Vom Wiener Hof fuhren auf Wagen und wanderten mit nackten Füßen in die verwüstete Heimat die bettlerhaften Abgesandten, die ihr Unglück hatten bejammern wollen und vom Kaiser ausgepeitscht waren. Sie wanderten durch unruhige, seltsam aufgeregte Städte. Von den Häusern Gassen Scheunen, aus den Gewölben, Fenstern blinkte der Wohlstand. Die Felder wurden zum Frühjahr bestellt. Prozessionen begegneten ihnen, Söldnertrupps zogen vorbei mit Wagen und Geschütz, fochten die Bettler nicht an, die gedrängt still gingen. Die Bettler hatten leere ausgeweitete Blicke, mit denen sie die trottenden Menschen überzogen. Stumpf beobachteten sie die staunenden, ausweichenden Bürger und Weiber, denen sie ängstliche Kriegserlebnisse waren; wild zuckte und stach plötzlich den Städtern das Herz. Sie schleppten sich träge aus den Mauern, keine Liebe, kein Traum blieb hinter ihnen zurück. Die Häuser schützten nicht, die Mauern schützten nicht, Kanonenkugeln konnten die Tore umlegen, Soldaten über die Mauern springen, Pferde durch die Wassergräben schwimmen, geworfene Brandpfeile, Granaten konnten Flammen über die Köpfe tragen. Die Torwächter konnten blasen, Kroaten bliesen auch. Die Kinder konnten spielen, Pferdehufe und Kavallerieregimenter unterschieden nicht zwischen Steinen und Knochen. Blumen vor den Fenstern, Altarstationen an den Gassenkreuzungen; für den Augenblick gemacht; Täuschung, daran sein Herz zu hängen. Kirchen voll herrlicher Bildsäulen, prangender Glasfenster, bunter schmerzlicher Gemälde: was war dies alles! Kein Amulett gegen den Oberst Fahrensbach, Quartiermeister mit peitschenschwingendem Gefolge, gegen Isolani, den stinkenden mit dem Affenkopf und seinen schnatternden Ungarn. Seidenkleider über weibliche Glieder, fließendes glattes gebundenes Haar: kein Sinn, Fastnacht und Spiel, man mag nicht einmal darüber lachen. Einer wird sein Pferd an einen Torweg binden, wird euch knebeln und tun, was ihm lieb ist. Da ist nichts drüber zu sagen. Es ist die Welt und das Leben.
Nach Norden. Nach Brandenburg, Mecklenburg, Bremen, Schleswig. Nicht in diesem Lande bleiben. Sie wissen nicht, daß Krieg ist. Es ist nicht die richtige Welt, es ist die falsche, die sich eigensüchtig pflegt hinter den Mauern, sich auf Polsterbänken wiegt, wärmt, die Kammern voller Vorräte hat. Sie genießen sich, spielen miteinander, essen voneinander, bereiten sich einer für den andern. Das Getuschel, Gelutsche, die sanften Backen, frommen Äuglein, sauberen Hände, gestriegelten Haare, bunt geschuhten Füße, der dufthauchende Kleiderwust um die Leiber: sie servieren sich wohl, schmecken und schmatzen. Wenn dampfende Panzerreiter dazwischen traben, Schwadron hinter Schwadron, verweht der Duft, ist alles verblasen, die Welt ist weiter als die Mauern; es geht nur die Rede von Heu, Stroh und Hafer für die Gäuler, die Soldatenweiber und Wäscherinnen tragen Körbe, ziehen Karren hinter sich, darauf haben sie die Zelte Stiefel Kleider Wämse. Es wird geschrien, zerbrochen, vergossen, verwundet, erschlagen, betrogen. Die bemalten Häuser verbrennen eines Nachts eine Gasse lang, denkt keiner zu löschen, dreht sich keiner um danach. Und so ist alles verbrannt, die Kinder mit, die Frauen erschlagen, verschleppt, verlaufen, der Hausrat zertrümmert; die lieben Eltern, Frauen, lieben Kinder, der behütete Hausrat von Ahn und Urahn her. Die Herzen schwollen ihnen, sie weinten auf den langen Landstraßen, schutzlos, nackt einer vor dem andern, weinten, die Stöcke schleppend, über das blanke Gesicht, der Wind blies ihnen hinein, sie flennten weiter, zeigten ohne Gedanken den Entgegenkommenden ihre zitternden, mürrisch zusammengezogenen und wieder aufgelösten Mienen; das rieselnde Wasser lief von oben her aus den Nasen vor ihnen her auf den Weg in den Staub, Tröpfchen hinter Tröpfchen, einer ging auf denen des andern. Bis sie nur noch verzagt stöhnten, die Köpfe auf die Schultern, vor die Brust hängen ließen und weiter trieben. Nach Norden. Zum Oberst Fahrensbach, zum Isolani, und wer ihnen beschert war. An ihrem Erdflecken, zwischen den und den Hügeln, hinter dem und dem Weiher, zwischen den und den Wäldern.
Einmal fielen sie einem wandernden böhmischen Emigranten in die Hände, einem plötzlich aus einer Strohmiete auftauchenden Vagabunden, der einen zerfetzten schwarzen Prädikantenrock trug mit weiten Ärmeln, in die er Brotstücke und Speck eingebunden hatte. Ein Kranz von grauen Stoppelhaaren stand um seine beschmierte Glatze; er schmatzte viel, schien irr zu sein. In einem Bauernhof, wo man sie eingelassen hatte, hielt er ihnen mit Gelächter über seinem verschrumpften Gesicht, Äpfel und Brot schmatzend, an einem Heuwagen eine Rede. Sie sollten nicht mit Christus kommen, sollten nicht von Gott reden. Was das alles für Kindergewäsch wäre. „Gott ist so groß, so — so — groß! Niemand weiß etwas von ihm, als was geschrieben steht. Es steht nicht einmal fest, ob er lebt. Jawohl, er kann schon verschwunden sein aus Ärger und Abscheu und hat die ganze Gesellschaft wie ein hohles Gehäus liegenlassen. Und da können wir heulen, beten und schöne Sonntagskleider machen, singen von morgens bis abends, und Gott ist schon über alle Berge, daß es zum Lachen ist.“
Wie sie mit starren Seelen, leicht heiß, ganz innen sonderbar durchglüht, sich ihren Dörfern näherten, fanden sie wenige, denen sie zuflüstern konnten. Daß der Römische Kaiser ihre Toten hatte auf Wagen kippen und verscharren, sie selbst aber auspeitschen lassen; er wolle sie gar nicht schützen. Vielleicht würden die starken Hansastädte, die Fürsten sie schützen. Vielleicht. Es waren zu viele geflohen und gestorben inzwischen. Und wenn sich plötzlich die Dörfer von den Soldaten leerten, das Trompetenblasen kein Ende nahm, gingen sie zwischen den leeren Häusern herum; es wurde leichenstill, sie faßten gedankenlos die Säcke Sensen in den Scheuern an, blickten zu den Baumwipfeln hoch, gruben die Fäuste in die Taschen. An einem Ende des Dorfes fing es an, das leise Flüstern, vor sich Herschimpfen, Fluchen auf den Kaiser, und lief durch die Gäßchen, Gehöfte, wo sich Menschen schwer aus Lehm und Schutt wühlten hinter den Truppen, die sich unter dem Herzog nach dem Meer zu schoben. Schreie, Drohungen; wie wenn Mäuse in einem Schrank beißen, so knisterten, knackten, knatterten um Ferdinand die leisen scharfen Verwünschungen, rissen mit blitzschnellen Krallchen an seinen Schuhen, Strümpfen, ließen sich durch kurze Stöße nicht verjagen in ihrer Wut, knatterten, liefen an, kratzten, krallten, bissen. Bei Strelitz grub sich ein Einsiedler eine Höhle in einem Hügel. Er betete nicht, saß feueräugig, wildbärtig, fellbehangen, an einer Kiefer auf dem nadelbestreuten Boden, sang Soldatenlieder, schaufelte um sich einen Wall, auf den er Moos trug. Dörflern, die zu ihm jammernd nach Rat, Papieren und Amuletten schlichen, gab er Auskunft: Die Welt hat einen Hauch von Verwesung. Es ist ein zarter Geruch, der bei mancher Witterung stärker wird.
„Der Regen fällt herunter, der Wind wirft die Blätter und Stacheln von den Ästen, sie vermantschen; es sitzt eine schreckvolle Unruhe in der Welt. Jeder Tag, der aufgeht, die Nacht, die über uns fällt, drängt und jagt. Es läßt uns keine Geduld; so ist es doch. Es frißt von uns. Ihr denkt nicht daran. Ihr habt Euch damit abgefunden. Der Mond ist Euch blaß und schön, nicht wahr. Blaß, schön, golden und silbern. Die Sonne ist der schamloseste Heuchler, der frechste Schelm, Betrüger, Ihr kennt sie nicht. Sie wärmt Euch, wärmt, wärmt, bis Ihr nicht wißt wie Euch wird, wie sie Euch das Fett abschwitzt, Muskeln und Sehnen vertrocknet. Es soll nichts dauern. Auf eine Schaubühne von Betrug zwischen Äsern ist der Mensch hingestellt samt dem Getier und den Blumen. Sie sollen den Mist mehren, der auf der Erde lagert. Vorüber! Vorüber! In Verwesung ist unser Leben eingehüllt. Wer hat dies angestellt? Von wem ist dies also gerichtet? Häuser sind nicht nötig, Hütten sind nicht nötig. Es schadet nichts, wenn man Euch totschlägt; wenn Ihr tote Ratten und Kröten fressen müßt und dran sterbt.“
Mit unsicheren Schritten, wochenlang anhaltend, heftig vorstürzend, torkelte nach rechts und links über das zerschlagene, ausgesogene Land die Pest, wie der weiß und grünliche Schimmel über dem faulen Fleisch. Man fing an, die Äcker zu bestellen, richtete neue Schmieden ein. Das Frühjahr rückte vor. Wieder schwärmten, rasch verschwindend, Söldnertrupps vorüber; Gerüchte liefen um von Schießen bei Magdeburg, vom Krieg der Hansa mit dem Kaiser, über Stralsund solle es gehen. Es sickerte durch das Land, die Zeit des Satans sei wieder gekommen, er habe das Szepter der Erde an sich gerissen. Er führe auf glühenden Karossen durch das Reich mit gelben und kleinen Pferden. Er schwirre und sause durch die Finsternis her, lecke das Menschen- und Tierblut, den jungen Getreidesaft. Auf den Laternen der feurigen Karossen sitzen tropische Schimpansen aus dem Urwald, schreien greulich: „Mach’ Platz, mach’ Platz.“ Der Satan hat lange behaarte Arme, die er hinter sich schleifen läßt aus den Wagentüren, er belfert, peitscht, triumphiert. Ihm hängt ein Schlüssel an dem Hals, damit will er die Schleusen der Sintflut wieder öffnen. Von Tag zu Tag tobt und drängt er schrecklicher. Er hat den Bart und das Gesicht des römischen Kaisers Ferdinand, seinen Harn träufelt er in die deutsche Reichskrone und spritzt die Jauche um sich in den Wind. Er hat den römischen Kaiser gestürzt, seine Maske genommen, will das Heilige Reich von Grund aus verderben und versenken.
Es schwelte in Oberösterreich im Hunsrückviertel, dem Pfandbesitz des Bayern, in Mähren kroch die Flamme am Boden, Dunst hing über den okkupierten Ländern, einzelne Schreie stiegen aus dem schwäbischen fränkischen Kreise auf. Die Städte am Rhein wanden sich stumm unter dem Soldatendruck. Soldaten des Regiments Verdugo wurden im Eichsfeld in ihren Quartieren zersprengt, von Ort zu Ort gejagt. Am Harz verbarrikadierten sie sich in den Gehöften. Vor Wallensteins eigenen Türen erhoben sich die Bauern auf den Trzkaschen Gütern. Er konnte nicht zum Heere ausrücken, ohne die Hurensöhne geschlagen zu haben. Ein großes Bauernheer wurde von ihm bei Smiritz durch die Regimenter Marradas und Liechtenstein eingeschlossen, nach drei Tagen zersprengt, fünfhundert Bauern in Stücke gehauen.
Die Tage wurden wärmer, aus den abgegrasten norddeutschen Gebieten ritten fünftausend Arkebusiere und Kürassiere des Kaisers nach Süden, gegen Ulm zu. Da gab es Futter Quartier Geld und Vieh. In gefährlicher Nähe der ligistischen Herren zogen sich immer dichtere Schwärme her von Norden; sie standen, grasten da untätig, erzwangen Kontributionen, dehnten sich aus.
Er selbst, der Herzog rückte im Hochsommer zwischen den wandernden klirrenden Mauern seiner Leibgarde aus, über Sagan Berlin Prenzlau Greifswald, um die Hansastadt Stralsund zur Aufnahme einer Besatzung zu zwingen und den Rest der Dänen zu vernichten, die von der Ostsee andrangen. Über Pommern und der Mark lagerte sein Heer, taub für den Widerspruch der Landesfürsten. Torquato Konti hielt die Mittelmark, ein anderer die Priegnitz, fünf Kompagnien Dohna erpreßten den Kreis Starnberg, mit Wallensteinschen Leibgardisten besetzte Arnim Frankfurt. In Gardelegen Pappenheim; nach Norden reckten sich Montekukulli Hebron Marradas, Franz Albrecht von Lauenburg. Friedlands Marschall, den zähen strengen braunbärtigen Arnim von Boitzenburg, hungerten die Stadtbürger Stralsunds auf der Insel Dänholm aus. Auf der Reise schmähte der General: sie seien Reichsfeinde und Verräter, ihrem Bekenntnis wolle niemand zu Leibe, Arnim sei ihr Nachbar, Märker, dazu Lutheraner.
Bürgerschaft und Rat schworen zur Fahne der Stadt einen heiligen Eid in sieben Artikeln, daß sie Rat, Bestellte der Stadt, Oberste, Kapitäne und Befehlshaber, Alter- und Hundertmänner, Werkmeister und Gemeine keine Besetzung und Einquartierung innerhalb ihrer Ringmauern Schlagbäume und Zingeln dulden wollten; sie wollten sie, wenn nötig, mit Blutvergießen abwehren; schworen unter sich alle Parteiung Rotten Zank und Schmähung ab. Achtzigtausend Taler wollten sie, meldeten sie heraus, dem Kaiser zahlen, ihre Garnison dem Kaiser mit Eiden und Pflichten zu verbinden; der Herzog mit fünfzehn Regimentern in Heinholz unter ihren Wällen lagernd, gab ihrem Protonotar Wahl zurück, es sei ihm nicht um das Geld zu tun, er müsse sein Volk drin haben, so wäre er verwahrt. Er brauchte die Küste, die Häfen; der Däne versteckte sich hinter dem Wasser.