Der Monat November sowie der zurückgekehrte Chinese Hoang-Zo fanden mich tief in allen Winterwiderwärtigkeiten steckend, die durch die Tatsache, daß der junge Gelehrte jetzt keine Zeit hatte, die Stunden fortzusetzen, wahrlich nicht vermindert wurden. Eines Abends, als wir uns im Nebelmeer begegneten, fragte er mich, ob ich nicht so freundlich sein wollte, einen jungen Chinesen – kaum ein- oder zweiundzwanzig Jahre alt – als Schüler für Deutsch und Französisch zu übernehmen. Ich willigte sofort ein – war nicht alles besser als das fürchterliche Daheimsitzen in einem kalten, ungemütlichen Zimmer?

»Er ist aber sündhaft dumm!« sagte Hoang-Zo, »und ich muß Sie bitten, eine Bezahlung für die Stunden anzunehmen, denn an einen Austausch ist bei dem Menschen nicht zu denken. Eigentlich schäme ich mich,« fuhr er fort, »Ihnen so ein trauriges Exemplar meiner Landsleute zu überlassen, aber Sie scheinen mir besonders geeignet, ihm etwas beizubringen – wenn sich ihm etwas beibringen läßt,« setzte er bekümmert hinzu.

»Wir können es ja versuchen,« erwiderte ich lächelnd. Wir bestimmten daher die Preise, und nur wenige Tage später erhielt ich einen mit Fehlern gespickten Brief meines neuen Schülers, der mir seinen Besuch für den darauffolgenden Sonntag in Aussicht stellte.

Der Sonntag kam und ging, ohne Mr. Ming Tse zu bringen, wohl aber fand ich Montag früh eine Karte vor, auf der er sich entschuldigte und mir versicherte, die Gasse nicht gefunden zu haben.

»Findet das Hascherl nicht einmal eine Gasse wie Guildford Street!« Ich seufzte unwillkürlich auf. Und so einem Menschen sollte ich mit dem Nürnberger Trichter die Weisheit einpumpen – gewiß ein recht zweifelhaftes Vergnügen.

Der zweite Brief oder besser die zweite Karte war von Hoang-Zo. Er bat mich, seinem Schützling Montag abend die erste Stunde zu geben und fügte hinzu, daß Ming Tse kaum fünf Minuten von der Endstation der Hampstead Elektrischen wohne. Name der Gasse und Hausnummer ersah ich aus Mr. Ming Tses Karte.

IV.

»Our deeds our angels are, or good or ill,
Our fatal shadows that walk by us still.«
Beaumont & Fletcher.

IV.

Es war ein feuchtkalter Wintertag. Seit einer Woche hatte Sankt Peter die Schleusen des Himmels geöffnet, und heute hatten wir nebst feinem, durchdringendem Regen auch noch einen jener berüchtigten Londoner Nebel, der schon lange, bevor es Nacht wurde, alle die triefenden Häuser und die schmutzbedeckten Gassen den Blicken der Menschheit entzog. Selbst die Elektrische, in der ich saß, schien mir trotz der vielen Beleuchtungskörper düster, da der Nebel sich in großen Wellen durch den langen Wagen dahinrollte, voll unerlaubter Neugierde bei Mund, Nase und Ohren in das Innere der Reisenden hinabkletterte, sich zärtlich an den weißen Halskragen und die tadellosen Manschetten der Zylinder tragenden Herren schmiegte und das ursprüngliche Weiß meiner Bluse in ein bescheidenes Grau verwandelte.