»Ja. Erinnern Sie sich, ein hübsches, kaum sechzehnjähriges Mädchen manchmal im Hause gegenüber gesehen zu haben?«
»Eine kleine Blondine mit blauen Augen und immer lachendem Munde?« fragte ich.
»Stimmt. Die wird ein Kind jetzt haben.«
»Wie schrecklich!« rief ich aus. »Und wird er sie heiraten?«
»Hat schon eine Frau in Indien,« erklärte er lakonisch. Nach einigen Minuten fügte er hinzu:
»Die Indier geben auch Pulver, Fräulein, sehr schlechte Menschen, Sie dürfen nichts mit ihnen zu tun haben. Schlechte Menschen!« wiederholte er.
Ich war sprachlos. Meine Indier, die jungen Hindus, die ich gekannt hatte, waren lauter hochintelligente Männer gewesen, die sich viel reiner und besser als wir armen Frauenzimmer vorkamen, so daß manche uns gar nicht die Hand zum Gruße reichen wollten. Eins war sicher: Dieser kleine Chinese schien das Schlechte in Mitmenschen und Rassen geradeso zu entdecken, wie manche alte Zauberer Schätze mittels eines Zauberstäbchens fanden. Ich dachte nicht schlechter darum von den Indiern, die ich kannte, aber eine gewisse Enttäuschung, ein unabschüttelbares Mißtrauen blieb zurück.
Es geschah nun öfter, daß er mich nach der Stunde zur Elektrischen hinabbegleitete. Bald gingen wir den kleinen Umweg über die Heide – es war in England im Winter an regen- und nebelfreien Tagen nicht viel kälter als im Sommer – bald den Berg hinab auf der breiten Alleestraße bis zu Hampstead Hill. Ich zog den Weg durch die Straßen schon deshalb vor, weil wir auf der Heide nicht nur durch das nasse Gras gehen mußten, sondern hauptsächlich wohl aus dem Grunde, weil wir dort immer Liebespaare auf dem Grase oder den Bänken fanden, ohne Unterschied der Jahreszeit oder der Tagesstunde.
Da wandte sich Ming Tse immer mit einem überlegenen Lächeln an mich und sagte:
»So sind die Mädchen in Europa.« Das ärgerte mich immer grenzenlos.