»Das soll man aber eben weder sagen noch wünschen,« warf ich ein, konnte aber ein Lächeln nicht unterdrücken.
»Das macht nichts,« wehrte er ab. »Sie glauben aber doch« – und da er mein Lächeln sah, verbesserte er sich, »Leute glauben aber dennoch, daß der Teufel existiert.« Nach einer kurzen Pause fragte er beinahe leidenschaftlich:
»Haben Sie vielleicht schon einmal den Teufel gesehen?«
»Bis jetzt habe ich noch nicht das Vergnügen gehabt, seine Bekanntschaft zu machen – es sei denn in der Gestalt einiger meiner Mitmenschen.«
Er lachte. »Viele glauben daran,« fügte er hinzu.
»Und Gott!« sagte er nach einer Weile. »Auch ihn hat niemand gesehen, er erhört trotz aller Gebete nicht unsere Bitten, nicht unsere Wünsche, das hat mir schon manch ein Christ gesagt – das ganze ist Humbug, Bibel und alles,« beteuerte er.
Ich wußte, daß die meisten Chinesen nach unseren Begriffen sehr irreligiös waren. Waren auch sie der abstrakten Idee der Gottheit abhold, so schätzten sie doch unsere moralischen Gesetze, die in Europa durch die Religion ebensogut wie in China durch die Lehren des Weisen Konfuzius gelehrt wurden. Meiner Natur lag es fern, bei jemand Bekehrungsversuche anzustellen. Jeder hatte das Recht, zu denken, was er wollte oder besser, das, wozu ihn das Beobachten des Lebens gebracht hatte. Ich hatte nie Sympathie für die Missionäre gefühlt, die ihre Ueberzeugung anderen Rassen aufzwangen. Für jeden Menschen ist die eigene Anschauung die entscheidende und die maßgebende, daher beschränkte ich mich auch zu sagen, daß der Begriff »Gott« ein abstrakter sei, den sich jeder Mensch nach seiner Individualität auslegen müsse.
Der kleine Chinese schüttelte mißbilligend sein schwarzes Haupt. Wie ich aus Erfahrung wußte, waren sowohl seine Landsleute wie auch Japaner abstrakten Begriffen fast gar nicht zugänglich. Der sonst reichen japanischen Sprache fehlt es sogar vollständig an Ausdrücken für die meisten abstrakten Begriffe. Auch Konfuzius verliert sich nicht in metaphysischen Betrachtungen, – er gibt praktische Ratschläge über den Umgang mit dem Nächsten, über die Pflichten der Könige, weist auf die hauptsächlichsten Gesetze der Moral hin, stellt Höflichkeit und Elternliebe als erste derselben auf und berührt fast nie und da nur höchst flüchtig Fragen, die Unsterblichkeit der Seele oder die Gegenwart eines Gottes betreffend.
Lao Tse stellt »Gott« als Naturkraft hin – das große, ewig in Bewegung und in Veränderung begriffene Weltall, aus welchem wir auftauchen und in das zurück wir wieder verschwinden. Die Bewohner des fernen Ostens sind keine Träumer, lieben es aber oft, auf philosophischem Gebiete solche Fragen aufzuwerfen und zu erforschen. Ming Tse dagegen war nicht Träumer – bewahre! – und gar nicht philosophisch veranlagt. Er war Materialist und daher legte er sich den Begriff »Gott« seiner Veranlagung gemäß kurz und bündig als »Humbug« aus. Ein europäischer Unsinn, das war alles.
Es war spät geworden, und ich erhob mich, um meine Jacke anzuziehen. Nach augenblicklichem Zögern kam mir Ming Tse zu Hilfe, stand aber so weit als möglich von mir entfernt, und faßte meinen Ueberwurf nur beim äußersten Ende an, ihn, sobald ich nur halbwegs hineingeschlüpft war, sogleich loslassend und zurücktretend.