Der Piemontese Inaudi z. B. behielt Ziffern und Zahlen nach dem Klange seiner Stimme. Bei ihm arbeiteten ausschließlich das Gehör (akustisch) und die Sprachmuskeln (motorisch), und selbst wenn er nur aufmerksam auf die gesprochenen Zahlen hörte, merkte man deutlich, wie die Lippen und Kehle ganz leise mitarbeiteten. Er stützte sich also auf die Klangwirkung, auf den Takt und auf sein Gedächtnis für die Bewegungen der Sprachwerkzeuge und vermochte sogar nach einer Stunde öffentlichen Rechnens (mit rund 300 Ziffern) sämtliche Rechnungen zu wiederholen. Selbst am folgenden Tage vollbrachte er noch diese Leistung.
Der andere, der Grieche Diamandi, lernte lediglich durch Sehen (optisch). Ja, sogar wenn ihm die Zahlen und Ziffern vorgesprochen wurden, erschienen sie ihm deutlich als Schriftzüge auf einer Tafel.
Inaudi, der erste, stellte einen nach Begabung und Neigung einseitigen Menschen dar. Wir haben in ihm ein bloßes Schauspiel, ein blendendes Feuerwerk der Natur vor uns. Wenn er wenigstens sein fast unbegreifliches Zahlengedächtnis, wie etwa Gauß oder Ampère, in den Dienst überschauender, scharfsinniger mathematischer Folgerungen hätte stellen können! So aber war sein Gedächtnis für anderes als Zahlen ganz schwach entwickelt. 42 Zahlen vermochte er unmittelbar nachzusprechen (andere Menschen bringen es höchstens auf 13 Zahlen). Aber er war kaum imstande, 6–7 Buchstaben oder 6–7 Wörter eines Gedichtes unmittelbar nachzusprechen.
Der deutsche Rechenkünstler Dr. Rückle schließlich ist beiden noch ganz bedeutend überlegen. Er braucht alle drei Vorstellhilfen: Sprechbewegungen, Gehör, vorwiegend aber verläßt er sich aufs Gesicht. Weiter zeigt er sich den anderen aus dem wichtigen Grunde überlegen, weil er verstandesmäßige Hilfen noch mit einschaltet (eingeflochtene Rechnungen und Überlegungen), z. B. die Zahl 70128 merkte er sich im Augenblick folgendermaßen = 701 + 28 = 729 = 9³, in ähnlicher Weise 86219 = 219 = 3 × 73 und log 73 = 1,86...
Dr. Rückle konnte nach zweimaligem Durchlesen siebenmal sieben einstellige Zahlen, in sieben Reihen zu je sieben Zahlen, in jeder nur gewünschten Reihenfolge aufsagen. Diese Leistungen hat weder Diamandi noch Inaudi auch nur annähernd vollbracht.
Am besten aber zeigt sich die staunenswerte ungeheure Ausbildungsmöglichkeit eines bescheiden ausgestatteten Sinnes an der Entwicklung der taubstummblinden Helen Keller. Hier verrichtete der Tastsinn Wunder des Gedächtnisses, denn er vertrat die Stelle des Auges und des Ohres. Diese Amerikanerin, obgleich zeitlebens taub und blind, lernte mit seiner Hilfe englisch, deutsch, französisch, lateinisch, griechisch lesen und schreiben. Sie setzte es sogar durch, daß man ihr Unterricht im Sprechen erteilte. Die Eltern, ihre geliebte Lehrerin, alle rieten ab. Aber der kleine Trotzkopf von 10 Jahren setzte es durch und lernte sogar verständlich englisch sprechen. So mächtig wirkt der Geist und wenn er in einem Kerker, wie bei Helen Keller, eingesperrt wäre. Und wenn er mit einem so dürftigen Handwerkszeug wie mit dem Tastsinn arbeiten muß.
Ihre Lehrerin Annie Sullivan lehrte diesem von der Umwelt abgeschnittenen Geiste nur durch den Tastsinn das Finger-Abc, das in 27 verschiedenen Stellungen und Beugungen der Finger besteht, gab ihr einen Gegenstand und „fingerte“ ihr dann den Namen dafür in die Hand. Unermüdlich und geduldig tat sie das, bis bei dem Mädchen endlich, endlich der erste Strahl des Verständnisses durchbrach. Von da an ging es mit Riesenschritten vorwärts. Nur mit Hilfe des Tastsinnes bildete sich Helen Keller so weit fort, daß sie mit 16 Jahren die Gelehrtenschule besuchen und nach drei Jahren die Reifeprüfung machen konnte. Danach studierte sie an der Harvard-Hochschule Schrifttum und Geschichte. Sie nahm die Vorlesungen in der Weise auf, daß ihre Lehrerin ihr die Worte des Hochschullehrers mit Hilfe der Finger mitteilte.
Bei diesen fabelhaften Leistungen ist natürlich das Gedächtnis für Tastreize die allererste Grundbedingung. Infolge der höchstmöglichen Ausbildung dieses Sinnes vermag sie die feinsten Zuckungen der Hände andrer aufzunehmen und deren Gemütsbewegungen zu empfinden. „Die Hände der Menschen führen für mich eine beredte Sprache; die Berührung mancher Hand aber ist eine Beleidigung. Es gibt andere, deren Hände gleichsam Sonnenstrahlen in sich tragen.“
Bei Helen Keller sehen wir deutlich, wie ein Sinn stellvertretend für andere einspringen kann, und daß auch für die Gedächtnisse das gleiche gilt. Es arbeitet also kein Sinn starr für sich abgetrennt, sondern es sind Bindungen und Knüpfungen mit anderen Sinnesgebieten und -gedächtnissen möglich (vgl. [S. 21]. Die mehrsinnlichen Bindungen).
Aus den Leistungen der einseitigen Rechenkünstler müssen wir die Lehre ziehen, jedes Gedächtnis nach Kräften in uns auszubilden, für die nötige Verbindung und Zusammenarbeit der Sondergedächtnisse zu sorgen und nicht zuletzt den Verstand stark an der Gedächtnisarbeit zu beteiligen. Die Vernachlässigung eines Gedächtnisses bedeutet Verarmung und ist darum zu bekämpfen. „Je gleichmäßiger die Gebiete der verschiedenen Sinne bei einem Menschen entwickelt sind, desto fruchtbarer wird die Vereinigung der Vorstellungen verschiedener Sinneseindrücke sein. Und je einseitiger er ist, desto notwendiger ist sie.“ (Paul Barth.)