VI.
| Non ti lagnar de' mali, |
| Non creder soli i tuoi; |
| Ognuno dei mortali |
| Ha da soffrire i suoi. |
| Bertola. |
VI.
Als ich eines Abends wieder zur Stunde eintraf, lief mir Ming Tse erregt entgegen, faßte mich an der Hand und zog mich, so schnell er konnte, in das Zimmer.
»Fräulein Schulze,« rief er, »springen Sie auf diesen Stuhl, und sehen Sie sich das Bild meines Vaters an. Ich habe es heute erhalten.«
Als ob das Haus in Flammen stünde und ich bei dem Feuerlöschen helfen sollte, so hurtig warf ich meinen Mantel ab und zog die Handschuhe aus, dann näherte ich mich dem Stuhle, den Ming Tse schon erwartungsvoll an der Lehne hielt. Es war eines jener zarten Sesselchen, auf die sich keine gute deutsche Hausfrau und noch weniger eine Oesterreicherin hätte setzen dürfen, ohne daß eine Katastrophe zu befürchten gewesen wäre, und selbst ich vertraute meine Seele (und meinen Körper) den höheren Mächten an und hoffte nur, daß der Möbelfabrikant so vorsorglich gewesen wäre, das zierliche Dingelchen mit einer unsichtbaren Haltbarkeit auszustatten. Hierauf schwang ich mich darauf, während Ming Tse seine kleinen Pfötchen auf die Lehne legte und zu mir aufsah. Während ich mir im stillen ausmalte, wie es wohl wäre, wenn der Stuhl unter mir schnöde zusammenbrechen und wer wohl zuerst auf der Bildfläche erscheinen und meine Knochen zusammenlesen würde, hielt ich meine Augen gehorsamst auf das große Bild des Vaters gerichtet. Es stellte einen großen Mann in der Tracht eines Mandarins dar, mit einem langen Seidenkaftan und einer großen Schärpe um die Hüften. Das Gesicht war bartlos und rundlich und hätte bei flüchtiger Beobachtung als wohlwollend und gütig bezeichnet werden können, aber wer sich die Mühe gab, näher hinzusehen, dem entging nicht ein gewisser grausamer Zug um den Mund und eine unangenehme Falte nahe den Augen. Die Haltung verriet Selbstbewußtsein und festen Willen. Als Freund mochte er gerecht sein – als Feind aber –?
»Wie gefällt er Ihnen?« erkundigte sich Ming Tse, indem er der schwanken Basis, auf der ich stand, einen nicht mißzuverstehenden Puff gab, was ich mir so auslegte, als »höre nun gefälligst mit den inneren Betrachtungen auf!« Daher beeilte ich mich, meinen unsicheren Standpunkt so schnell als tunlich zu verlassen.
»Sehr gut,« sagte ich, sobald ich wieder festen Boden unter mir hatte. Was hätte ich sonst auch sagen dürfen?
»Sie freuen sich gewiß sehr, sein Bild erhalten zu haben?« fragte ich.
»Ja, sehr, und hier habe ich schon Seidenschleifen zur Fahne gekauft, die ich herumwickeln will.«