Und daraus kann der Leser ersehen, wie leicht es ist, Beifall zu gewinnen, wenn man nur das sagt, was der andere hören will.

Bei der Festmahlzeit war die Tischordnung in gewissen Punkten europäisiert worden. Wohl saßen die Herren alle am unteren Ende der großen Tafel und die Frauen, wenn auch nicht in einem anderen Gemache, so doch abgesondert am oberen Tafelende, aber in der Mitte war es doch so eingeteilt worden, daß Mama den Mandarin, Jenny Chung-Fu und ich Li Bai an meiner Seite hatte. Mama und der Mandarin sprachen von europäischen Sitten und Gebräuchen, und Mama sprach lebhaft und unbefangen, als ob sie ihr ganzes Leben nur mit Chinesen zusammen gesessen, Jenny dagegen hatte ihr liebes Kreuz mit ihrem Tischnachbar, der nur sehr wenig Englisch, gar kein Deutsch und daher nur mit Gebärden sprach, die, vereint mit chinesischen Brocken, einigen englischen Wörtern und der Augensprache, zu der Chung-Fu als letztes verzweifeltes Mittel griff, eine Art primitiver Konversation zur Not zuließen. Verstand Jenny auch nur schlecht Englisch und gar kein Chinesisch und war die Gebärdensprache oft nicht ausdrucksvoll genug – auf die Augensprache verstand Jenny sich wie selten jemand und damit ging es endlich auch geläufig, nur hatte meine Schwester augenscheinlich keine Lust, mit einem Chinesen zu flirten.

Wir hatten Vogelnestersuppe, die Mama ungemein interessierte, deren Name aber nur eine falsche Uebersetzung eines Seegewächses ist, ferner frische Bambusblätter als Gemüse, die wirklich schmackhaft waren, Schinkenscheiben, die ganz an unseren Westfäler Schinken erinnerten, saftiges und schön serviertes Zuckerrohr, chinesische Kuchen, die wie umgestülpte Pfannen aussahen und die mit allerlei Schriftzeichen und Arabesken reich verziert waren, parfümierten Tee und andere Seltenheiten. Li Bai war, wie immer, sehr aufmerksam und warf mir mit seinen Stäbchen allerlei Leckerbissen in den Napf – Jenny dagegen, die immer auf und nieder sah und nie acht gab, was sie tat, war den unausgesetzten und ihren europäischen Begriffen sehr ungewohnten Angriffen ihres jüngsten Anbeters und Tischnachbars ausgesetzt und mir eine unerschöpfliche Quelle der Belustigung.

Schon als Kind hatte Jenny die Gewohnheit, den Mund offen zu halten, sooft sie über etwas erstaunt war. Hier, an einer chinesischen Tafel, wo alles auf merkwürdigen Schüsseln serviert wurde, wo die Gerichte selber so interessant und neu waren, wo man eigentümliche Laute vernahm, die in Europa – wenigstens in der guten Gesellschaft – nicht gang und gäbe waren, wo die Frauen mit ihren gemalten Augenbrauen, die Männer mit ihren glattrasierten Vorderköpfen und ihren Zöpfen (glücklicherweise hatten noch einige die Zöpfe nicht abgeschnitten), so fremdartig wirkten und ununterbrochenes Staunen erregten, kam es selbstredend oft vor, daß Jenny ihren hübschen Mund weit offen hielt und das Essen ganz vergaß.

Nach chinesischer Sitte darf der Gastgeber so etwas nicht zulassen. Daher formte Chung-Fu jedesmal in seiner eigenen Schüssel einen Knödel aus den besten Leckerbissen und war nicht so genau damit, ob er die Finger auch noch dazu zu Hilfe nahm oder nicht, und schob ihn, sobald das Meisterwerk transportfähig war, in Jennys einladend offengehaltenen Mund, die sofort anfing, Erstickungsversuche zu machen oder den Knödel herauszuwerfen. Vergebliche Mühe! Chung-Fu hatte so etwas vorausgesehen und hielt daher vorsorglich seine Hand dicht vor ihre Lippen. Der Knödel mußte hinunter – heraus konnte er nicht.

Sooft meine Schwester mit dem Stäbchen umsonst Fischversuche in ihrem Trögchen unternahm und ihre Augen vor Verwunderung weit aufriß, wenn die Ladung im letzten Moment zurückrollte, benützte der aufmerksame Chung-Fu, dem eine solche Danaidenarbeit jedenfalls Mitleid abpreßte, auch die Gelegenheit und schob ihr etwas in den Mund – mit seinen Stäbchen, seinen Fingern oder auf andere Weise, das war ganz Nebensache –, Jenny wurde gefüttert, wie sehr sie sich auch wehrte.

Diese Fütterungsprozesse unterhielten nicht nur mich, sondern die ganze Tischgesellschaft – besonders die weibliche. –

Am dritten Tage hatte ich ein lichtes, gold- und silbergesticktes Seidenkleid an, das auch irgendeine symbolische Bedeutung hatte, die ich indessen vergessen. Heute erst wurden wir endgültig verbunden, denn man führte uns zu den Stammtafeln der Vorfahren, in anderen Worten an den Hausaltar, wo wir drei tiefe Kotaus machen mußten. Zu beiden Seiten des Altars standen schön geschmückte Tische, auf welchen Eß- und Trinksachen aller Art aufgestellt waren, die den Ahnen geopfert wurden. In der Mitte der Halle befand sich eine Art Podium und dieses bestieg nun der Mandarin, gleichfalls in seiner Festtoilette, und teilte unter zahllosen Kotaus den Vorfahren mit, daß Li Bai und ich nach allen Regeln der chinesischen Sitte und nach Befragung des Zauberers Mann und Frau geworden waren und daß er, der Mandarin, nun um den Segen der Vorfahren für uns bitte. Er verließ nach weiteren Kotaus den erhöhten Sitz und wir traten näher, um den von diesem wichtigen Akte verständigten Ahnen unsere Aufwartung zu machen, die in der dreimaligen Wiederholung eines tadellosen Kotaus bestand. Damit waren die eigentlichen Hochzeitszeremonien zu Ende und wir in den Augen der ganzen Familie erst wirklich Mann und Frau, deren erste Aufgabe es nun sein mußte, so schnell wie möglich einen Sohn und Erben zu bringen.

Würde ich eine echte Chinesin gewesen sein, so hätte ich an diesem Tage meinen Eltern eine Gans oder doch den Teil einer gebratenen Gans nach Hause getragen haben, als Zeichen, daß mein Gatte mit mir zufrieden und an meiner Unschuld nichts auszusetzen war.

Mama und Jenny sollten noch etwa drei Wochen bleiben, Jenny vielleicht sogar drei Monate, und vorläufig wohnten beide in den Gastzimmern, über die jeder Mandarin reich verfügt. Jeden Abend wurden alle Tore sorgfältig geschlossen und von da ab machte der Nachtwächter seine Runde – niemand konnte heraus, niemand mehr hinein, ohne von ihm gesehen zu werden.