„Nein,“ schrie sie bald darauf verzückt, „tu, wie du willst. Ich will dir nicht raten. Nichts will ich geraten haben. Tu. Tu wie du willst.“
Während die Geheimen Räte warteten, was Ferdinand beschließen würde, wurden sie überrascht von der Nachricht, daß Befehl zur Abreise von Wien gegeben sei. Der Oberstallmeister bestätigte, von der Kaiserin selbst den Befehl erhalten zu haben. Und so hatte sich Ferdinand in der Tat in einem Zustand unbezwinglichen Grolls, zwangsartig sich steigernden Abscheus, dazu auch einer Furcht entschlossen: wegzugehen von Wien, in Wolkersdorf sich einzuschließen und nicht zuzugeben, wie er von dem Wege der Kaiserlichkeit, auf dem er ging, abgedrängt würde. Er kniff die Augen zu, spie: er wollte sie alle nicht. Er suchte instinktiv die Verdunklung wieder, in der er sich befunden hatte; in dieser Dunkelheit ging sein Weg. Er sträubte sich gleichermaßen gegen den Nuntius, wie gegen seine Räte, wie gegen dieses Wien überhaupt, diese Dichtigkeit der Häuser um ihn, dieses Zudringen und Bedrängen, diese Stimmen an allen Seiten der Burg.
Da wagte es der päpstliche Nuntius, ein Mann, der die Person des Kaisers nur von der Audienz kannte, sich gegen die Warnungen in seine Kammer zu begeben, nur gedenk seines Auftrages, und es gelang ihm, den Kaiser, der im Reisemantel ihm befremdet entgegenblickte, zu bewegen ihn anzuhören. Widerwillig, stumm setzte sich der Kaiser auf den Sessel, von dem er eben widerwillig aufgestanden war, gedrängt, fast mit Pein, ließ er seinen Körper auf das Holz nieder, von dem er sich eben freigemacht hatte, drückte den hutbeschatteten Kopf auf die Brust, schob die Arme auf dem Schoß gegeneinander, schwieg. Mit einer stummen Bereitwilligkeit harrte er, horchte, was da gebraut wurde, blickte gelegentlich scheu den dozierenden roten Menschen an, den Arm, der ihn hier zurückgedrückt hatte.
Er ließ ihn später wissen, er werde bald über den kaiserlichen Entscheid informiert werden. Er war herausgefordert, er wollte sich entschließen. Man sollte es fühlen, sie wollten ihn in ihre kleinlichen Zweifel einmengen. In die Schreibstube seines Sekretärs ließ er sich fahren, Schrecken verbreitend, diktierte augenblicklich, kaum eine Stunde nach der Verabschiedung des Italieners, er begehre Gutachten vom Geheimen Rat und Hofrat noch einmal über die Angelegenheit der Stifter. Sie sollten zeigen, wer sie sind.
Dann in die Gemächer der Mantuanerin. Ihre Damen sahen sie neben dem Habsburger, ihn belauschend, sich an ihn heftend wie eine Spinne an eine graue Mauer. Er blieb in Wien.
Nach zehn Tagen wurden die klaren harten Worte des Herzogs durch den Oberst Neumann vor ihn gebracht. Der Plan wurde darin als albern bezeichnet, man solle ihn abweisen. Der stille Kaiser hielt das Blatt geknüllt stundenlang vor sich, ohne es zu lesen. Der Nuntius des Papstes! Der Papst Urban! Die Mönche! Die Kurfürsten! Was wollten die, was wußten sie! Gegen diesen, gegen den Herzog! Da lag der Friedländer mit seiner Armee über dem Reich, erdrückend ja, aussaugend ja, keine Gewalt sollte ihn daran hindern, so zu tun wie er wollte: das Reich platt hinzulegen. Sie sollten alle verschwinden, die gegen ihn meuterten. Wie ging der finstere Mensch, der Friedländer, gnadenlos durch das Reich. Wie der Kaiser sich über seinen Leib bückte, zerriß ihm die Lust die Eingeweide; es wogte über die Haut seiner Hände, seines Rückens, ein kühler Schauer lief ihm über Wangen und Mund; er zitterte, preßte sich zusammen und genoß es, was ihn schmerzhaft wild überfiel. Er lachte heiß und gequetscht aus sich heraus. Er versteckte das Papier Wallensteins an seiner Brust, ehe er aufstand und sich den irrenden fragenden Augen der eingetretenen Mantuanerin darbot. Sie war selbst so erregt über sein freudiges Gebaren, als er davonging, daß sie auf dem roten Teppich hinkniend, allein in der Kammer, leise kreischte und kicherte.
Es erfolgte damals der erste Versuch des Fürsten Eggenberg, die Macht des Kaisers auf andre Schultern zu stützen als auf die Wallensteins; nach der Überrumpelung durch den Nuntius begriff er rasch: man konnte mit dem Geschenk der Stifter sich eine Zahl ligistischer Herren gewinnen und sie an den Gefahren der Situation beteiligen. Eggenberg saß neben Ferdinand in den anberaumten Besprechungen, den weißen kleinen Spitzbart an den steifen Mühlsteinkragen andrückend, klein, die hohe Stirn steil runzelnd, das weinrote Gesicht gestrafft, nicht gewillt nachzugeben. Er fühlte, daß man dem Kaiser wehe tun mußte, aber es war ihm von Tag zu Tag seit den Siegen mehr, als wenn nicht dieser gelbliche Herr unter dem blauweißen Baldachin, sondern er verantwortlich wäre für die Dinge. Dieser Kaiser konnte sich sträuben, das Haus Habsburg stand in Gefahr; ein liebes Kind war Ferdinand, der Heiland möge geben, daß diesem Herrscher Schlimmes erspart bliebe. Er war Ferdinand innig verbunden, sein Brautwerber und Vater war er gewesen; er begriff die Fascination Ferdinands durch den monströsen Herzog. Das Haus aber durfte durch den Kaiser nicht erschüttert werden. Die Räte, die herumsaßen, stumm, lippenbeißend, hatte er für die Stiftersache gewonnen; sie waren im Machtrausch, die Abgabe von Geschenken an den Papst und wen sonst schien ihnen belanglos. Die Unterhaltung zog sich stockend hin, der Kaiser ließ sich hinausführen.
„Welchen Rat gibst du mir?“ fragte an der Tür ihrer Kammer Ferdinand die Mantuanerin, die er umarmte, an der er sich versteckte. Glücklich bog sie sich, erschauernd, an ihm; sie suchte ihm ins Gesicht zu blicken, aber er drückte die Stirn noch tiefer vor ihr: „Du wirst es ja wissen, ich habe für dich gebetet“, jubelte sie.
Scheuer betrachtete und betastete Ferdinand das zerknüllte Schreiben des Friedländers, das er in seinem Gürtel trug. Er hatte seiner Gläubigkeit und Frömmigkeit, der Fürsprache der Heiligen Kirche seine Macht zu verdanken. Die Länder, die sie verlangten, unterlagen seiner Obhut, sie durfte er nicht als Beutestücke weggeben, er sträubte sich dagegen, wütend, jäh, von seiner Kaiserlichkeit einen Titel abzugeben. Aber sie gewannen ihm Boden ab, indem sie sich mit den Generalen gleichstellten, die er auch beschenkt hatte. Die Heilige Kirche verlangte ihren Sold. Wie ihn die Gesandten der Liga und des Papstes bedrängten, fiel es immer schwarz in ihn: „Man will mich schwächen, man will mich schwächen, ich seh’ es.“
Und einmal fand er sich vor dem Papier, das die Worte „albern“ und „frech“ enthielt, in einem zuckenden Schmerz; ein Flüstern in ihm: „Ich muß dir weh tun, verzeih es mir, es muß geschehen, denke nicht schlimm von mir. Unser Seelenheil verlangt es. Du weißt es nicht. Sei gut, sei gut.“