Im Hause eines Mandarinen sind Gefängnisse, Gerichtssäle, Gästeräumlichkeiten und schließlich die Privatwohnung beisammen untergebracht und geschickt verteilt. Als wir endlich dieses Haus erreicht hatten – das sich schon von außen durch die Stufen, die zum Tore hinaufführten, von den Häusern eines gewöhnlichen Sterblichen unterscheidet und das auch drinnen, wenn man einmal die verschiedenen Höfe und Pforten durchschritten hat und innerhalb der Mauer, die um so ein Haus oder besser einen Häuserkomplex führt, sich großer Ausdehnung erfreut – trug man mich samt meines Marterstuhles, in dem ich mehr tot als lebendig hockte, durch eine Doppelreihe von Musikanten. Sie brachten nicht nur mich zum Leben zurück, sondern sie hätten mit ihrem Lärm selbst die Toten aus den Gräbern hervorzaubern können – die Posaunen von Jericho mußten die reinsten Aeolsharfen gegen die chinesischen Musikleistungen gewesen sein. In der Vorhalle nahm Li Bai in Gegenwart aller Gäste feierlich die Siegel ab, klopfte an den Brautstuhl und schlug die Seidenvorhänge zurück. Eine chinesische Dienerin hob mich, noch immer mit dem »roten Fetzen«, wie ich das Seidentuch, das mir jede Aussicht benahm, innerlich betitelte, vor dem Gesicht, aus der Sänfte, lud mich geschickt, wie einen Lumpensack, auf den breiten Rücken und humpelte mit mir so durch mehrere Räume, sprang sogar über ein eigens zu diesem Zwecke entflammtes Holzkohlenfeuer, während eine zweite Dienerin einen Napf Reis, einige Speisestäbchen und Betelnüsse über mein sündiges Haupt hielt, was alles zusammen Dauerhaftigkeit und Ueberfluß bedeuten soll.

Im nächsten Raume angekommen, durfte ich mein Tuch bis über die Lippen heben um die »Vereinigungsbecher« roten Weines, die mit roten Bändern verbunden und bis zu unserer Ankunft mit einem roten Tuch geheimnisvoll umwunden waren, zu leeren. Kaum war dies geschehen, als man mich wieder auflud – Jennys Vergleich mit einem Kartoffelsack paßte auch in dieser Hinsicht vortrefflich – und mich in der großen Halle oder dem Haustempel vor der Ahnentafel wieder ablud, damit Li Bai und ich einen tadellosen Kotau vor den Vorfahren der berühmten Ming-Tse-Familie machen konnten. Li Bai opferte ihnen Wein. Sobald dies geschehen war, war der eigentliche Trauungsakt vorüber. Ich wurde wieder hochgenommen und durch eine Anzahl Zimmer und über den breiten Garten – so viel konnte ich trotz des Tuches bemerken – in unser künftiges Heim getragen. Hier setzte mich die Chinesin auf das Bett, die Hochzeitsgäste und andere Besucher – denn an solchen Tagen ist ein chinesisches Haus von allen Leuten überlaufen, ja selbst Bettler dringen ein, wenn man sich nicht früher mit einer großen Summe abkauft – stellten sich um mich, und Li Bai, der sich auf das zweite Bett geschwungen hatte, nahm mir langsam das eklige Tuch vom Gesicht. Schon nach einigen Augenblicken wünschte ich mir das Tuch lebhaft zurück, denn nichts zu sehen war noch immer besser, als in alle diese neugierigen Augen zu blicken, die mich feindselig betrachteten. Meine zukünftige – nein, jetzt schon meine wahre und unabschüttelbare Schwiegermutter – besah mich mit kritischen Blicken, denn in der Regel kennt sie die Schwiegertochter schon vor der Ehe, prüft sie mit Rücksicht auf ihre Kenntnisse in feinen Handarbeiten und im Gitarrespiel, wenn es sich um reiche Familien handelt. Bei armen Familien kommt meist ihre Körperkraft in Betracht, da sie als Lasttier dem künftigen Gatten und seiner ganzen Familie dienen soll, daher wählt man oft eine Frau, die um einige Jahre älter als der Mann ist, damit sie in jeder Weise den gestellten Ansprüchen entsprechen kann.

Hier war es nun ganz anders. Der Mandarin hatte alles erledigt und auch erzählt, daß ich keine der chinesischen Tugenden, wohl aber nützliche europäische Eigenschaften besäße, die ihrem Sohne zugute kommen dürften, über die seine Gattin aber weder ein Urteil formen, noch irgendwie Aufsicht halten konnte. Sie war eine kleine magere Frau mit straff zurückgestrichenem Haar, das nur im Genick einen Knoten bildete, und ich konnte nun leicht begreifen, warum Li Bai so klein und so zart war, trotzdem sein Vater sich einer für einen Chinesen ungewöhnlichen Größe erfreute. Li Bai war eben das Ebenbild seiner Mutter.

Alle Hochzeitsgäste besahen mich vom Scheitel bis zur Zehe, bis mir ganz unwohl wurde und nur eins mir zur Beruhigung war – nämlich, daß meine geringen Kenntnisse des Chinesischen mich nicht in den Stand setzten, alles zu verstehen, was um mich herum gesagt wurde, denn an diesem Tage hat jeder Gast das Recht und selbst die Pflicht, seine Meinung so unumwunden als möglich über die Braut auszusprechen und so viele anstößige Witze über sie zu machen, als es überhaupt denkbar ist. Die Braut aber muß unbeweglich sitzen, darf weder lachen noch weinen, noch sich vom Bette wegrühren oder eine Miene verziehen. Sie sitzt unbeweglich auf dem Lager, während alle sie betrachten wie etwa ein ausgestelltes Pferd, ein zu verkaufender Hund, oder ähnliches. Vom Kopfende des Bettes flattern rote Papierstreifen in Masse nieder. Auf einigen steht, so übersetzte mir Li Bai später, »Von diesem Bette aus möge sich euer Stammbaum gründen«, oder »Möget ihr mit Kindern reich gesegnet sein«, oder »Mögen Söhne in reicher Zahl euch erfreuen« und andere, mit ähnlichen Worten und gleicher Bedeutung, Sprüche, die mir gar keine Freude machten und deren Nichterfüllung ich innig erhoffte und sehr wünschte.

Ein spanisches Sprichwort sagt: »Sei der Tag lang oder sei er kurz – endlich erklingt dennoch das Aveläuten.« War der Tag mir auch länger als alle erschienen, die ich bis jetzt durchleben mußte, so brach doch auch der Abend an und damit nahm das Festessen seinen Anfang. Mama und Jenny nahmen nicht teil – das wäre wieder gegen die Sitten des Landes gewesen –, und ich war wirklich froh darüber. Es war mir stets leichter, eine unangenehme Lage, die sich nicht ändern ließ, allein zu überleben, als andere zu Zuschauern zu haben, die es mir wahrscheinlich nur erschweren würden die mühsam erkämpfte Fassung zu bewahren. Die Männer saßen in einem Zimmer an einem Tische, die Frauen alle in einem anderen Raume auch an einem Tische, und alle bedienten sich der gebenedeiten Stäbchen, mit denen ich noch immer nicht ordentlich umgehen konnte. Die niederen Sitze, die merkwürdigen Gefäße und merkwürdigeren Speisen, die meiner Ansicht nach aus zusammengeschnittenen Katzen, Hunden und Ratten bestanden (natürlich nur Einbildung, denn wir hatten Hühner und ähnliches Geflügel klein zerschnitten), die komischen Eßwerkzeuge und das ununterbrochene Geschnatter in einer mir fast ganz fremden Sprache – alles machte mich glauben, daß ich mich unter wilden Menschen befand. Appetit hatte ich keinen – und aus guten Gründen – und daher störte mich der Gebrauch der Stäbchen nicht. Ich mischte und mischte in der Schale herum und schien von allem zu essen, in Wirklichkeit kamen nur ein paar Bissen über meine Lippen und nur dem Tee huldigte ich, da er mich erfrischte. Sprechen konnte ich mit keinem Menschen und das erwartete scheinbar auch niemand von mir. So saß ich an der Tafel, eine traurige, kleine rote Seidenfigur, auf die alle Augen unablässig neugierig gerichtet waren, und hoffte, daß die Mahlzeit doch endlich aufhören würde. Ich dachte an Mama, an Jenny, an mein Vaterland, an meine Vergangenheit und wohl meist an Li Bai, aber Tröstliches leuchtete mir nicht aus allen diesen Gedanken entgegen. Jede Minute machte mich nervöser, je mehr der Abend vorrückte, um so weniger wünschte ich Li Bai zu sehen. Schließlich bedeutete sein Kommen meinen Fall vom Regen unter die Traufe oder von der Pfanne in das Feuer. Ich fühlte nur ein brennendes Verlangen, mich flach auf den Boden zu werfen und zu weinen – zu weinen – wie ich es seit London nicht mehr getan hatte.

Als die Suppe eingenommen worden war – damit hört eine chinesische Mahlzeit ebenso sicher auf, als eine europäische damit beginnt, und nachdem große Bowlen Reis und unzählige Schüsseln voll Herrlichkeiten in die Mägen der Anwesenden hinabgewandert waren –, wurde ich wieder zurück in das Brautgemach geführt, wo Li Bai mich begrüßte. Ich hätte ohnmächtig werden können, wenn ich überhaupt imstande gewesen wäre noch etwas zu tun, aber ich fühlte mich nicht mehr – ich war wie eine Wachspuppe, die sich bewegt, in der aber kein Leben ist.

Li Bai schickte alle Gäste fort – eigentlich sollen die jungen Gatten erst in der dritten Nacht allein gelassen werden, aber dagegen hielt sich Li Bai auf –, kam auf mich, die ich wie ein Häufchen Unglück am äußersten Bettrand zusammengekauert und stumm saß, zu und küßte mich zum erstenmal auf die Lippen.

»War es sehr schlimm, Käthe, so zu sitzen?« fragte er freundlich. »Du bist sehr brav und tapfer gewesen!«

»Nein, nicht so sehr,« erwiderte ich und fühlte, daß etwas in mir zu tauen begann, denn seine Zärtlichkeit tat mir in diesem Augenblicke wohler als meine Feder es je beschreiben könnte.

Er nahm mir langsam den schweren Brautschmuck ab, strich liebkosend mit der Hand über meine Wange und küßte mich mehrmals, was mich bald die Leiden der vergangenen Stunden und all die bitteren Zweifel vergessen ließ. Vielleicht würde ich dennoch glücklich werden. Ich faßte den festen Entschluß, meinem Gatten in jeder Weise entgegenzukommen und obschon ich auch in diesem Augenblick keineswegs seine Wünsche teilte, ließ ich es doch ruhig geschehen, daß er mir half, aus den unbequemen chinesischen Kleidern zu schlüpfen, wenngleich sie mir plötzlich gar nicht mehr unbequem schienen. So ändern sich je nach den Umständen unsere Anschauungen.