»Gewiß hätten dich alle sehr schön als weiße Braut gefunden und nun siehst du so schrecklich aus,« ereiferte sie sich.

»Ach, Mama,« bat ich, »laß die Einwendungen. Die Chinesen finden ein weißes Kleid (ihre Trauerfarbe) nicht passend für einen Freudenakt wie eine Hochzeit und ich bin nicht länger Europäerin,« fügte ich langsam hinzu, während ich fühlte, wie mich etwas im Halse gewaltig würgte, »sondern Chinesin seit – seit – heute früh.«

»Leider!« entfuhr es der Mama. Es war ihr zum erstenmal wirklich leid, daß ich einen Chinesen geheiratet hatte, weil – weil ich dadurch verlustig ging, ein schönes europäisches Brautkleid zu tragen. Bei der zivilen Eheschließung hatte ich nur ein lichtbraunes Kostüm angehabt.

Jenny verstand trotz ihrer Jugend die Tragik des Augenblicks besser. Vielleicht dachte sie, wie anders ihre Trauung in Europa mit dem Doktor sein würde, wie ganz anders sie fühlen würde und wie froh ihre Altersgenossinnen sie umkreisen würden. Sie begriff, zum erstenmal vielleicht, was ich in dieser Stunde litt, wo weder eine Klage noch eine Träne mir entschlüpfte.

»Laß die Käthe,« rief sie fast gereizt und wollte mir um den Hals fliegen, aber dagegen wehrten sich die Chinesinnen. Das hätte ihre sorgsame Arbeit zerstören können. Ich lächelte meiner Schwester daher nur dankbar zu.

Mama fügte sich in das Unabänderliche. Wenn ihre Tochter schon Vogelscheuche sein mußte, so wollte sie daraus Vorteil ziehen. Sie betrachtete mich sorgfältig von allen Seiten, damit sie daheim in Europa allen Bekannten und den Verwandten davon erzählen konnte, sah sich den sonderbaren Brautschmuck genauer an und fand endlich, daß mein Ensemble noch ärger hätte sein können. Daß ihr Kind heute über Leben und Tod (denn bei einer chinesischen Heirat setzt man noch viel leichter als bei einer europäischen das Leben aufs Spiel) entscheidet, das hatte sie für den Augenblick vergessen.

Plötzlich verkündete ohrenbetäubendes Geschrei und nervenerschütternder Lärm, daß meine Stunde geschlagen hatte, und der Bote kam, um mich in das Haus meines Gatten zu überbringen. Ich fühlte eine innere Leere und ein Gefühl physischen Uebelbefindens, als ich mir vorstellte, daß ich nun mit allem abbrechen sollte, was ich bisher gekannt hatte, um an der Hand meines kleinen Chinesen einen neuen Lebenspfad einzuschlagen. War die kleine Hand hinreichend, mich zu stützen? War seine Liebe stark genug, mir Trost zu geben, wenn physische und moralische Leiden an mich herantreten würden? Eine grenzenlose Mutlosigkeit überkam mich, und ich nannte mich einen elenden Feigling, gezögert zu haben, als ich schon so nahe am Styx gestanden. Oh, wenn doch schon alle Qualen, alle Zweifel ein Ende hätten! Wie ich mich nach der Zärtlichkeit Li Bais sehnte! Würde er auch als Gatte mir so fremd bleiben? Wie schrecklich, wie schrecklich! Warum, warum hatte ich »ja« gesagt? Aber da stieg wieder jene schreckliche Leidenszeit in London vor mir auf und die Frage starb dahin im Herzen, bevor sie sich noch recht geformt hatte.

Der prachtvoll gekleidete Bote überreichte unterdessen im Nebengemache meiner Mama eine chinesische Rolle, auf der mit kunstvollen Zeichen geschrieben war, was ich Mama schon früher erzählte, das darauf stehen würde, nämlich, daß der dumme Vater seines noch dümmeren Sohnes nicht selbst um die Braut kommen, um sie von meiner Mama hohen und ehrenvollen Palast in seine niedrige Hütte zu führen, sondern lieber einen Boten schicken wolle, der melden soll, daß alles zum Empfange der Braut bereit sei. Der Brief, der auf rotem Papier geschrieben war, endete mit dem Wunsche, daß Mama ein Alter von hundert Jahren erreichen und ihr Geschlecht bis ins fünfte Glied gesegnet werden möge. Damit empfahl sich von der großen Mama der dumme jüngere Bruder. Chinesische Höflichkeit!

Jetzt begannen sowohl Mama als Jenny, trotz aller meiner Bitten, sich zu beherrschen, fürchterlich zu weinen und wollten mich immer und immer wieder in die Arme schließen, wogegen sich die fünf Chinesinnen, meine Ehrenjungfrauen, entschieden wehrten, so daß ich beständig hin und her gerissen wurde. Zum Schlusse schob mich eine ehrwürdige chinesische Matrone, die selbst schon viele Söhne ins Leben gesetzt hatte (denn nur eine solche darf es tun), zur Tür hinaus und warf mir, bevor ich die Schwelle überschritt, ein seidenes Tuch – natürlich auch rot – vor das Gesicht und über den halben Kopf, auf daß niemand meine Züge sehen sollte. Hierauf hob man mich in den engen Brautsessel, der auch ganz rot verkleidet und reichlich mit Seide austapeziert war, schob die rotseidenen Vorhänge zurück, versiegelte die Oeffnung mit einem kleinen roten beschriebenen Papierstreifen, und erst als nirgends mehr ein neugieriger Blick oder auch nur ein Lufthauch eindringen konnten, setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Ich im engen Stuhle, wo ich nur zusammengekauert sitzen konnte, sah nichts und atmete schwer, ich vernahm nur das wilde Pochen meines eigenen Herzens und fühlte nur eins: Das immer wiederkehrende Flehen, daß Li Bai lieb gegen mich sein würde. Wie ich mich vor all dem neuen fürchtete! Nicht nur vor der fernen Zukunft, sondern auch vor der nahen, der ganz nahen! Ob Männer ahnen, wie unser Herz vor Angst klopft, wenn wir unser Geschick auf ewig in ihre Hand legen? Ob sie wissen, wie schrecklich die Furcht vor jedweder Brutalität uns die Kehle zusammenschnürt? Ob sie rücksichtsvoller wären, wenn sie es wüßten? Es gibt wohl einige, die es sind, doch ach, ihre Zahl ist so verschwindend klein!

Jenny erzählte mir später, daß der Zug mit Musikanten begann, die auf einer Art Trompeten die ohrenzerreißendsten Laute hervorbliesen, während andere allerlei merkwürdige Instrumente bearbeiteten, die ganz gut imstande waren, auch das widerstandsfähigste europäische Trommelfell zu zersprengen; ihnen folgte eine lange Reihe von Fahnenträgern, die auf Stöckchen rote Bänder mit allerlei glückverheißenden Aufschriften trugen, welche sie erregt hin und her schwenkten und nicht wenig Lärm mit ihren Zungen dazu machten. Hinter diesen kamen andere Chinesen, die farbige Lampions trugen, was nach Jennys Angabe sehr hübsch aussah, fast wie unser Fackelzug daheim. Die Lampions waren vorwiegend rot, doch fand man auch andere Farben vor und alle hatten Sprüche darauf geschrieben, was die Wirkung vom chinesischen Standpunkt aus sehr erhöhte. Eine Anzahl Chinesen trugen große rotgemalte Schilder, auf denen in goldenen Buchstaben allerlei Zitate von Konfuzius und anderen großen Denkern standen, oft auch nur von Gelegenheitsdichtern geschrieben, die mit ihren Lobsprüchen den Ehestand verherrlichten. Hie und da sah man auch einen Chinesen mit einer Gans unter dem Arm – das Symbol ehelicher Treue – das sehr hochgehalten wird. Es gibt also, wie man sieht, Länder, wo selbst eine Gans zu Ehren kommt. –