Aber ein Sieb! Regimenter, Regimenter, Regimenter! Sie waren nicht zu entbehren, und wenn sie zu entbehren waren, waren sie nicht zu entlassen aus Mangel an Sold. Erzherzogliche Deputate, prachtheischendes verschwenderisches kaiserliches Hoflager. Abt Anton und Gurland in maßloser Erbitterung über Böhmen, konfiszierte Güter auf fünf Millionen veranschlagt, nur eine Million darauf aufgenommen, ganze vierhunderttausend Gulden vom Gouverneur Liechtenstein abgeliefert.

Unter dem Druck der Kriegsgerüchte, nach Wochen stummen Herumrechnens, hilflosen Keuchens vor Folianten, wütenden Beiseitewerfens von Mahnbriefen der Obersten, verzweifelten Vertröstens von Gläubigern rechts und links in der festdurchjubelten Burg steckte Gurland seine zittrigen Beinchen in die starken Reiterstiefel eines deutschen Kavaliers; die Sporen schienen nicht aus Silber, sondern Blei; breit und schwerfällig stieg er, pumpte seine Beine durch die dunklen Bogengänge. Grämlich lugte er, von Stockwerk zu Stockwerk schwankend, auf den Boden. Umgestürzte Gamaschen hob er mit jedem Schritt hoch. Auf seinem rauchenden Kopf saß ein niedriger Hut mit ungeheurer hinten herabsinkender Krempe und Federsträußen. Ein sehr breites verbrämtes Wehrgehenk hatte er angetan, sein weißer Halskragen war schmal wie ein Band und stand nach rückwärts in die Höhe unter die Hutkrempe. Und wie er in die Stube des Oberhofmeisters hineinpolterte, hatte der nur einen Moment Zeit sich über die abenteuerliche Gestalt des Eindringlings zu wundern, dann stürzten schon die giftigen hitzigen Worte ihn an, trieben ihn aus seinem Sessel. „Herr Graf von Meggau,“ schrie der stirnrunzelnde Kavalier ihn an, „wofür habt Ihr das goldene Vließ? Wofür seid Ihr zehn Sachen auf einmal, Statthalter von Niederösterreich, Kämmerer, Geheimer Rat und sonst was. Soll ich das mit ansehen, was hier geschieht und den Mund halten wie eine Nonne? Es behagt mir nicht, ich sag’s Euch mit einem Wort; Schelmereien stehen mir nicht.“ „Was habt Ihr, Herr Gurland?“ „Leere Säckel, leere Säckel, Herr Geheimrat. Und ist alles kein Geheimnis mehr, Herr Geheimrat, und werde es nicht bei mir behalten. Die Ställe voll, die Herren Jesuiter Stiftungen über Stiftungen, die niederländischen Maler malen ein freches Bild nach dem andern, die Jagden, die Stechereien, Bankette: ich sehe die Schelmereien nicht an. Nicht länger. Dafür die böhmische Münze ruiniert, daß ein paar Stunden noch lustiger und herzhafter einhergehen in Wien. Ihr wißt es. Es sind Schelmereien.“ Der totblasse kleine Meggau hielt sich rückwärts am Sessel fest: „Wer will von Schelmereien reden?“ „Der Kaiser weiß es nicht. Der Kaiser weiß es nicht. Ihr spielt mit mir nicht so. Sonst muß ich, wie ich hier bin, zum Leibdiener laufen, um eine Audienz bitten und reinen Wein einschenken.“ Er schrie zornstammelnd, strampelnd, daß seine Federsträuße schlugen: „Wo soll das hinaus? Sprecht. Seht mich nicht so an. Ich . . .“ Der beladene Mann hielt sich an einem Stollenschränkchen fest; er war schwindlig in seiner Wut. Meggau schob ihm einen Sessel hin. Mit einem Sporen stieß der tobende Kavalier gegen die Füße des Sessels: „Ich brauche Eure Sessel nicht. Die Mißwirtschaft, die verruchte!“ „Scheltet nicht mit mir. Scheltet mit dem Kaiser.“ „Ihr seid allesamt nicht wert, daß ihr seinen Namen in den Mund nehmt. Er könnte zehnmal mehr verbrauchen, als er tut, wenn sein Geld nicht in fremde Taschen flösse. Die tausend Diebe Hehler und Abenteurer, das ist eine christliche Welt. Die Pest soll sie alle befallen.“ „Herr Gurland, warum kommt Ihr zu mir?“ „Ihr werdet mit mir gehen, jetzt, nach Prag, das Land beschauen. Wir müssen Geld auftreiben.“ Versteinert stand der Geheimrat: „Ja, das müssen wir.“ „Ja, das müssen wir,“ höhnte Gurland in praller Wut; „ratet lieber wo, wo, wo. Zieht Euch an. Erbittet Urlaub.“ Der Rat bat: „Ich komm schon.“

Sie fuhren durch die herbstlichen Chausseen, nur sechs Mann Wiener Stadtgarde beritten war ihre Bedeckung. Sie sahen massenhaft Felder, die brachlagen, weil die Ackerer verjagt waren; Gurlands Augen schossen rechts und links. Bevor sie in Prag, einfuhren, flüsterte Meggau: „Laßt Euch nichts merken, die Böhmen brauchen nichts merken.“ Schallend lachte der andere: „Der Herr weiß nicht, daß ich selbst Böhme bin.“

Man zog sich vor ihnen wie Schnecken in Gehäuse zurück. Meggau wurde erbarmungslos von dem andern vor die verwüstete Münze geschleppt; als ein Rittmeister sie auf den Friedhof zu den Niedergeschossenen und sonst Füsilierten führen wollte, lehnte der pelzvermummte Rat müde, Gurland bissig ab.

„Gibt es Zauberer hier?“ fragte Meggau eines Abends den Gouverneur, bei dem sie zu Gast waren. „Vielleicht“, lächelte der vieldeutig. „Ich möchte“, träumte Meggau vor sich, „einen Zauberer oder eine Wünschelrute finden, um Geld zu heben in Böhmen.“

Sie waren fassungslos über die Schamlosigkeit dessen, was sich ihren Augen bot. Gurland selber wollte Hals über Kopf abreisen, Meggau, pedantisch, melancholisch, an langsames Minieren gewohnt, hielt zurück. Sie pürschten hinter Michna, den Friedländer, Liechtenstein, Wresowicz. Meggau drohte: „Das Geld werden wir langsam wieder aus ihnen herausziehen.“ „Warum langsam? Rasch ist es gesunder für die Herren; und zwar seht so.“ Dabei machte Gurland schmerzdurchtobt die Bewegung des Aufhängens.

Als die beiden Wiener Herren lärmschlagend in Prag auftraten, wurde auch Liechtenstein kalt und drohend; als sie verlauten ließen, sie würden eine Untersuchung über die Prager Affären beantragen, behandelte man sie als Luft.

Schweres Ringen am Kaiserhof. Es war klar, daß das Geschick Habsburgs bald wieder in den Händen des Bayern lag, wieder und wieder des Bayern, dem man den Kurfürstenhut hatte geben müssen, und der eines Tages mehr begehren würde. Man schrie, wehrte sich, drang in den Kaiser.

Die unbeugsame Ruhe Ferdinands, der wie ein unverbrennbares Tier seinen schleimigen bunten Leib durch die schwelenden Kohlen zog. Seine grausige Sanftmut; sie wußten, er wollte Rache nehmen an Maximilian, den er den Feinden als ersten opfern wollte, selbst um den Preis, daß Habsburg verloren ging.

Nachdem er sich einige Zeit umgeblickt hatte, trat ein erschreckendes Wesen, der Fürst von Friedland, aus seinem Bau. Er hatte sich aus Abneigung über die Ohnmacht und Haltlosigkeit seiner böhmischen Sippengenossen, dieser phrasenreichen Haufen, gegen sie gestellt. Gewalttätigkeiten machten ihn früh berüchtigt. Dann wurde er katholisch, nahm ein krankes reiches Weib zur Frau, die ihm wegstarb und freie Hand gegen seine Umgebung ließ. Die mährischen Stände waren so töricht, ihm im Kampf gegen den Kaiser seine Regimenter zu belassen; er verriet sie, suchte seine Truppen zum Kaiser überzuführen: wollte sich des mährischen Landtags in Olmütz bemächtigen, desselben, der ihm die Regimenter gegeben hatte. Nur mit dem Rest eines Fähnleins, acht Munitionswagen, Regimentsfahnen und sechsundneunzigtausend Mark der Kasse schlug er sich, selber verraten, nach Wien durch, saß eitel am Tisch des Kaisers; der ließ ihn angewidert heimlich abschieben, warf das Geld den Ständen nach. Abscheu und Gelächter, wo sich der von Wallenstein sehen ließ.