Vor der Prager Schlacht war die Hoffnung der jungen Böhmen ein königlich stolzer reichbegnadeter Mann gewesen, ein Hans Georg von Wartenberg, der nicht dreißig Jahr alt war. Als Kriegskommissar bereiste er beim Anrücken der Katholischen zwei Landkreise, nachdem er sich aus dem schwelgerischen Treiben der englischen Elisabeth auf dem Prager Schlosse gelöst hatte. Wie die Schlacht verloren war, plötzlich, ehe er noch seine Ausgehobenen dem Heer zugeführt hatte, umringten ihn im Standquartier die befreundeten Männer und Frauen aus der Nachbarschaft zusammenströmend; aller Gedanke war nur an ihren Abgott. Sie flehten ihn an, zugleich wie Mütter und wie Kinder, zu fliehen. Wenn alles verloren ginge, er solle bleiben; gefangen war, woran sie sich halten konnten; er möchte leben, fliehen. Leidend fügte er sich, empfand als Kränkung, daß man gerade ihn fortschickte, konnte nicht verstehen, wie gerade diese Frauenstimmen so in ihn drangen, war halb verzweifelt, daß sie letzten Endes auch Verräterinnen an der großen Sache seien. Er war gewohnt nachzugeben. Ritt nach Sachsen. Kaum einen Monat hielt es ihn, da verschwand er aus Dresden; heimlich gelangte er über die Grenze, als er schon von den Landleuten entdeckt war. Aus den Nachbarstädten überholten ihn Sendboten, erzählten vergraust von den Prager Vorgängen; er fluchte, schlug um sich, als sie baten, er möchte umkehren. Aber Liechtenstein in Prag war kühler als die Söldner und die Gerichte; ein Fähnlein Musketiere nahm den todesgemuten brüllenden Wartenberg mit seinem Anhang schon zwischen Saaz und Radonitz fest, führte ihn samt den zwanzig toll sich gebärdenden jungen Edelleuten, die ihn verteidigen wollten, ruhig und ohne Aufsehen aus dem Land heraus. Und dann sahen die Böhmen zu ihrem Vernichtungsschmerz, daß man ihm, der bisher verschont war, den Prozeß machte als flüchtigem Rebell, obgleich er unter die erlassene Amnestie fiel. Er war Besitzer von Rohrzak, Neuschloß, Böhmisch-Leipa; hinter allem steckte Wallenstein; Wallenstein brauchte die Güter zur Abrundung eines eben erstandenen Areals. Mit Ingrimm verfolgte das Land die Angelegenheit. Die Güter wurden ihm abgesprochen. Der geschlagene verbannte Mann lebte, monatelang von Stadt zu Stadt irrend, von den Zuwendungen seiner Sippe. Die pfalzgräfliche Prinzessin Sabine hing sich an ihn; als sie heirateten, schwur sie weinend, ihm zu seinem Recht zu verhelfen. Die Fürsprache des sächsischen Kurfürsten, reich begründete Eingaben an die römische Majestät fruchteten nichts. Die Hofkammer ließ es bewenden bei dem Urteil Liechtensteins; das anfängliche Gnadengehalt, das man der lieblichen Sabine gewährt hatte, wurde ihr entzogen wegen der unerschwinglichen Kriegsauslagen. Zum Schluß bedeutete man ihm, die Güter seien nicht sein Eigentum; er verwalte sie nur als Sequester von seinem Oheim. Sie wühlten sich arm beschämt hilflos in eine kleine Reichsstadt ein.

Als wenn ihn der Schwung der Ereignisse verjüngte, heiratete der Friedländer nach den Münzunruhen eine Tochter des Grafen Harrach, des kaiserlichen Lieblings, der neben ihm Güter gesammelt hatte und dem die Herrschaft Bruck an der Leitha, die Grafschaft Ungarisch-Altenburg zugefallen war, begann ein glänzendes Treiben zu Prag, er, Oberst und Gubernator im Königreich Böhmen. Unfaßbar wie ein Aal war er geworden. Der Umfang seiner Geschäfte, an denen sich die halbe Prager Judenschaft, große auswärtige Bankhäuser beteiligten, übertraf alles Bekannte. Man sah ihn hager, im roten Purpurmantel, darunter der einfache braune Lederkoller, täglich durch die Straßen der Altstadt reiten, von seinen Offizieren gefolgt. Mit ihnen pokulierte er, seine Gicht nicht achtend, in ihren Häusern, bramarbasierte, spekulierte. Die frechen Beutezüge, die Kriegsdrohungen des Mansfeld, der im Haag saß, waren das tägliche Gesprächsthema. Die Kriegsoffiziere drängten fort, wollten nicht versauern. Täglich schrien sie: „Der Mansfeld, der Mansfeld!“ Sie hingen an ihrem Oberst, der sie mit reichem Geld überschüttete: „Sind wir nicht üppig genug? Müssen wir zurückstehen? Der Mansfeld rüstet wieder!“ Lärmten täglich mehr, wollten ins Reich hinaus; bestürmten den Friedländer, der mit seinen listigen lautlosen Augen saß und nichts vernehmen ließ.

Ganz unvermutet erschien in München in der Residenz eine sonderbare kostbar gekleidete Deputation, von livrierter Dienerschaft gefolgt, geschickt wie sie sagte von einem mährischen Edelmann, der sich anheischig machte, dem Kurfürsten in den kommenden Kriegsnöten beizustehen mit einer großen Zahl Regimenter, wenn ihm, bei Treuschwur gegen den Kurfürsten, gewisse Selbständigkeit über seine Regimenter belassen würde. „Warum,“ kam als Antwort zurück, „stellt sich der anonyme Herr nicht auf seine eigenen Beine? Will er ein Königreich gründen, kann er’s besser ohne uns.“ Das machte kein böses Blut in Prag. „Ein kluger weltkundiger Herr, der Bayer,“ schwadronierte der Fürst: „hat er doch recht!“

Fing es auf andere Weise an; brachte die ihm unterstellten und von ihm ausgehaltenen Regimenter auf Kriegsstärke und höher, dann holte er seine Kriegsoffiziere zusammen, lieh ihnen Geld, hieß sie sich um Patente bewerben, die Regimenter hielt er wieder aus. Bald waren mit ihm versippt und verbrüdert die meisten Obersten in Böhmen und Mähren. Währenddessen war noch nicht verlautet, was er vorhatte; und unvermindert, ja heftiger trat das Drängen der Offiziere hervor, auf den Feind, der sich zusammenballte, loszuschlagen, fortzuhuschen aus dem verruchten kahlgefressenen Böhmerland. Raufbolde, italienische spanische Kavaliere, dreiste Spieler, Waghälse Trinker Duellanten um ihn, der stundenlang den Würfelbecher nicht aus der Hand gab, Rapiere vor Wut zerbrach, wenn er verlor, aus dem eisigen Berechnen, Belauern nicht herauskam. So groß war sein Anhang zwischen Elbe und Moldau, daß er jedem, der ihm widerstrebte, hätte den Garaus machen können, und weithin ruchbar, nicht verschwiegen wie das Münzkonsortium, war, wer in seinem Gefolge stand. Demonstrierend lud er seine Herren zu sich ein, und es fehlte keiner von den Machthabern des Landes. Die kaiserlichen Verwalter kamen hinzu mit der Pflicht, an diesem Tisch zu repräsentieren, um nicht ganz zu verschwinden.

Er fing an in aufsehenerregender Weise mit seinem Geld umzugehen. In seiner Stadt Gitschin setzte er ein Gymnasium hin, dazu in Kürze ein Alumnat, ein Armenhaus, Hospitäler, ein Kolleg für vierzig Jesuitenväter. Ließ verbreiten, daß er vorhabe aus Gitschin eine bischöfliche Residenz mit Kathedralkirche zu machen. Vom Wiener Hof hatte er erlangt, daß sein Fürstentum Friedland einen besonderen Appellationsgerichtshof erhielt; nahm in dem Land eine Reform von Verwaltung und Rechtspflege vor. Prunkend baute ihm Meister Andreas Spezza ein Haus am Fuß der Prager Königsburg auf dem Hradschin, wozu er sieben Häuser des Klosters Sankt Thomas und zwanzig Lagerhäuser niederriß. Man erzählte, daß er sich als Sonnengott oder römischen Imperator malen ließ.

Wie Wallenstein unbeschäftigt im Lande seine Hände rührte, träge wartend, umspielt von seinen Offizieren, belauert von den reichen Männern und Machthabern des Landes, näherte sich ihm die schwermütige weiche Figur Wilhelms von Slawata, seines Vetters. Dieser Mann, von Verachtung über sein Land geschüttelt, hatte Wallenstein zum Henker Böhmens erkoren, und wollte ihn bewegen, in zwei drei Jahren niederzustrecken, was gegen den Kaiser noch Widerspenstiges in Böhmen lebte. Dieser Mann aus edlem altböhmischen Geschlecht war zum kaiserlichen Beamten geworden, ohne einen Finger danach bewegt zu haben. Von der Universität und der Kavaliertour durch Oberitalien zurückkehrend wurde er Landschaftsoffizier, Vertrauensmann der Martinitz und anderer, die den Abfallbewegungen des Landes die Spitze boten. Slawata hielt zu ihnen, weil er den Tumult verabscheute. Neben ihnen ging er mit langen Schritten, schweigsam, ein schwermütiges dunkelgetontes Gesicht, starke braune Brauen, unter denen weite blaue Augen lagen, deren kalter Ausdruck gut stimmte zu dem breiten Mund mit den eingekniffenen Ecken. Immer standen senkrecht über der Nasenwurzel zwei tiefe Falten; die Stirn zog sich zu ihnen zusammen, sie verfinsterten das Gesicht und ließen nicht den Blick zu auf die schöne Schwingung der Kieferlinie und das Grübchen am Kinn. Er trug auf dem schultersinkenden dunkelblonden Haar ein schwarzes niedriges Samtbarett. Den fleischigen Hals trug er bloß; er bog leicht den Kopf wie lauschend nach vorn und nach links, während er das linke Auge halb zufallen ließ, das sich in der Spalte zitternd hin und her bewegte. Seine rechte beringte Hand, viel weißer als das Gesicht, hielt sich an dem Besatz des violetten schweren Mantels fest, dessen breiter kostbarer Hermelin seine weichen, teilnahmslos abfallenden Schultern überzog. Er war mit Wallenstein eins gewesen in den Angriffen auf das rebellische böhmische Volk; aber der Fürst schenkte dem Volk nicht die geringste Aufmerksamkeit, auch der Verachtung nicht. Slavata, sein Vetter im dritten Grad, verlangte haßvolles Einschreiten, Knebelung. Er liebte keine Frau und kein Kind, haßte nur Böhmen, weil ihn Rebellion anwiderte und die Rebellion ihn, als er sich gegen sie stellte, mit ihren schmutzigen Händen angefaßt hatte. Der Anblick der elf vermoderten Köpfe auf dem Brückenturm gab ihm nur geringe Genugtuung. Mit Freuden hatte er das Münzkonsortium am Werk gesehen, tief beglückte ihn der Zusammenbruch des Königreichs. Es mußte noch mehr geschehen, noch mehr. Um zu erfahren, was der Fürst triebe, besoldete er friedländische Kammerdiener; die belanglosen Sachen, die sie ihm überbrachten, regten ihn tief auf.

Er suchte den Fürsten in der Meierei Bubna bei Prag auf, konnte sein Herz nicht zurückhalten. Der Edle fiel den andern, der schläfrig schien, an, wie ein Ringer einen geölten Menschen, an dem er zu Boden stürzt. Ein kurzes Gespräch bebte zwischen ihnen. Wallenstein, mit ihm zwischen den Ulmen spazierend, mit dem Stock in dem hohen Herbstlaub wühlend, dankte apathisch; er maße sich nicht an, die kaiserliche Politik zu forcieren. Aber sie hätten gemeinsam dafür gekämpft und es hieße nur, den Kampf vollenden. „O,“ blickte ihn spöttisch mitleidig der Fürst an, „was haben Euch die ärmsten Böhmen getan.“ Er lachte kräftig. „Schneidet Euch ein Stück Speck aus dem Schwein, dann laßt es laufen!“ Mit Schmerz gab der Graf nach einiger Überwindung zurück, der Fürst wüßte, daß Böhmen ihre Heimat sei, und daß man sie reinigen müsse von dem Gesindel, das sie besudele. „Ich bin nicht besorgt, vielleicht wendet sich der Herr an den Kaiser selber. Wir treiben nur unser kleines Geschäft, so tagaus, tagein.“ Kräftig klopfte ihm Wallenstein auf den Arm, lud ihn ein, seine Gitschiner Ländereien zu besichtigen. „Der Herr Vetter trägt ja viel nach,“ scherzte er unterwegs, „in dieser Weise wird er nichts vor sich bringen.“

Die furchtbare organisierte Macht des Mannes in Regimentern Städten Ländereien. Slavata mußte sie sehen, das Schwert eines hirnlosen Riesen. Bitter und falsch verabschiedete er sich in Gitschin vom Fürsten, der aus dem Befehlen Lärmen Hetzen nicht herauskam: er wolle zurück nach Prag, er sähe, daß er nichts vor sich gebracht habe. „Sei er mein Freund!“ schrie der Friedländer hinter ihm her, der in schwelender Empörung noch in Gitschin den brillantenbesetzten Türkensäbel Wallensteins über eine Brücke ins Wasser warf, sich aus dem Wagen beugend, die Hände am Wams abreibend.

Slavata war es, der bei einem gelegentlichen Fest versuchend dem Fürsten, als wenn es nichts wäre, als wenn es ihm gelegentlich so einfiele, den Gedanken hinwarf: der Kaiser brauche Hilfe außerhalb Böhmens; wer reich genug sei, fände einen guten Augenblick; wie es wäre: Parteigänger des Kaisers zu werden? Wie der Halberstädter, der Bastard Mansfeld? Es könnte ein ruhmreiches glänzendes Unternehmen werden. Es war ein ungeheurer Gedanke, der ein paar Minuten ungesprochen zwischen ihnen schwebte; sie standen sich zwischen vielen Gästen vor Friedlands Fasanerie gegenüber. Das heisere Lachen des Fürsten darauf war unecht. Wie sich Slavata einen Augenblick umsah, merkte auch der Fürst, daß sich der Vetter vor ihm fürchtete, daß der Vetter fürchtete von ihm niedergestoßen zu werden, und daß er tatsächlich diese Absicht eben gehabt hatte. Niederstoßen, weil dieser Slavata etwas gegen ihn plante. Eben erst sah er es. Das flimmerte weiß und rot durch ihn, und dann hatte sich der schöne Slavata, kopfsenkend mit bösem Blick, sehr rasch unter die übrigen gedrängt. Es roch hinter ihm nach Parfüm.

Der Augenblick war verpaßt. Erstaunt überlegte Wallenstein, wie man diesen Mann rechtzeitig beseitigte, der sinnlos etwas gegen ihn vor hatte. Der andere, seine Furcht bezwingend, war durch den Garten, das Haus gelaufen; es war erwiesen: der Fürst wollte zum Kaiser; das Tier wollte weiter raffen scharren schlucken gewinnen; es war ein Tier. In heftiger Traurigkeit sank er auf das Polster seiner Sänfte. Er hatte dem Fürsten sein Geheimnis entrissen; wie ein Hund mit dem Knochen lief er davon. In unfaßbarer Weise reizte es ihn, wühlte ihn mit Schlamm auf. Im selben Augenblick wie Friedland wußte er von seinem Haß.