»Fräulein Schulze?«

Wir reichten uns gegenseitig die Hände, lächelten beide, und die Verbeugung wiederholte sich.

»Ich freue mich, Sie als Schüler begrüßen zu können,« sagte ich in Ermangelung von etwas Besserem, »und hoffe, daß Sie stets fleißig studieren werden.«

Ming Tse legte ein überaus feierliches Versprechen ab, immer fleißig arbeiten zu wollen, schob den allerschönsten Polster auf den allerbequemsten Stuhl des Zimmers, rückte ihn an den Tisch und lud mich ein, Platz zu nehmen. Diese Aufmerksamkeit entging mir nicht.

Auf dem Tische lagen Bleistifte, Federn, Federstiele, Lineale, Papiere und Bücher auch wie die Soldaten geordnet da. Er nahm nicht wie alle meine sonstigen Schüler an meiner Seite Platz, sondern setzte sich mir gegenüber an das entgegengesetzte Ende des Tisches, und da merkte ich auch, daß sowohl Bücher, Bleistifte, Federn und selbst die Tintenfässer doppelt vorhanden waren, so daß kein Austausch dieser Artikel zwischen Lehrer und Schüler stattfand.

Während ich seinen Sprachkenntnissen auf den Zahn fühlte, wobei ich sogleich bemerkte, daß viele Plomben nötig waren, hatte ich Gelegenheit, ihn näher zu betrachten. Seine Gesichtsfarbe war dunkler als die Hoang-Zos, man hätte ihn eher braun als gelb nennen können, die scharf geschlitzten Augen waren halbgeschlossen und nicht wie bei dem Philosophen zusammengekniffen, aber Gläser trug auch er, die Augenbrauen waren schwach gezeichnet und hörten schon früh auf. Wimpern fehlten ganz. Das vollkommene Oval des Antlitzes wurde durch die starken Backenknochen ein wenig beeinträchtigt, und die etwas dicke Unterlippe sowie die unregelmäßig stehenden Zähne verunschönten, doch nur unbedeutend, den Mund, aber dafür erfreute er sich einer ganzen Nase mit gutgebildetem Nasenrücken, hübsch geformten Nasenflügeln und einer tadellosen Nasenwurzel, auf der im Notfalle ein Kneifer hätte sitzen können. Das einzig wirklich Schöne an dem Kopfe war das rabenschwarze, glänzende, lange Haar, das denselben in reichster Fülle umgab und wie alles, was ihm gehörte, den untrüglichen Stempel der Ordnungsliebe trug. Nicht ein Haar – und viele reichten von der etwas niederen Stirn bis in das Genick – erlaubte sich Wanderungen auf eigene Faust zu unternehmen, und selbst eine ungestüme Kopfbewegung veränderte nichts daran.

Sooft er mir ein Papier oder sonst einen Gegenstand reichen mußte, drehte er ihn immer zuerst so um, wie er mir am bequemsten sein würde, und fragte mich auch im Verlauf der Stunde, ob mir Wasser erwünscht wäre, was ich dankend ablehnte. Ich war über diese bei Orientalen so ungewöhnliche Höflichkeit – besser Ritterlichkeit, denn höflich habe ich sie mir gegenüber meist gefunden – so erstaunt, daß ich mich nicht enthalten konnte, zu sagen:

»Was für reizende Umgangsformen Sie haben! Wo haben Sie sich dieselben angeeignet?«

Er lächelte zufrieden – sein Lächeln war sehr einnehmend, da sowohl dieses und noch mehr sein Lachen unwiderstehlich zur Nachahmung reizte – und entgegnete munter:

»Das Benehmen hat mein Vater mit dem Stock in mich hineingeprügelt.«