»Hampstead!« rief der Schaffner vom anderen Ende. Mit einem Ruck riß ich meine Habseligkeiten – zwei Bücher und die Handtasche – an mich und stürzte mich kühn in die auf und nieder wogenden Nebelfluten, die mich schon nach wenigen Augenblicken vollständig verschlangen.

Die Gasse – das Endziel meiner Wanderung – war die zweite zu meiner Rechten und führte steil abwärts. Der gedämpfte Schein einer Straßenlaterne ließ mich wohl die Vorgärten der Villen unterscheiden, doch wäre es eine Unmöglichkeit gewesen, die Hausnummer abzulesen. Ich öffnete daher eine der kleinen Gartenpforten und ging dicht an das Haus heran, um die Nummer auf der erleuchteten Scheibe der Haustür entziffern zu können.

»Nummer 22,« sagte ich halblaut, ging zurück und schloß die Pforte wieder, dann tastete ich mich vorsichtig an den Vorgärten entlang und zählte die Nummern, bis ich Haus 18 erreichte.

Während ich unter der Loggia stand und wartete, daß mein Klingelzeichen irgend jemand zur Tür brachte und ich das Muster auf der Glasscheibe – Pfirsichblüten und Früchte – studierte, war mir doch etwas ängstlich zumute. Den ersten Chinesen hatte ich um drei Uhr nachmittags an einem klaren Sommertage kennengelernt, jetzt war es Abend, Winter und – ich schüttelte das unangenehme Gefühl ärgerlich ab. Der neue Schüler sollte ja noch ein wahres Kind sein, und ein Kirchenlicht war er entschieden nicht, wenn also jemand zittern sollte, so war es gewiß er und nicht ich.

Die Tür wurde von einem Stubenmädchen geöffnet, und ich drückte die Bücher unwillkürlich fester an mich, als ich fragte:

»Mister Ming Tse zu sprechen?«

»Mister Ming Tse speist soeben, wird aber sofort kommen,« sagte das Mädchen und stieg vor mir die Treppe empor. Im ersten Stock machte sie halt, und indem sie eine Tür öffnete und mich eintreten ließ, trat sie zurück und verschwand.

Ich stand in einem kleinen, geschmackvoll möblierten Salon, in dem alles von peinlichster Sauberkeit sprach – jedenfalls waren nicht alle Chinesen Feinde der Ordnung wie Hoang-Zo. Aus dem Kaminsims waren eine Anzahl ausgezeichneter, schön gebundener Bücher in strammster Ordnung aufgestellt, ganz wie eine Abteilung Soldaten, von denen keiner einen Millimeter von der Linie abweichen darf. Im Kamin selbst brannte ein Feuer, zum Schrecken einer geizigen Hausfrau und zum Entzücken einer erfrorenen Seele, wie ich selbst; ich fühlte auch gleich, daß mein Wohlbefinden zunahm. Auf den kleinen Nipptischchen standen Vasen mit frischen Blumen zierlich geordnet, auf den Stühlen lagen reich gestickte Polster, nette Zierdeckchen waren, wo tunlich, vorteilhaft angebracht. Die Wände wiesen viele Photographien, meist von Chinesen in europäischer Kleidung, auf, aber ein Bild an der Wand zeigte vier Personen in chinesischen Trachten und schien Frauen vorzustellen. War mein neuer Schüler am Ende der glückliche Besitzer eines Harems oder doch einer Frau?

Ein leichtes Geräusch hinter mir machte mich umsehen. Vor mir stand eine menschliche Miniaturausgabe, ein zartgebauter kleiner Chinese, der gewiß nicht um ein Haar größer war als ich – innerlich schmeichelte ich mir sogar, daß ich vielleicht um einige Haarbreiten mehr maß –, in tadellosem europäischem Anzuge und verbeugte sich vor mir mit einer Grazie, die ich vorher noch bei keinem Asiaten und nur bei wenigen Europäern gesehen hatte. Für diese Art Aeußerlichkeiten bin ich ungemein empfänglich.

»Herr Ming Tse?«