„Ich werde noch heute Dighby und den Herrn verlassen.“

„Ihr werdet das Haustor nicht zumachen. Ihr könnt nicht. Ihr zwingt mich. Ihr mögt denken, ob ich Ehre habe oder nicht. Mich tragt Ihr nicht so zum Gespött hinaus mit Euch, Herr. Ich muß bei Dighby bleiben.“

„Ihr werdet sehen.“

„Ich fleh’ Euch an, es nicht zu versuchen.“

Rusdorf kniete, wimmerte vor dem andern, der sehr traurig von ihm abrückte.

Zwei Stunden später wurde Pavel, verkleidet über die halbdunkle Stiege hinabschleichend, am untersten Absatz aus der Finsternis von zwei Degenstößen getroffen, durchbohrt am Oberarm und beiden Schenkeln, daß er mit Wehgeheul hinsank. Rusdorf mit dem blutignassen Stahl entwischte in eine Seitengasse.

Nikolaus Gurland, aus dem Sumpf der böhmischen Verwaltung vor dem Krieg nach Wien gekrochen, war ein Misanthrop. Die wüsten Herren von der Landtafel hatten die kleinbürgerliche Rechenmaschine vergeblich zu kujonieren versucht. Seine trostlosen Berichte Memorials Denkschriften an den verstorbenen Kaiser Mathias hatten schon böses Blut bei diesen Herren gemacht; seine langweiligen Zahlen über den Rückgang des Bergwerkertrags in Joachimstal Kuttenberg Ratiboric waren nicht zu widerlegen. Da er immer einen verwitterten blauen Tuchanzug trug und sich nicht um Politik scherte, regelmäßig zur Messe ging, beichtete, konnte man ihm nur zusetzen durch Verweise wegen Vernachlässigung amtlicher Würde in Tracht Gebaren, ihm demütigende Belehrungen erteilen über Umgang mit Behörden. Tief getroffen kaufte er sich einen kostbaren Federhut, zog sich blaue Strümpfe an, schwang einen zierlichen Degen, aber die breiten böhmischen Schuhe schleppte er an den Füßen, den Mantel trug er wie ein Paket unter dem linken Arm. Der Chef, ungerührt, ging ihn eines Tages mit einer frechen Bestechung an; da sah Gurland, daß er mitmachen oder gehen müsse. In Wien wurde er wegen seiner Griesgrämigkeit, des unpersönlichen Mißtrauens, der ruhelosen Strenge und Reinlichkeit von Behörde zu Behörde geschoben. Den Don Marradas, einen großartigen liederlichen Herrn am Hofe, seinen Hausnachbarn, bewahrte er durch private Rechnungsführung vor schwerer Überwucherung; Don Marradas ritt neben der Kutsche des Kaisers und war Kapitän der Hatschiere. So daß dem böhmischen Sekretär Nikolaus Gurland das Letzte geschah, er sturzartig, seiner Verwirrung ungeachtet, in das Amt des Schatzmeisters gelangte. Seine bürgerlichen Sonderheiten waren nun geheiligt; an den Wänden Straßenmauern schlich er wie sonst, hohe Bediente Würdenträger wichen vor ihm aus.

Schiefschultrig feingesichtig, einen mausgrauen Mantel um den niedrigen Leib, stand eines Mittags Kaspar Frey, der Römischen Majestät alter Geheimsekretär aus erzherzoglichen Zeiten, vor Gurlands erhöhtem Schreibpult. Die Tür hatte er fest hinter sich angezogen. Er nahm die Zeit des unruhigen gelbgesichtigen Mannes oben mit höfischen nichtssagenden Redensarten und Pausen in Anspruch. In einem hintern Flügel der Burg lag die Schreibstube; Gurland, schwarze mißtrauische Blicke werfend, schnalzte im Chorgestühl heftig an einem Entenkiel. Kaspar Frey suchte ihn freundlich zu stimmen, reizte ihn, nahm auf der rotbezogenen Besucherbank Platz. Schließlich gab er zögernd Auskunft, auch daß er im Namen des Kaisers käme. Der unzugängliche Mann oben, dem man vieles geboten hatte, schwieg lange. Was Frey vortrug, überstieg alles Frühere; er sollte zum Mitwisser Mittäter eines unglaublichen Unterschleifes gemacht werden; der Kaiser nicht, eine verwegene Person steckte dahinter, denn Frey war sicher nur Zwischenträger. Als sich die Tür hinter dem Abgesandten schloß, nachdem er eine halbe Zusage empfangen hatte, die ihn sicher machen sollte — in zwei Stunden hoffte Gurland ihn nach einem kurzen Überschlag ganz zufrieden zu stellen —, kramte der erschrockene Mann drin fiebrig mit seinen gelben Fingern nach seiner Seidenmütze. Er setzte sie sich auf seinen glatten starken Schädel, zischelnd rief er nach seinen Schuhen, auf dicken Pantoffeln schlendernd. Zum Kaiser; es war sonst sein eigenes Verderben.

Ferdinand, aus der Kapelle zurückkehrend, empfing ihn traurig. Er streichelte ihm die Hand: „Er kam in meinem Auftrag.“ Und als der entsetzt noch einmal fragte, sagte Ferdinand leise: „Ja, wirst du vermögen zu schweigen. Und wenn du es nicht kannst, sag es nur ruhig. Du wirst mich nicht kränken. Du wirst in allen Ehren bleiben.“ Gurland fassungslos, Tränen in den Augen, fühlte seine Nasenhöhlen sich weiten; ein kühles Prickeln schlich um die Oberlippe. Er sagte nur „ja“, fiel ihm zu Füßen. In seiner Schreibstube erwog er, ob er abdanken solle; seine Unruhe steigerte sich zur Verzweiflung. Frey kam. Er lief gegen ihn, konnte nichts sagen; alles, was er begehre, wolle er erfüllen; warum er keine Zeile, keinen Ring vom Kaiser mitgebracht hätte.