Die chinesische Zeitrechnung weicht von der unsrigen bedeutend ab. Die Jahre rechnet man entweder nach einem Zeitabschnitt von 60 Jahren oder nach der Regierung eines Herrschers, der bei seiner Thronbesteigung immer auch eine Art Regierungstitel annimmt. Letztere Art ist die verwickeltere. Die Monate selbst richten sich genau nach dem Monde und zählen bald 29, bald 30 Tage, aber um den dadurch entstandenen Unterschied auszugleichen, hat man alle drei Jahre einen Extramonat und rechnet in Zeitabschnitten von 19 Jahren, während welcher Zeit sieben Extramonde eingeschoben werden. Für die ersten zehn Tage jedes Monats hat man einen besonderen Namen. Der Tag wird in zwölf Stunden eingeteilt und jede chinesische Stunde entspricht zwei europäischen Stunden.

Die Tage flossen ruhig dahin. Mama und Jenny wanderten in Tientsin herum, besahen alles, was sehenswert war und ließen sich selbst durch angebrochene Kälte nicht abhalten. Ich brauchte mich um den Haushalt nicht zu kümmern – die chinesischen Diener und Dienerinnen besorgten alles und man hat ihrer viele, da ein Monatslohn sich auf ein bis zwei Mark beläuft. Kost und Wohnung muß man allerdings dazurechnen, aber wie wenig ist das, wenn man unsere Löhne in Europa betrachtet! Die Kost erhielten wir, wie alle Hausgenossen, aus der gemeinsamen Küche des Mandarins. Wenn irgendwo noch ein Staubwölkchen blieb, so war Li Bai schon hier, um es mit wahrem Genuß abzuwischen. Er fand kein größeres Vergnügen, als so recht eifrig überall Ordnung zu machen, alles nett aufzustellen, und alle seine Sachen durchzusehen. Meine Hauptaufgabe bestand daher darin, Li Bai zu überreden, mit mir auf deutsch, englisch oder französisch zu lesen und sich die englische Literatur und Geschichte etwas öfter und näher anzuschauen als bisher. Umsonst! Wohl lasen wir häufig zusammen und ich konnte auch kleine Fortschritte bemerken, die besonders den Mandarin beglückten, wenn er gegen Abend auf eine Stunde zu uns kam, aber dauerndes Interesse oder wirklichen Fleiß konnte ich bei ihm nie zutage fördern. War er nicht in Stimmung, so sagte er, daß er sich »miserable« fühlte und da war mit ihm nichts anzufangen. Schon in London hatte ich bemerkt, daß eigenartige Stimmungen ihn überkamen, jetzt aber gestand er mir offenherzig ein, daß er in solchen Augenblicken und an solchen Tagen (mir fiel es später auf, daß sie sich etwa alle vierzehn Tage wiederholten und immer am ärgsten zu Beginn jedes Monats waren) die Lust in sich fühle, jemand zu töten oder doch recht weh zu tun. Körperlich tat er mir nicht weh, aber moralisch folterte er mich an solchen Tagen bis zur Unerträglichkeit. Er konnte die grausamsten Sachen äußern, die ihm durch den Kopf fuhren, und konnte ein geradezu teuflisches Vergnügen daran finden, mich weinen zu machen. Sah er erst Tränen in meinen Augen, so quälte er mich auf die entsetzlichste Art stundenlang weiter und nur als ich gelernt hatte, gleichgültig auszusehen, ließ er schneller von dieser Quälerei ab. Wenn er diese Anfälle hatte, so leuchteten seine Augen finster und bösartig unter den geschlossenen Lidern hervor, und sein Gesicht verzerrte sich von Zeit zu Zeit zu einem höhnischen Lächeln. Es war umsonst, in solchen Augenblicken ein besseres Empfinden in ihm wachzurufen – er war gegen alles Gute und Edle taub. War der Anfall vorüber – er war oft von Kopfschmerzen begleitet und dauerte von sechs Stunden bis über zwei Tage –, so war er wieder der nette kleine Chinese von ehedem. Wenn ich ihm dann leise vorhielt, daß er so wenig nett gegen mich gewesen, versuchte er alles gut zu machen, indem er mich küßte, was er als Universalmittel gegen alle meine Leiden ansah, da ich, in deren Herzen die Hoffnung auf bessere Zeiten immer wieder bei dieser Zärtlichkeit zu erwachen begann, stets lächelte, wenn er mich küßte.

Ausgehen durfte ich nicht – war er übellaunig, d. h. »miserable«, wie er es nannte, so quälte er mich halb zu Tode dafür, und war er gut gelaunt, so neckte er mich und warf mich scherzweise herum und brummte wohl stundenlang, indem er kühn behauptete, daß ich das Wiederkommen ganz vergessen hätte. Daher schloß ich mich Mama und Jenny beim Ausgehen kaum an. Fragten die beiden Li Bai, ob ich denn nicht mitgehen dürfte, so entgegnete er: »Gewiß, gewiß,« aber nachher war es ebenso gewiß, daß er mich dafür ordentlich quälte.

Blieb ich indessen bei ihm zu Hause und waren seine Anfälle vorbei, so hatten wir eine unerhört schöne Zeit. Da spielte Li Bai mit mir Fangen, Verstecken und andere Spiele, küßte mich oft und zärtlich und verwandelte sich ganz in eine kleine nette Spielkatze. Ich hatte eine ungewöhnlich ernste Kindheit gehabt – Jenny, die ein Muster des Gehorsams war, blieb gern bei den vielen Mädchen in der Pension. Aber für mich, den Aufwiegler, den Freigeist und Ausbund des Ungehorsams und der Widersetzlichkeit, bedankte man sich sofort und schickte mich zurück, dahin von wo ich gekommen. Ich hatte deshalb nur wenig Spielgenossen gehabt, lieber gelesen, gelernt und gegrübelt, wie frühreife Kinder es tun, und fühlte mich nun wirklich glücklich darüber, daß ich einen so heiteren Spielkameraden in meinem Gatten gefunden hatte. Zum Ideenaustausch und moralischen Halt konnte er mir nicht dienen, als Gatte entsprach er zu wenig unseren europäischen Anschauungen, aber als Spielgenosse war er unübertrefflich und noch heute denke ich mit ungetrübter Freude an unser Spiel zurück – wie wir aufeinander warteten, wie eines das andere aussperrte, wie ich mit seinem Tagebuch davonlief und er meine Briefe zu erhaschen und zu untersuchen versuchte und wie das einzige Mittel, das ich erfolgreich gegen seine kräftigen Hände (denn er war sehr stark) verwenden konnte, der große Badeschwamm war, den ich ihm vollgetränkt entgegenhielt und vor dem er große Hochachtung hatte, so daß ich den Schwamm als meinen sichersten Schild betrachtete und bei unseren Neckereien immer zuerst auf den Waschtisch zuflog.

Li Bai hatte seit dem Hochzeitstage, wo er ganz wie ich in rotseidene und goldgestickte Roben gehüllt gewesen war, seinen europäischen Anzug abgelegt und trug nun ausschließlich sein kaftanartiges chinesisches Gewand aus weicher Seide, das zur Winterszeit warm wattiert war. Er fragte mich oft, ob ich nicht auch lieber die Trachten der chinesischen Frauen tragen würde, doch dagegen wehrte ich mich, nicht etwa aus lächerlicher Eitelkeit, sondern nur weil ich damit allzusehr jede Spur der Europäerin verwischt hätte, und dies wünschte ich um meiner Schwiegermutter willen nicht. Sie haßte mich, das fühlte ich ganz genau, wenn sie auch nie irgend etwas offen Feindliches gegen mich unternahm. Sie wußte Li Bais Stimmung auszunützen, wenn er »miserable« war, um mich durch ihn quälen zu können, und ich verdankte es auch ihr, daß Li Bai sich so sehr sträubte, mich mit meinen Verwandten ausgehen zu lassen.

Der Mandarin hatte noch außer Li Bais Mutter, seiner rechtmäßigen Frau, drei Konkubinen, die der armen Frau das Leben oft schwer machten und Li Bai, der seine Mutter innig liebte – sie war gewiß die einzige, der dieses seltsame Herz ganz gehörte –, war oft streng und unfreundlich gegen diese drei Sklavinnen, wie er sie nannte. Ich sprach nur wenig mit meiner Schwiegermutter, da meine Kenntnis des Chinesischen eine allzu geringe war, und wenn ich auch manchmal mit Li Bai in die seltsame alte Küche gehen durfte, um sie dort ihre Befehle erteilen zu sehen, wichen wir uns gefühlsgemäß doch so oft als möglich aus; ich hütete mich aber ebensosehr, die drei Sklavinnen irgendwie zu beleidigen und grüßte sie immer, sooft wir uns trafen, was, wenngleich Li Bai unangenehm, dem Mandarin sehr angenehm war.

So war es mir gelungen, ohne Feindlichkeiten im Hause meines Schwiegervaters zu leben, bis ein Ereignis eintrat, das sehr nachhaltige Folgen nach sich zog. Seit mehreren Wochen – Mama hatte ihren Aufenthalt ausgedehnt und war nun schon fünf Wochen länger als ursprünglich festgesetzt, in Tientsin – war ich täglich, mit Li Bais »ungnädiger« Erlaubnis (er fügte sich nur den Befehlen seines Vaters), zur Bank gezogen, wo ich zuerst nur vereinzelte Briefe, später aber eine ganz beträchtliche Zahl, schrieb, besonders als der Mandarin sich überreden ließ, eine Schreibmaschine zu kaufen, mit der ich allein umgehen konnte.

Wir sprachen fast nie mehr als das Allernotwendigste miteinander, und ich unterließ es nie, so höflich als möglich gegen meinen Schwiegervater zu sein, dessen immer gleiches ruhiges und unergründliches Wesen mir Achtung und Interesse einflößten, zu denen sich auch etwas heilsame Furcht mischte. Er legte meist die Arbeiten vor mich auf den kleinen Tisch und sagte in kurzen Worten, was er auszudrücken wünschte. Er rechnete nie seine Zahlen im Kopfe oder selbst auf dem Papier aus, sondern bediente sich wie alle Chinesen und Japaner der Rechentafel, die sieben Kolonnen umfaßte und auf der man sicherer und schneller als nach unserem europäischen System bis in die Millionen rechnen konnte. Hatte er die Summe bestimmt, so schrieb er sie in chinesischen Ziffern nieder, die ich sehr gut lesen konnte, da ich mich schon in Europa daraufhin geübt hatte, und zur Vorsicht übersetzte ich sie stets in unsere Ziffern, auf die er zur Prüfung immer noch einen Blick warf. War alles erledigt, so setzte ich mich an die Maschine und schrieb voller Seligkeit einen Brief nach dem anderen. In London, wo ich oft die fesselndsten Uebersetzungen zu machen hatte, wäre mir diese Bankarbeit entsetzlich einförmig erschienen, aber hier war es mir, als ob ich wieder einmal freigelassen worden wäre, um mich in meinem gewohnten Element zu tummeln. Da fiel das Fremdartige und Gedrückte meines Wesens ab, da wurde ich wieder fest und bestimmt in allen meinen Ansprüchen und fühlte neuerdings, daß ich ein vollberechtigter Mensch war.

Mein Schwiegervater lobte mich nie – weder wenn ein Funken von erhöhtem Wissen sich bei Li Bai zeigte, der gern ein wenig vor seinem Vater seine Kenntnisse lüftete, noch wenn in der Bank ein Brief nach dem anderen in verschiedenen europäischen Sprachen verfaßt rein und nett kopiert vor ihm lag –, aber ich merkte eins: er wies alle Bitten Li Bais, mich nicht zur Bank kommen zu lassen, energisch ab, und auch bei den Studien wußte er Li Bai unter mein Regiment zu stellen. Und dann kam der erste ernste Auftritt.

Chung-Fu, der zwar schon verheiratet war und auch ein Söhnchen besaß, mit dem Jenny sich lebhaft angefreundet und das von ihr sogar etwas Deutsch zu sprechen erlernt hatte, fand an meiner Schwester größeren Gefallen als es mir ratsam schien. Er folgte ihr überallhin, war immer sehr aufmerksam gegen sie und machte ihr allerlei kleine Geschenke, wenn gerade niemand in der Nähe war – Streifen mit chinesischer Schrift, Fächer, kleine Vasen usw. Jenny war leichtsinnig und wohl auch arglos, sie nahm alles an und lachte Chung-Fu aus, aber ich wurde immer besorgter und endlich bat ich Mama, wie schwer mir der Abschied auch wurde, um Jennys willen heimzureisen. Ich gab Mama keinen näheren Grund an und sagte nur, daß Jenny heiratsfähig sei und es ungerecht wäre, sie länger als nötig in China zurückzuhalten. Mama, die von den Herrlichkeiten des Himmlischen Reiches genug hatte, entschloß sich leicht zur Abreise, obschon sie mich ein »gefühlloses« Wesen nannte, da ich sie selbst darum bat. Ich quittierte den Vorwurf, so ungerecht er war, schweigend und atmete erleichtert auf – doch ich frohlockte zu früh.