Ich hatte zwar gerade in dem Augenblick die allergrößten Zweifel bezüglich der Schönheiten oder Annehmlichkeiten einer Ehe, aber ich war froh, daß er froh war – eine Fröhlichkeit deckte die andere – und so lächelte ich ihm beruhigend zu und versicherte, mich wohl genug zu fühlen, um den Kontrakt zu unterschreiben.

»Nachmittags darfst du nicht ohnmächtig werden,« sagte er noch, als er mir aufhalf, »das ist gegen die chinesische Sitte.«

Ich versprach ihm, alles aufzubieten, um nicht gegen die chinesische Sitte zu verstoßen und dadurch beruhigt, geleitete er mich an den Tisch, und die Trauung oder wenigstens die Eheschließung, da jeglicher kirchliche Segen fehlte, wurde vollzogen.

Li Bai half uns freundlich in den Wagen, bat mich, nicht aufgeregt zu sein und kehrte hierauf in sein Heim zurück, um mich daselbst zu erwarten und feierlich zu empfangen. Nach unseren Gesetzen war ich nun Käthe Ming Tse. Mir deuchte fast, als wäre ich selbst eine andere geworden.

Mama und Jenny zogen sich auf meine Bitten zurück, und ich blieb allein mit den Chinesinnen, die mich in eine ihrer Landsmänninnen verwandeln sollten. Sie kämmten mein langes blondes Haar flach zurück, so daß meine Stirn doppelt hoch erschien, und gossen eine Menge wohlriechenden Oels darauf. Nachdem dies geschehen war, wollten sie mein Gesicht in die Arbeit nehmen, die Lippen mit Rot vergrößern und die Augenbrauen in eine schmale hochgeschwungene Linie verwandeln, während sie den Rest des Gesichts weiß zu färben wünschten. Aber gegen diesen Punkt des Programms wehrte ich mich entschieden. Wie ein Zirkusklown zweiter Güte wollte ich denn doch nicht aussehen. Mein Gesicht verblieb wie es war – und endlich mußten meine gelben Schwestern sich in das Unabänderliche fügen. Sie setzten mir den Brautschmuck auf das geölte Haar, das ich, fetttriefend wie es war, nicht berühren wollte, befestigten die aus Gold- und Silbermünzen und Ketten zusammengestellte kostbare Haube so gut es ging auf meinem vor Furcht und Angst ganz verwirrten Kopf und fanden, daß mir das unförmige Scheusal gut stünde. Hierauf steckten sie mich in seidene Unterwäsche, die wie die Oberkleider aus roter Seide war, warfen das rote Brautkleid über mich, das hoch am Halse geschlossen wird und zu den Schultern jäh abfällt, denn je greller diese Linie ist, desto schöner dünkt sie den Chinesen. Die Schultern dürfen um keinen Preis gerade sein, sondern müssen gegen den Arm zu abfallen. Das Kleid, das jede Biegung der Gestalt verdeckt und wie ein Kaftan bis zu den Knöcheln fällt, wird auf der linken Seite geknöpft, unter dieser Robe aber hatte ich weite Hosen, ähnlich denen der türkischen Damen, die lose über das Knie hinabfielen. Ueber mein Brautkleid gab man mir noch ein rotes Seidenkleidungsstück, einer Jacke ähnelnd, das mir bis etwas tiefer als die Mitte reichte und reich mit Gold gestickt war. Es hatte sehr weite Aermel, ebenfalls reich mit Goldstickereien verziert, aus denen meine Hände weiß hervorleuchteten. Trotz aller Bitten ließ ich mir nicht die Nägel färben und wollte auch nie sie mir wachsen lassen wie viele der reichen Chinesinnen es tun, bis sie nichts mehr in die Hand nehmen konnten, aus Furcht, die Nägel zu zerbrechen. Meine Füße, die von Natur schon klein ausgefallen waren (ich bin ja selbst so klein), wurden noch in zu enge Seidenpantöffelchen mit Goldstickerei gequetscht, was mich, vereint mit den ungewöhnlich hohen Absätzen, vom sichern Stehen abhielt. Ich wankte wie eine echte Chinesin unsicher im schwankenden Gleichgewicht hin und her.

Die Chinesinnen fanden mich sehr »gelungen« und betrachteten ihr Werk mit sichtlicher Genugtuung, als aber Mama und Jenny hereinkamen, fielen sie bei meinem Anblick beinahe um. Ich stand, besser, ich wackelte in der Mitte des Zimmers, fühlte mich nicht nur ängstlich bezüglich des Bevorstehenden, sondern auch rein physisch unbehaglich in den ungewöhnlichen Kleidern, dem geölten Haar, dem schweren Kopfputz und den schrecklichen Pantoffeln. Das konnte man mir auf den ersten Blick ansehen, und ich glaube, ich machte dazu das denkbar dümmste Gesicht.

Mama setzte sich auf einen Stuhl und starrte mich entgeistert an. Ihr europäischer Schönheitssinn empörte sich gegen eine solche Verwandlung meines äußeren Ichs, Jenny aber lachte zum erstenmal an diesem Tage und rief:

»Käthe, du siehst wie ein wunderschön geputzter Kartoffelsack aus!« Sie warf sich auf eines der niedrigen Sofas und krümmte sich vor Lachen.

»Wirst du als rote Vogelscheuche wirklich zu deinem Gatten gehen?« fragte mich Mama. »Wäre es nicht viel besser gewesen, dich ganz in Weiß mit Schleier und Kranz zu kleiden? Aber du willst einmal immer nach deinem Kopfe handeln,« setzte sie geärgert hinzu.

»Du vergißt,« warf ich ein, »daß es nicht mein Wunsch gewesen, so gekleidet zu gehen, sondern Li Bais. Soll ich ihm eine Bitte am Hochzeitstage abschlagen?«