Welch fabelhafter Leistung ein geübter Tastsinn fähig ist, zeigen uns die Blinden. Wir fassen unter diesem Sinn die eigentlich zu trennenden Sinnesgebiete des Kälte-, Wärme-, Druck- und Muskelsinnes zusammen. Üben läßt er sich natürlich auf die mannigfachste Weise, z. B. man bestimmt nur durch Fühlen den Wert zufällig ergriffener Münzen, spielt mit geschlossenen Augen Klavier oder betastet und begreift Gegenstände und sucht nur mit dem Tastsinn körperliche Anschauungen zu gewinnen. Es ist dem Menschen angeboren, sich durch Berührung der Gegenstände Kenntnis über sie zu verschaffen, so daß in jeder Sammlung das Berühren der Kunstwerke verboten werden muß. Wo es aber erlaubt ist, da sollte man von dieser natürlichen Regung eifrig Gebrauch machen.

Man fürchte ja nicht, in der Erziehung unserer Sinne etwa zuviel zu tun, in der Annahme, es sei doch eigentlich nur nötig, bei allen Dingen die Hauptsachen zu beobachten und zu merken. Dem sei erwidert, daß wir aus Unachtsamkeit eine Fülle von wichtigen Punkten nicht beachten, daß außerdem unsere Neigungen schon viel zu sehr eine Auslese unter den Einzelheiten des beobachteten Stoffes vornehmen und daß die Wertschätzung gewisser Gesichtspunkte uns blind für alles übrige macht. Deshalb sei nach wie vor auf eine gründliche Schärfung und vielseitige Ausbildung unsrer Sinne hingewiesen, schon aus dem Grunde, weil wir uns mit ausgebildeten Sinnen besser in der Welt fortfinden, als mit einem guten Gedächtnis, aber mangelhaft ausgebildeten Sinneskräften.

Wer so mit seinen Sinnen fleißig und gewissenhaft arbeitet, dessen Vorstellungsleben wird auch viel reicher werden. Die Vorstellungen sind vollständiger, lebendiger, farbiger.

Gedächtnisstoffe den Sinnen geben!

Das ist eine so wichtige Losung, daß sie einer ganz ausführlichen Darstellung bedarf. Wie sogar philosophische Gedankengänge Kants, eines unserer schwersten Denker nach einer Anregung meines hochverehrten Lehrers Professor Eduard Sprangers in einer Zeichnung sichtbar gemacht werden können, so daß man Kants ganzes Lehrgebäude nur aus der Zeichnung abzulesen braucht, zeige ich in „Neue Gedächtnisgesetze. Ihre Anwendung in Lehre und Leben“.

VII. Persönliche Eigentümlichkeiten beim Vorstellen.

Indem wir tiefer in die persönlichen Unterschiede des Vorstellungslebens eindringen, versuchen wir die Selbsterkenntnis zu fördern. Nur so lernt jeder den oder jenen Mangel, die Vorteile und Nachteile seiner Veranlagung kennen. Er vermag dann durch Übung schwach entwickelte, aber für das Gedächtnis wichtige Kräfte in sich zu voller Entwicklung zu bringen und auch sie nutzbar zu machen.

Durch Charcots Vorlesungen über Aphasie erhielt die Gedächtnisforschung eine weitere Anregung. Sie ist eine Gehirnerkrankung mit teilweisem oder gänzlichem Verlust der Sprache, ohne daß dieser Mangel in Störungen der Sprachwerkzeuge oder der Begabung zu liegen braucht. So konnte zum Beispiel ein rechtsseitig gelähmtes, an Aphasie leidendes Mädchen das Liedchen „Weißt du, wieviel Sternlein stehen“ singen und beim Singen sämtliche Worte dieser Dichtung richtig und klar aussprechen; aber es war ihr unmöglich, etwa das Lied nur sprechend wiederzugeben und ohne diese Hilfe überhaupt zu sprechen. Das Gedächtnis für Worte war krank und unselbständig geworden. Das Gedächtnis für Sang und Takt aber war noch gesund und konnte dem Sprachgedächtnis wirksame Gedächtnishilfen leisten.

Charcot lehrte nun eine Vielheit der Gedächtnisse und ihre Unabhängigkeit bei jenen Kranken. Dazu sei gleich bemerkt, daß tatsächlich eine Vielheit der Gedächtnisse nebeneinander besteht (Ton-, Takt-, Zahlen-, Sprach-, Personengedächtnis), die aber durchaus nicht scharf voneinander getrennt sind. Das Gedächtnis des einen Sinnes vermag das Gedächtnis anderer zu vertreten. Auch ist durch Übung eines einzelnen Gedächtnisses eine Übung des allgemeinen und der Sondergedächtnisse nachweisbar.

Die wiederholt auftretenden einseitigen Rechenkünstler, wie der Franzose Inaudi, der Grieche Diamandi und der Deutsche Dr. Rückle sind gute Beispiele dafür, was für eine Vielheit der Gedächtnisse möglich ist.