»Da haben Sie recht!« entgegnete er viel freundlicher. »Armes Fräulein Käthe!« Wir waren eine Weile ganz still.

»Leben Sie wohl, Herr Doktor,« flüsterte ich endlich, »und wenn ich an der Pest oder den schwarzen Blattern sterbe, so vergessen Sie mich nicht ganz!« bat ich schüchtern.

»Fräulein Jenny,« sagte er so ernst, wie er noch nie zu mir gesprochen, »versprechen Sie mir eins: Heiraten Sie keinen Chinesen, wie anziehend er auch sein möge!«

Ich gelobte dies feierlich. Ich hätte ihm weder diese noch irgendeine andere Bitte abschlagen können. Wenn Männer diesen Ton anschlagen, sind wir Frauen das reinste Wachs in ihren Händen.

Er zog eine kleine Schere aus der Tasche. Indem er wieder in den alten neckenden Ton verfiel, bat er mich, eine Locke meines Haares abschneiden zu dürfen, »der Blatterngefahr halber!« wie er sich ausdrückte. Er schnitt die Locken im Genick ab und brauchte meiner Ansicht nach eine schrecklich lange Zeit dazu. Ich fühlte, wie sein Atem dicht über meinen Hals dahinstrich – er mußte wohl so nahe schauen, weil es schon beinahe finster war –, und mir wurde ganz eigentümlich dabei. Warum wohl? Als er mit der Operation fertig war, küßte er meine Hände – Käthe, alle beide – und wünschte mir eine glückliche Reise.

Mir wurde so schwer ums Herz, so unsäglich schwer, und ehe ich es verhindern konnte, fiel eine Träne auf die Hand des Doktors. Da schämte ich mich unsinnig, riß mich los und flog auf das Haus zu.

Ich warf mich angezogen auf das Bett und weinte. So schlief ich ein und träumte plötzlich, daß ein Chinese mit furchtbar geschlitzten Augen einen Zopf – so einen weichen, weichen Zopf! – um meinen Hals schlang, und ich schrie wie besessen. Mama und die Köchin schüttelten mich wach. Auf dem Bette saß Murr, der Kater! Seinen Schwanz hatte ich für den Zopf eines Chinesen angesehen.

Mama sagte mir, daß eine so dumme Gans wie ich nicht wieder zu finden sei, und daß ich mich schnell anziehen möge, um Punkt acht auf der Bahn zu sein. Du kennst ja Mamas Bahnfieber, die immer eine geschlagene Stunde auf den Zug warten muß. Ich wusch meine entzündeten Augen mit Rosenwasser, um auf der Fahrt hübsch und frisch auszusehen, und kleidete mich in mein neues Reisekleid, das mir ausgezeichnet sitzt, Du wirst schon sehen.

Als wir schon in den Zug eingestiegen waren, kam noch jemand hurtig über den Bahnsteig gelaufen. Es war Dr. Wurmbrandt, der mir einen wunderschönen Strauß roter Rosen brachte und mich so merkwürdig ansah, daß ich fast ebenso rot wurde wie die Blumen. Ich konnte gerade noch danken und ihm die Hand reichen, bevor sich der Zug in Bewegung setzte.

Die Tanten waren alle da und hatten noch viele warnende Worte gesprochen.