„Ich muß den Ferdinand erst in den Sattel setzen, dann mögen die Herren recht haben. Ich vermag dann nicht länger hierzusitzen; Pater, glaubt es mir. Sagt ihnen, sie möchten sich solange gedulden.“
Zwischen seine Hände hatte der Pater die rechte heiße Hand des zusammengesunkenen blicklosen Mannes vor sich schlüpfen lassen; bedeckt und umschlossen von den starken Fleischmassen, zwischen den Knochengittern lag sie da; der Luxemburger flüsterte: „Römische Majestät sind von einer argen Schwermut befallen. Ich werde niemandem etwas berichten. Aber mit meinem Beichtkinde um die Gnade unseres Heilands und seiner Mutter beten. Wie gebt Ihr Euch Euren Gedanken hin.“
„Bis Ferdinand gesichert ist, mögen sie sich gedulden. Ich verspreche auch stille zu halten bis dahin. Man möge mich nicht zum Äußersten treiben. Ich habe es nicht verdient um sie. Ich will Euch sagen, Pater, was es ist. Ich habe den Stolz dieser Männer hier an meinem Hofe und anderswo bis zum Höchsten getrieben, so daß ich nichts mehr bin. Man macht sich Menschen nicht zu Gehilfen und nicht ergeben, wenn man sie beschenkt, wie ich es getan habe; man reizt sie gegen sich auf. Manche von ihnen, ich weiß es, haben öfter lose wackelige Köpfe gehabt, so waren ihre Taten, nicht nur ihre Gesinnungen; ich habe manches gesehen; vieles wurde mir hintertragen. Ich habe geschwiegen, ich habe sie gebraucht. So habe ich sie geehrt, wie mich niemals etwas geehrt hat. Ich habe mir jeden echten Dank, jeden Lobspruch und Blicklein erringen müssen, ich habe danach kriechen müssen. Aber das ist Menschenart. Man hat mir abgewunden, was ich nie hergeben konnte, ja laßt meine Hand, Pater, man hat es getan. Ich brauch meine Hand, um es vor Euch zu beschwören. Man hat mich hier sitzen lassen in diesem Erkerchen, wo ich keinem schaden kann, und gibt mir zu essen und zu trinken; man nimmt mir gar nichts weg, um keinen Argwohn zu erregen, bei den Leuten draußen, den Ständen, den Edlen, den Bürgern und was weiter weg ist. Man hat mich aus Bequemlichkeit bei Reich und Regierung gelassen und möcht’ es so weiter treiben. Man wird erbost sein, wenn ich gehe. Ich jammere nicht, mein Mißgeschick ist es; mir wurde nicht mehr verliehen. Aber diese Mauer, die jetzt über meine Schultern fällt, die ich — meine Schande spreche ich aus — selbst habe aufrichten helfen mit meinen Händen, das tut zuviel an mir. Sagt, Ehrwürden, den Herren, den Siegern über Mansfeld und über mich, sie möchten etwas an sich halten.“
„Ich sage nichts, ich sage es nicht, Majestät.“
„Ehrwürden, Pater, an wen soll ich mich wenden. Ich kann sie nicht selber bitten. Ihr seid mir vom Heiligen Vater gegeben zu meinem Beistand. Ihr seid meine Hilfe. Tut mir ein Liebes an.“
Durch den Wind und die graue Nässe schwankte die schwere massige Gestalt des Mannes unter dem viereckigen Hut. Der Regen peitschte die Pflastersteine vor der orgeldurchtosten Augustinerkapelle glatt, in den Gäßchen tat sich ein Morast auf, Rinnsale fluteten aus den Ställen und Schweinekoben. Der alte Jesuitenpater hob und senkte sich im Nebel, hinkend mit dem rechten Bein, er tauchte ungebeugt aus den überschüttenden Wassermassen auf, drang wie ein Keil durch das erbitterte Geprassel vorwärts. Es war schon Abend, die Plätze und Straßen leer; aus den Tanzhäusern scholl die erste Lautenmusik, sie zitterte durch die dicke Luft aus unbestimmter Richtung, suchte wie das Zünglein eines blinden Kätzchens herum. Das Efeugeranke wurde von den überstehenden Balkons abgerissen, hing aufflatternd, gesunken wie ein verwilderter Bart über die Straßen, in den sich vorbeisausende Sänften verfingen, vor dem Pferde sich aufstellten.
Das steilgieblige Haus des Grafen Strahlendorf. Die Vorhalle abgeplattet, wie niedergedrückt von dem Wetter. Fackeln, in Eisenringe gestoßen, brannten im Flur. Vor der Wendeltreppe hielten zwei Pikeniere der Stadtgarde den ungestüm eindringenden triefenden Schwarzhut zurück; er mußte finster warten, bis hinter zwei Kerzenträgern der dürre hohe Strahlendorf hustend und augenzwinkernd die Stufen herunterkam und, von dem herrischen Priester, angerufen, die Soldaten scheltend zur Seite treten hieß. In einer winzigen Treppenkammer riß sich der Pater Mantel und Hut ab, klatschte sie an den Boden; in dem dicken Schafspelz des Grafen und einer polnischen Kappe stieg er hinter einem hochschäftigen Pikenier den letzten Treppenabsatz hoch. Sie tauchten auf in einem violetten ganz leeren Vorsaal, der von der Fackel des Soldaten mit ungeheuren Schatten und trübem Licht belebt wurde. Grauweich war der Teppich, der den ganzen länglichen Saal auslegte — der Söldner stand hinter dem Pater auf der Schwelle — und vor den Füßen des kaiserlichen Beichtvaters legte sich furchtbar der Schatten schwarz hin an den Boden, kletterte an der getünchten rankenbemalten Gegenwand hoch, wackelte umbrechend von der Decke herunter mit geschwollenem Kopf. Die Decke kam niedrig herab mit ihren schweren Balken; die Fensterwand war völlig mit gerafften Leinentüchern verhängt. Ab und zu, wenn das Licht still stand, blinkten goldene Ovale von der Wand, mit sanften Szenen ausgemalt, Rehe, die aus einem Mondgehölz äugten, weidende Pferde. Kein Laut in dem windgerüttelten Haus; bisweilen eine schwache entfernte Stimme, Gemurre, das sich steigerte, als ob im andern Stockwerk Stühle geschoben würden, viele durcheinander sprächen.
Plötzlich trat hinter zwei Kerzenträgern Strahlendorf aus einer im Dunkel liegenden Tür. Der Soldat dröhnte die Treppe herunter. Verlegen und langsam, unter Verbeugungen äußerte der Graf, es seien einige Herren zu einer Besprechung bei ihm; es hielte schwer, sie zu verabschieden; ob die Angelegenheit des ehrwürdigen Gastes sich vielleicht in Kürze erledigen lasse. Lamormain fragte ruhig und den Herrn fixierend nach den Namen der Herren; er fügte hinzu, ehe der Herr, der sich den Bart strich, zu einer Antwort gelangt war, es ließe sich vielleicht ermöglichen, daß beide Besprechungen zusammengelegt würden, dies wäre wenigstens ihm das Genehmste, und er dürfe wohl annehmen, daß im Hause des frommen Grafen Strahlendorf nichts verhandelt würde, was nicht ein Kind der Gesellschaft Jesu anhören könnte. Er lächelte verbindlich. Strahlendorf schwieg, verbeugte sich, schwieg. Dann sagte er entschlossen, nach der Hand seines Gastes greifend, es sei in der Tat das Bequemste; es sei in der Tat ein glückliches Zusammentreffen; der Pater möchte bei der Unterhaltung nur nicht vergessen, was er etwa ihm Besonderes zu offenbaren hätte.
Das Zimmer, aus dem das Geräusch klang, lag nur zwei Säle entfernt in demselben Stock. In dem engen gewölbeartigen Eckraum, unter den weißen Lichtern von vier Paaren hoher Wandkerzen fuhren die Herren auseinander, die sich mit weitauslangenden Gesten gegenübergestanden hatten, und wichen gegen die Wand. An sich herunterzeigend bat der Jesuit um Verzeihung; er sei auch in dem sonderbaren Kleid der Freund der Herren, Lamormain. Auf einem Tisch am Winkel standen Krüge und Weinbecher; Wein war über den roten steinernen Boden ausgegossen; die Gesichter der Herren erhitzt; zwei Offiziere in Elenkoller hielten sich ihre Degen vor die Brust. Questenberg klobig pausbäckig, rittlings auf einem Schemel, trank ruhig weiter nach dem Eintritt des riesigen Mannes im Schafspelz, hielt über die Lehne vor sich gestreckt seinen Becher. Strahlendorf lächelte, die Herren möchten sich in ihrer Unterhaltung nicht stören lassen, sie wüßten, wer der Pater Lamormain wäre. Vergeblich ersuchte der Pater, indem er sich still in den Winkel setzte, fern von den andern, sie möchten seine Gegenwart nicht beachten. Er fühlte selbst die kriegerische Stimmung, in die er geraten war.
Man schwieg hartnäckig. Der hagere Vizekanzler füllte einen gläsernen Jungfernschuh mit rotem Traminer. Schon stand einer der beiden Obersten auf, rüttelte an seinem Schemel, stieß einen halblauten Fluch aus. Da rekelte sich der feiste Questenberg, lüftete seinen spanischen Kragen, füllte sich die Backen mit Wein und fragte schluckend, mit einem stieren Blick auf den ruhig beobachtenden Pater, wer den ehrwürdigen Gelehrten geschickt hätte. Der Oberst einfallend machte sporenrasselnd Front gegen den Gast: „Der Herr kommt gerade recht und wird uns wenig verdrießen, von ihm belauscht zu werden. Was wir anbringen, mag gut in seine Ohren gehen.“