Das Heer, lagernd im Reich und den Erblanden, wuchs den Winter durch. Der Herzog Franz von Lothringen erhielt eine Kapitulation auf ein Regiment zu Fuß, sechstausend Mann stark. Franzesko Magni, der Bruder des langen Kapuziners Valeriano Magni, nahm eine Oberstenbestellung über fünfhundert Arkebusierpferde. Oberhauptmann Friedrich von Damnitz warb tausend Knechte, Hebron sechshundert Kürassiere, tausend Arkebusiere, dreitausend Musketiere. Johann Wengler brachte ein Regiment Hochdeutscher auf den Fuß. Johann Virmont wurde angewiesen, fünfhundert Arkebusiere aufzustellen. Zwölf Infanterieregimenter führte Torquato Konti heran. Augustin von Morando verpflichtete sich auf sechs Fußkompagnien, Johann Ludwig Isolani auf neunhundert Berittene. Neue Regimenter stellten auf Graf Wratislaw, der dem Uckermärker Arnim hatte Platz machen müssen, Kolloredo, Karboni, Aldringen.