In der Schule schon muß jeder planmäßig zu größter Zuverlässigkeit seiner Beobachtung, seiner Erinnerung und seiner Aussage erzogen werden. Immer wieder kann nicht nachdrücklich genug eingeschärft werden:
Nur was du mit eigenen Augen gesehen, mit eigenen Ohren gehört hast, davon darfst du reden, und dann rechne noch mit Irrtümern. Gegenüber dem Richter oder auch im gewöhnlichen Gespräch unterscheide scharf deine eigenen Erlebnisse von deinen bloßen Vermutungen und vergiß nicht, diese als Vermutungen zu bezeichnen.
Sind Unterschiede in der Zeugenaussage zwischen Mann und Weib vorhanden? Die Antwort, obgleich heiter, ist leider Tatsache: So dankbar wir den Damen für holdes Verschönen unseres Lebens sind — die Mehrzahl der Aussageversuche lehrte:
Frauen vergessen weniger, aber verfälschen mehr als die Männer. Bei der Aufgabe, die beeidigungsfähigen Teile ihrer schriftlichen Aussage nachträglich zu unterstreichen, unterstrichen sie fröhlich doppelt soviel Falschaussagen als die Männer, nahmen also doppelt soviel Falscheide auf sich.
Obige Tatsachen und die Kenntnis der Umbildungsvorgänge (s. S. [18–20]) werden uns von der Notwendigkeit überzeugen, etwas mehr für die Ausbildung unserer Sinne und unserer Aufmerksamkeit zu tun und die Augen weit zu öffnen.
Es leuchtet doch ein, daß man sich nur dann genau einer Sache erinnern kann, wenn man sie in allen Teilen gründlich beobachtet hat. Punkt für Punkt, Teil für Teil muß das Auge den Gegenstand abwandern, ihn in seine Teile zerlegen und dann alles zu einem Gesamtbilde vereinigen.
Jeder sollte täglich ein paar Übungen im raschen, sicheren, vollständigen Beobachten vornehmen. An Gelegenheit mangelt es nicht. Man sucht z. B. auf dem Tisch oder Schreibtisch mit einem Blick alle Gegenstände und ihre Lage zueinander aufzufassen, schließt die Augen und bemüht sich, ein genaues Bild des Gesehenen innerlich hervorzubringen. Dann aber ist es nötig, das innere Bild durch Vergleichen auf seine Richtigkeit zu prüfen. Wieder schließe man die Augen und versuche erneut, noch deutlicher, sinnlicher die Gegenstände innerlich zu zeichnen! Oder man wirft einen kurzen Blick in ein Zimmer und versucht dann, ohne wieder hinzusehen, im Geist die Lage aller Gegenstände geistig darzustellen. Oder man versuche, sich an alle Einzelheiten eines Gemäldes zu erinnern!
Auch eine Übung des Gehörs ist zur Steigerung der Gedächtnisleistung unter allen Umständen wünschenswert und leicht zu erreichen. Der Raum dieses Buches läßt es nicht zu, alle Übungsmöglichkeiten anzuführen. Wir können nur einige Richtlinien für die Übungen angeben:
Mit geschlossenen Augen lausche man den Geräuschen, die von der Straße oder vom Flur her ins Zimmer dringen! Man bestimme die Richtung! Aus der Stärke und aus dem Takt der Schritte läßt sich bestimmen, wer es ist, der kommt oder geht.
Eine zweite Person läßt Kupfer-, Silber-, Nickel- und Goldmünzen aus gleicher Höhe zu Boden fallen. Dann bestimmt man mit geschlossenen Augen, welches Metall herabfiel, wo die Münze hingerollt sein könnte, sucht sie mit geschlossenen Augen usw.