»Du bist so ganz anders wie alle anderen Mädchen!«

Jenny konnte sich vor dem Spiegel drehen, konnte an einer Schleife fünf Minuten lang zupfen, um sie in die vorteilhafteste Lage zu bringen, konnte das schönste Buch aus der Hand werfen, sobald das neue Modeblatt gebracht wurde, und fand nichts ergötzlicher, als im Stadtpark zu den Klängen der heimischen Kapelle im besten Kleide auf und ab zu gehen und allen Leuten zuzunicken, – dem ein wenig tiefer und diesem etwas oberflächlicher, dieser Dame mit einem Lächeln und jenem Herrn mit Grabesmiene, ganz wie Mama es vorgeschrieben hatte. Mir kam nichts geisttötender vor.

Oder wir gingen ins Theater. Um drei Uhr nachmittags verschwanden Mama und Jenny vollständig von der Erdoberfläche, und um sieben Uhr kamen sie, zwei schöne, sehr geschmackvoll frisierte und tadellos gekleidete Damen, jede mit einem Triumphlächeln auf den Lippen, zu mir ins Zimmer, aber ein Blick auf mich ließ sie beinahe bewußtlos werden, und ich bin überzeugt, daß nur der Gedanke an die große Arbeit bei ihrer vierstündigen Vorbereitung sie davor rettete.

»Käthe!!! Du bist ja noch nicht angezogen!« rief Mama, als ob die Welt aus den Angeln gegangen wäre.

»Ich gehe, wie ich bin,« erwiderte ich ruhig.

»Ein junges Mädchen in dunkler Seidenbluse – unmöglich!« warf Mama ein.

»Warum nicht?« fuhr ich gelassen fort. »Mir steht dunkelblau besser als alle die allzu lichten Farben, und ich fühle mich wohler darin.«

»Käthe,« mischte Jenny, damals kaum fünfzehn Jahre alt, in das Gespräch, »ich will nicht mit dir gehen, wenn du nicht anders gekleidet bist.«

Oft blieb ich nach solchen Auftritten zu Hause, da mir alle Lust an der Aufführung vergangen war. Manchmal kleidete ich mich verdrießlich in irgendeine dreifarbige, meiner Ansicht nach geschmacklose Bluse, zuzeiten ging ich wie ich war und ließ die beiden schimpfen, aber da ich mir wohl bewußt war, wie wenig ich in den heimischen Rahmen paßte, und da ich mich daheim ebenso einsam fühlte, wie später in der kalten, weiten Welt, so habe ich nie bedauert, den Flug in die Welt begonnen zu haben.

Ich habe einzig verstehen gelernt, daß Männer, die ihr Leben lang als Junggesellen herumgewandert sind, eine Häuslichkeit als Krone des Glücks betrachten, und nicht umsonst, wahrlich nicht umsonst! Aber um ein vollkommenes Bild, eine seelisch schön abgetonte Wiedergabe eines Menschen zu geben, bedarf es nicht nur eines Rahmens, meinetwegen eines reichen Rahmens – nein, es ist nötig, daß der Rahmen paßt, daß er das Bild hervortreten läßt und es nicht zur Fratze herabstimmt. Durchschnittsmenschen schaffen sich leicht einen passenden Rahmen oder passen auch schnell in irgendeinen Rahmen hinein, die anderen, doch – ich will nicht philosophieren.