Die Aufrichtigkeit der Antwort, der komische Gesichtsausdruck meines Schülers und die neue Situation unterhielten mich dermaßen, daß ich herzlich lachte, und Ming Tse lachte laut und herzhaft mit. Ich fühlte, wir waren uns nähergekommen, und fand plötzlich, daß er ja eigentlich ganz gute Kenntnisse besaß. Mein Gott, man kann von einem Chinesen – und noch dazu von einem so kleinen Chinesen – doch nicht Unmögliches verlangen.

In einem Punkte war er von Europäern sehr verschieden – er vermied, wie die meisten Asiaten, jedwede Berührung. Wenn er mir ein Buch reichte, wenn er mir etwas näherschob, immer sah er streng darauf, daß sich unsere Hände nicht berührten. Rief ich ihn einer Korrektur halber an meine Seite, so blieb er in der Entfernung eines halben Meters stehen und strengte sich übermenschlich an, von dort aus das von mir Gezeigte zu lesen. Er machte immer einen großen Bogen, sooft er um den Stuhl, auf dem ich saß, herumgehen mußte, nichts berührte mich als der Blick seiner schwarzen Augen, aber er sah mich nie geradezu an. Die Lider fielen beinahe vollkommen herab, und nur aus den Augenwinkeln heraus sah man etwas Schwarzes blinzeln. Er öffnete die Augen nur, wenn er böse war – öffnete sie zu ihrer vollen Größe, und da wünschte man nur eins, daß er sie möglichst schnell wieder schließen würde. Die Gesichtszüge aber verrieten nie, was im Innern vorging. Alle Asiaten verstehen es, ihrem Gesicht den Stempel der Unergründlichkeit aufzudrücken, und die unerschütterliche Ruhe der Maske verändert sich nicht, nicht einmal in Affekten, nur um die Augen und um den festgeschlossenen Mund legt sich ein unheilverkündender Zug – wohl dem, der ihn nie gesehen! Merkwürdig – Hoang-Zos gemütliches kurzsichtiges Blinzeln hatte mir nie Furcht oder Grauen eingeflößt, aber die fast geschlossenen Augen meines neuen Schülers berührten mich unheimlich, wie sehr ich auch gegen dieses Empfinden ankämpfte. Sie schienen zu erforschen, unausgesetzt zu prüfen, und ließen ihrerseits keine Prüfung zu. Eine Ahnung flüsterte mir zu, daß dieses scheinbare Kind ein Buch mit sieben Siegeln war, die zu brechen nicht leicht – einem Europäer vielleicht überhaupt nicht – gelingen würde.

Der eigentliche Unterricht war vorüber, die Tage und Stunden waren bestimmt.

Er schob meinen Stuhl zum Feuer, machte eine gebietende Handbewegung, die mich innerlich furchtbar zum Lachen reizte, und sagte ganz in dem Tone, als ob ich der Schüler und er der Lehrer gewesen:

»Jetzt werden wir ein wenig miteinander plaudern.«

Das Feuer war viel zu warm, und meine Sehnsucht, auch einmal die Zunge bewegen zu dürfen, viel zu groß, als daß ich »nein« gesagt hätte. Ich setzte mich gehorsamst nieder, ließ meine Füße auf dem Feuerschutzgitter ruhen und fragte:

»Wie gefällt Ihnen Europa?«

»Gut!« erwiderte er in einem Tonfall, der das Gegenteil verriet.

»Wohl sehr verschieden von China, nicht wahr?« fuhr ich fort.

Er taute langsam auf. »Ich kann die europäische Kleidung nicht leiden,« erklärte er mit Nachdruck.