Abb. 17. Der Jüngling zu Nain von Haueisen.
(Verkleinerte Wiedergabe einer farb. Künstlerlithographie aus R. Voigtländer’s Verlag, Leipzig, Größe 100×70 cm. Preis M 6.—.)

Daraus ergibt sich, wie die Aufmerksamkeit die Atmung verflacht. Man redet ja auch von einer „atemlosen Spannung“. Dauert dieser Zustand lange, dann wird das die Gehirnzellen belastende Gift, die Kohlensäure, nicht in dem Maße ausgeschieden, wie es wünschenswert ist. Dreimal so viel Sauerstoff brauchen Hirnzellen wie andere Körperzellen von gleichem Gewicht. Dazu sind die Hirnzellen außerordentlich empfindlich gegen die entstehenden Stoffwechselgifte.[20]

Wird unsre Aufmerksamkeit zu lange angespannt, so antworten wir mit einem Gähnen. Diese Erscheinung ist noch nicht eindeutig erklärt. Am meisten für sich hat wohl die Meinung, daß es ein tiefes Atemholen sei, um die Kohlensäure auszuscheiden und Blut und Gehirn wieder mit Sauerstoff anzureichern. Zugleich ist mit dem Gähnen ein Druck auf die Schilddrüse verbunden, durch den sie zu einer inneren Absonderung von Gegengiften (Antitoxinen) gegen die Ermüdung angeregt wird. Oder die Aufmerksamkeit schweift ab, weil sie sich nicht länger verdichten kann. Dann sind der weitere Unterricht und die Lernarbeit wertlos. Durch ein paar tiefe, befreiende Atemzüge aber sind wir wieder in der Lage, uns zu sammeln. Dann wird die Unterrichts- und Lernarbeit wieder wertvoller.[21]

Außerdem wollen wir ja nicht außer acht lassen, daß tägliche Tiefatemübungen das einzige Mittel sind, unsre Jugend zu einem lungenkräftigen Geschlecht heranzubilden, dem auch die Schwindsucht nichts anhaben kann.

Wenn überall bei der Jugend auf eine kräftige, vollständige, tiefe Atmung besonders der oberen Lungenteile, auf eine frühe Erweiterung des oberen Brustkorbs und Rippenringes (Hände hinter dem Kopf verschränken) Wert gelegt würde, dann würden viele Ansteckungen von Schwindsucht überhaupt nicht aufkommen, andere leicht und schnell ausheilen, und die große jährliche Verlustziffer an Lungenschwindsucht für unser Vaterland würde ganz gewaltig sinken (1913 = 85000 Todesfälle an Lungentuberkulose).

Dieser Abschnitt gehört mit gutem Recht in eine Gedächtnislehre, denn was nützt alle Übung des Gedächtnisses, wenn jener niederträchtige Feind langsam aber sicher alle Hoffnungsblüten vernichtet!

Über die Dauer der geistigen Arbeit.

Neun Stunden angestrengter geistiger Arbeit dürften das zulässige Höchstmaß sein. Dann soll die Erholung, die Entspannung folgen. Diese suchen und finden die meisten Menschen durch Betätigung auf anderen Gebieten, z. B. beim Zeitungslesen, Kugel- und Kartenspielen, Schaubühnenbesuch usw. Allein diese Erholung ist nicht die denkbar beste, denn sie beansprucht wieder Aufmerksamkeit, die die Atmung verflacht. Darum müssen wir als eine wesentlich bessere Erholung das Spazierengehen mit tiefem Atmen bezeichnen.

Das ruhige Wandern mit regelmäßigen tiefen Atemzügen wird vielfach von Ärzten auch als ein wirksames Heilmittel gegen Nervosität empfohlen, zu deren ersten Kennzeichen ein Nachlassen des Gedächtnisses und die Gedankenflucht gehören. Man vermag dann nicht mehr bei einem einmal eingeschlagenen Gedankengange zu bleiben, verliert den Faden, schweift zumeist auf Grund oberflächlicher Bindungen von einem Gebiete in das andere und vergißt dabei, was man alles hatte sagen wollen.