Bei allen solchen reinen Anlagen, denen ein angeborener seelischer Mangel zugrunde liegt, haben wir es nämlich meist mit starrer Vererbung zu tun. So bei Künstlern, berühmten Rechnern, Schachspielern und anderen hochgesteigerten Begabungen. In mehreren Altersfolgen einer Familie findet sich mitunter eine bestimmte Vorstellungsart vor, z. B. war in der Familie Johann Sebastian Bachs das musikalische Gedächtnis in ganz hervorragender Weise ausgebildet.

Die meisten Menschen haben aber gemischtes Vorstellungsgepräge. So fanden sich unter 350 Versuchspersonen nur 18 ausgesprochene Gesichts-, 6 Gehörs- und 17 Bewegungsmenschen. Die andern mischten, und ihre Anlagen sind je nach dem Vererbungsgrade mehr oder weniger umbildungsfähig.

Je bildungsfähiger aber die Anlagen sind, um so mehr lernt der eifrig Übende mit allen eingeübten Vorstellungsmitteln arbeiten. Ein vollkommenes Gedächtnis gründet sich auf eine allseitige Entwicklung des Vorstellens.


Es ist nun auf Grund der Versuche bestimmt anzunehmen, daß die Mehrzahl der Menschen abwechselnd in zwei ganz verschiedenen Formen geistig arbeitet.

Handelt es sich um Gegenstände oder Vorgänge, so erinnern wir uns früherer anschaulicher Bilder. Wir denken an Überreste früherer Sinneswahrnehmungen oder an Verbindungen von solchen. Das ist das sinnlich-anschauliche (gegenständliche) Vorstellen. Und zwar zählen die meisten Menschen zu den Sehern, wenn sie nicht in Worten denken.

Beruf oder Begabung lassen bald das eine, bald das andere hervor- oder zurücktreten. Bildende Künstler arbeiten z. B. viel mit dem sinnlichen Vorstellungsvermögen, können sich aber meist nicht für wissenschaftliche Tätigkeit erwärmen. Die bedeutendsten Geister der Wissenschaft aber bevorzugen das Wortdenken. Darum sind sie meist schlechte Künstler.

Bei diesem Wortdenken nun zeigen sich die Unterschiede je nach dem Vorherrschen eines Vorstellungsgepräges. Der Gehörsmensch arbeitet mit gehörten Worten, ein anderer mit Gesichtsbildern gedruckter oder geschriebener Worte und der vorwiegend auf Bewegungen sein Vorstellungsleben Aufbauende mit leisem Zusammenziehen der Muskeln der Sprachwerkzeuge.

Natürlich spielt dabei auch eine Rolle, durch welche Sinne wir den oder jenen Stoff in uns aufnahmen. So berichtet ein Forscher (Baldwin) von sich, daß er sich sein Deutsch innerlich sprechend und hörend vorstellt, weil er es durch Unterhaltung in Deutschland gelernt hat, sein Französisch aber innerlich schreibend und sehend, wie er es in der Schule lernte.

Mit je mehr Sinnen wir etwas in uns aufnehmen, desto mehr Sinnen steht es dann zur Verfügung. Jedenfalls ist es uns viel geläufiger, wenn wir es durch mehrere, als wenn wir es nur durch einen Sinn aufnehmen. Und das Leben verlangt vielfach von uns vielseitige, schnelle Anwendung unseres Könnens. So bestätigen denn auch die Versuche von Lay, Schiller, Haggenmüller, Fuchs, Lobsien, Itschner die Notwendigkeit, alle Sinne heranzuziehen: Abschreiben (sehend mit Schreibbewegungen) mit leisem Sprechen (hörend mit Sprechbewegungen) ist z. B. für die Rechtschreibung die wirksamste Einprägung.[17]