Am nächsten Morgen mußte ich mich wieder in chinesische Kleider kleiden, diesmal in dunkelblau, wenn ich mich recht erinnere, die wieder reich mit Gold gestickt waren, und deren Farbe, glaube ich, ein Sinnbild ehelicher Tugend sein sollte.

Jenny hatte rotgeweinte Augen und nicht nur ihre Guckerchen und ihr Gesicht, nein, ihre ganze graziöse Gestalt war ein verkörpertes Fragezeichen an mich. Ich lächelte ihr beruhigend zu – es mag wohl auch nicht sonderlich angenehm sein, einen Europäer zu heiraten und Li Bai war recht nett gegen mich gewesen, eine Klage wäre daher unbegründet erschienen.

Die Festlichkeiten nahmen ihren Fortgang. Masken betraten das Haus, um die Braut mit ihrem schrecklichen Aussehen erfolgreich durch das ganze große Haus zu jagen, hier, wo man fünfundsechzig Zimmer hatte, die alle zur Feier des Tages offen standen, wahrlich keine Kleinigkeit, um so mehr, als ich mich wahrlich nicht zum Laufen aufgelegt fühlte. Aber irgendwie entging ich ihnen doch und da ich unter Diwanen verschwand und mich gegen Kasten aller Arten drückte, fanden sie es amüsanter, die europäisch gekleidete Jenny zu verfolgen, die wie ein Wiesel vor ihnen herflog und schrie – schrie –, daß selbst chinesische Ohren davon befriedigt werden mußten, wie sehr sie sich auch nach Lärm sehnen. Der Mandarin erschien zufällig auf der Schwelle und lachte wirklich herzlich, als er Jenny so wild schreiend durch den Garten galoppieren sah. Endlich kam ihr Chung-Fu, mein Schwager, zu Hilfe, in dessen Arme sie plötzlich lief – was, wie sie mir nachher anvertraute, noch viel schlimmer war, als vor den schrecklichen Masken laufen zu müssen.

»Glaubst du, Käthe,« fragte sie, indem sie sich an mich schmiegte, »daß – der Doktor – dies – dies – als unpassend betrachten würde?«

»Meine liebe Jenny,« erwiderte ich und setzte eine unergründliche Miene auf, »kommt es dir nicht selbst treulos vor gegen den armen Doktor, der deine blonde Locke immer in der Brieftasche nahe an seinem nur für dich schlagenden Herzen trägt, daß du dich so mir nichts dir nichts einem Chinesen an den Hals wirfst?«

In Jennys Gesichtchen wetterleuchtete es bedenklich.

»Aber Käthe – ich – ich – bin ihm ja nicht – gar nicht – absichtlich in die Arme gelaufen – und – und es war so – so schrecklich!« sagte sie ganz verzagt und stotternd.

»Mach' dir nichts daraus, Jenny,« entgegnete ich munter und sah sie schelmisch von der Seite an. »Der Doktor wird es mit der Treue wohl auch nicht so genau nehmen und trotz der blonden Locke noch andere Mädchen an sein Herz drücken.«

»Oh, Käthe!« rief meine Schwester voll Entsetzen und machte so runde Augen, die sich überdies noch mit Tränen zu füllen begannen, daß ich sie augenblicklich in die Arme schließen und ihr sagen mußte, daß der Doktor ein Muster der Treue und Tugend war, der nur an sie dachte und nur für sie lebte, und daß auch sie ihm, trotz der unfreiwilligen Umarmung Chung-Fus (wie angenehm so eine Umarmung auch an und für sich sein mochte) seiner ganz würdig geblieben – vollkommen würdig, diesen Halbgott nach ihrer Heimkehr auf ewig glücklich zu machen.

»Oh, süßeste Käthe, glaubst du das wirklich?« fragte sie und sprang jubelnd auf. »Von allen Schwestern auf Gottes Erdboden bist du die weiseste und netteste und beste!«